Music Review | verfasst 08.03.2021
Julien Baker
Little Oblivions
Matador, 2021
Text Arne Lehrke
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Redaktion
Cover Julien Baker - Little Oblivions

Entschuldigung, haben sie einen Moment, um über Gott und die Welt zu reden? Die US-Amerikanerin Julien Baker wäre nämlich bereit für Runde drei ihrer Apologetik über ihr Suchtverhalten, ihre Offenheit über Drogen und Taubheit zu sprechen und vor allem ihre tiefschürfenden Texte über eine religiöse und selbstzerstörerische Jugend in den Südstaaten. Dabei ist sie laut geworden, denn wo die 25-jährige auf den beiden Vorgängern noch am quasi gottverlassenen Piano oder der Gitarre in isolierten und fragilen Stücken stand, springt sie neuerdings – meistens zwar immer noch in Personalunion – von Instrument zu Instrument und bläst im Alleingang Songs zu Bandstücken auf. Die komplexeren Strukturen lassen ihre körperlichen Songs über Selbstzerstörung wuchtiger, selbstbewusster wirken. Drums stampfen, Breaks verändern die Dynamik und trotzdem ist alles im Kern immer noch so fragil, dass die Lautstärke nur einen Moment darüber hinwegtäuschen kann, dass Julien Baker Musik macht, die man hört, wenn man in den Arm genommen werden möchte. Sie hat nur gelernt, besser mit den Traumata zu leben. Sie weiß, dass Drogen genauso wirkungsvoll sind wie ein Glaubensheiler (»Faith Healer«). Sie fürchtet die Wölfe nicht, sondern wacht in ihrer Höhle mit ihnen auf (»Crying Wolf«) und sucht nach Gründen, die ihre omnipräsente Traurigkeit irgendwie rechtfertigen (»Song in E«). Julien Baker gelingt mit »Little Oblivions« der nächste Schritt in der Selbsttherapie, so hofft man als aufmerksame Hörer:in zumindest in jeder Sekunde dieses meilenweit offenen Herzensausschüttens, das einem entgegengebracht wird. Und vielleicht hat sie es einfach nicht oft genug gesagt bekommen, um es selbst zu glauben, aber für das alles hier muss Julien Baker sich in keiner Weise entschuldigen.

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