Music Review | verfasst 08.06.2021
Ron Everett
The Glitter Of The City
Jazzman, 2021
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover Ron Everett - The Glitter Of The City

Legenden besagen, dass Ron Everett die ersten uns lange Zeit einzigen Kopien von »Glitter Of The City« eigenhändig auf den Straßen Philadelphias verkaufte, gerade als die Diskomanie ihren letzten und höchsten Höhepunkt erreichte. Wahrscheinlich ein Tatsachenbericht. Wahr ist jedenfalls, dass die spartanisch designte Vinyl LP als unterschätztes Glanzstück des späten Avantgarde-Jazz ihrer Zeit völlig unterging – ohne Budget, ohne Promo oder dem gern beschworenen instant Kultstatus. Stattdessen verschwand Everett danach wieder in der Versenkung, veröffentlichte noch ein Tape namens »By Myself«, auf dem er alles selbst einspielte, und starb 1989 als quasi namenloser Alchemist all jener Einflüsse, die seine Heimatstadt in den Jahrzehnten zuvor so groß gemacht hatten. Jazz-Funk, freie Impros, Soul-Vibes und bluesige Untertöne, die mit Everetts eigenen, lethargischen Vocals angereichert werden sind geblieben. Als sich die Jungs und Mädels der Jazzman Holy Grail Series dieses Kleinods annahmen, war die Frage: Woher die Mastertapes nehmen? Nicht mal hätte man sie stehlen können. Everetts Frau Linda verlegte sie nach all den Jahren. Fündig wurde man schließlich bei Freaks der internationalen Diggerszene: Ein Typ aus den Staaten, ein italienischer DJ und ein japanischer Platten-Archivar, der gleich mehrere Exemplare besaß. Daraus wurde eine Soundqualität gepresst, wie aus Orangen Granini. Saftigste Alt-Eskapaden von Bobby Zankel und Jimmy Savage schießen hier durch die Luft, delikateste Polyrhythmen von Lex Humphries (Sun-Ra Arkestra) und Nate Jones (James Brown’s Finest) zerfasern zwischen den Ohren, Piano und Trompete von Everett himself tönen wie Poesie, von seinen unprätentiösen Texten ganz zu schweigen. Dazwischen ein 16-köpfiger Cast von exzellenten Musikern, selbst denen unbekannt, die ganze Jazz-Enzyklopädien rezitieren können. Klingt unterm Strich einfach mal als würden Miles, Pharoah, John und Herbie in einer Paralleldimension jammen, in der sie nicht einen Funken Fame innehaben. Klassiker.

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