Music Review | verfasst 01.06.2021
Sons Of Kemet
Black To The Future
Impulse!, 2021
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover Sons Of Kemet - Black To The Future

Ob Shabaka Hutchings in den letzten Jahren zu irgendeinem Zeitpunkt mal mehr als zwei Stunden pro Nacht pennen konnte, ist fraglich. Wobei: Muss er eigentlich. Anders wären die kreativen Kapriolen des Londoner Jazz-Reformers künstlerisch wie neurologisch kaum mehr als das Werk eines Mannes zu erklären, der überall Impulse zu setzen vermag und dabei natürlich auf einen gigantischen Cast grandioser Musiker in der unentwegt wachsenden Szene der Finanzmetropole zurückgreifen kann. Schon »Your Queen Is A Reptile« dürstete nach einer Umdeutung dessen, was Afro-Jazz sechs Dekaden nach Art Blakeys stilbildenden »Orgy In Rhythm«-Volumes sein darf, sein kann, sein sollte. So weit zurück mussten geneigte Zuhörende aber gar nicht reisen, um die Quellen der Geilheit in diesem Sound ausfindig zu machen. Ob Afrobeat oder Jazz-Funk, Dub oder Spoken-Word-Poetry, Ska oder Spirituals – die Sons Of Kemet inkorporieren schon seit dem Debüt »Burn« von 2013 alles an Einflüssen der schwarzafrikanischen Diaspora, die in den letzten hundert Jahren weltweit das Musikgeschehen veränderte. Nicht zuletzt ihre modernsten Erscheinungen aus der Pop-Welt, aber auch Archie Shepp, Roscoe Mitchell und das Art Ensemble Of Chicago lassen grüßen. Ein Anspruch, der für künftige Generationen von Musikern noch ärger zu gelten hat, weshalb »Black To The Future« schlichtweg beides ist: Eine wohldosierte Rückbesinnung auf Tugenden des passionierten Ausdrucks, aber auch ein Vorwärtsstolpern in unbekanntes Terrain. Während des Produktionsprozesses lieh Hutchings regelmäßig dem brasilianischen Komponisten Hermeto Pascoal ein Ohr und leitete aus dem karibischen Soca (Soul Of Calypso) melodisch ziselierte Midtempo-Parts ab, die etwa bei »Let The Circle Be Unbroken« in deliranten Free Jazz diffundieren. Energie wird auf dieser Platte in caps lock geballert – musikalisch wie politisch. Vom Opener »Field Negus«, geschrieben während der Black Lives Matter Proteste in London, über die Features mit Moor Mother (»Pick Up Your Burning Cross«) und D Double E (»For The Culture«) bis hin zum epischen »Envision Yourself Levitating«, in dem die Calypso-Elemente den Austausch dominanter Melodiemotive mit Support von Hörnern und Bläsern verhandeln, ist diese Platte ein kraftstrotzendes Manifest für die Selbstermächtigung von Ausgestoßenen.

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