Books Review | verfasst 25.10.2012
Moritz Baßler, Robin Curtiz, Heinz Drügh u.a.
POP - Kultur & Kritik
transcript Verlag, 2012
Text Sebastian Hinz
Deine Bewertung:
/
Nutzer
8.5
Redaktion
Cover Moritz Baßler, Robin Curtiz, Heinz Drügh u.a. - POP - Kultur & Kritik

Pop hatte es lange schwer im wissenschaftlichen Diskurs. Zumindest in Deutschland. Ich bilde mir gerne ein, dass daran das, durch die »Kulturtheorie«-Thesen angespannte, Verhältnis von »kritischer Theorie« und Popkultur mitverantwortlich war. Das Denkgerüst von Adorno, Horkheimer & Co. war jedenfalls eine Weile maßgeblich in der Geisteswissenschaft hierzulande und es brauchte eine Weile und ein wachsendes Bewusstsein für die Komplexität, die Pop als Thema innewohnt, bis an den Akademien der Knoten platzen konnte. Bis dahin wurde die Pop-Theorie halt außeruniversitär erdacht, »in Kneipen, im Club, in Musikmagazinen wie ›Sounds‹ und ›Spex‹« (Nadja Geer). In den letzten zehn Jahren haben die Wissenschaftler vermehrt das Zepter in die Hand genommen und nun drehen sie den Spies endgültig um und gehen unter die Publizisten. Einfach »Pop« heißt das neue Magazin, das Kultur-, Literatur- und andere Geisteswissenschaftler (mehrheitlich aus Siegen, Nordrhein-Westfalen) fortan halbjährlich veröffentlichen wollen und sich möglichst schnell und wissend zu aktuellen Fragen des Populären äußern wollen. Ein einheitliches Verständnis von »Pop« gibt es nicht, soll es auch nicht geben, der »Hyper-Konnektivität des Populären« (Urs Stäheli) wird gefrönt, aber das garantiert Vielfalt und zwingt die Autoren umso eher ihre Position zum Thema darzulegen. Der berühmte Soziologe Dick Hebdige nähert sich Morrissey (»Hier mein Geständnis: Ich mag Morrissey nicht.«), Thomas Hecken fasst diverse Pop-Konzepte zusammen, Aram Lintzel schreibt über »Hypnagogic Pop«, Georg Seeßlen hinterfragt die Popularität der »Feelgood Movies«, Moritz Baßler bespricht Bücher von Simon Reynolds und Joshua Clover und bekennt sich nebenbei als Fan von We Were Promised Jetpacks; »Hier mein Geständnis: Ich mag Morrissey nicht.« (Dick Hebdige) und so geht es munter und bunter weiter. Wenn Nadja Geer in ihrem kurzweiligen Essay erst, dem Kollegen Hecken widersprechend (»Warum so streng?«), die Utopie als Gedanke im Pop zu erhalten versucht, dann anhand ihrer Pop-Annäherung das Theater von René Pollesch erklärt, nebenbei darauf aufmerksam macht, dass der Pop-Diskurs eine ziemlich männliche Angelegenheit (»ungefähr ein 3:1-Verhältnis«) ist und schließlich noch eine Lanze für den »New Materialism« bricht, dann funkelt Pop allein auf diesen 8 Seiten in so vielen Farben, wie nur selten in den Texten der berufsmäßig Pop vermittelnden Journaille. Wenn dann auch noch Bernhard Pörksen dafür plädiert, dass sich Geisteswissenschaftler, um den medialen Anschluss wiederherzustellen, »als Spezialisten für das Allgemeine« begreifen sollen, weil »sie stets perspektivische Alternativen bereithalten«, dann sollte uns Pop-Journalisten Angst und Bange werden. Oder Motivation sein, unser Thema wieder richtig ernst zu nehmen.

Das Buch »POP – Kultur & Kritik findest du bei hhv.de.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Books Review | verfasst 11.06.2012
Ole Petras
Wie Popmusik bedeutet
Eine Empfehlung für alle, die den Zusammenhang Nietzsches, de Saussures, Barthes’ mit John Lennon, Micki Krause, Bob Dylan erfahren wollen.
Books Review | verfasst 12.07.2011
Thomas Becker (Hg.)
Ästhetische Erfahrung der Intermedialität
Der Sammelband versucht einen neuen ästhetischen Blick auf die Kunst und ihre mediale Verknüpfung.
Books Review | verfasst 02.09.2011
Tatiana Golova
Räume kollektiver Identität
Tatiana Golova geht der These nach, dass sich kollektive Identitäten auch räumlich materialisieren und somit besser lesen lassen.
Music Review | verfasst 14.09.2011
Zwanie Jonson
I'm A Sunshine
Gelbes Glück in Zeiten der Leuchtstofflampe! Zwanie Jonson übt sich in Melodienseligkeit und feilt an seinem lässigen Hochglanz-Pop.
Music Review | verfasst 12.10.2011
Lana del Rey
Video Games/Blue Jeans
Bevor es richtig losgeht und im Februar das Debütalbum erscheint, gibt’s jetzt die erste Doppelsingle von Lana del Rey.
Music Review | verfasst 11.11.2011
Dillon
This Silence Kills
Das überraschendste BPitch Control-Release des Jahres. Statt Electronica präsentiert Dillon beste Popmusik á la Feist.
Music Review | verfasst 16.11.2011
Feist
Metals
Was für eine Rückkehr. Leslie Feist erfindet sich neu und bleibt sich gleichzeitig treu.
Music Review | verfasst 21.11.2011
Yann Tiersen
Skyline
Ziemlich genau ein Jahr nach Dust Lane erschein nun Skyline, das neue Album des Franzosen Yann Tiersen.
Music Review | verfasst 06.05.2008
Gnarls Barkley
The Odd Couple
Album zwei nach der surrealsten Erfolgsgeschichte dieses Jahrtausends und all jene, die Gnarls immer noch mit einem aspirierten †˜K’…
Music Review
Hareton Salvanini
Xavana, Uma Ilha Do Amor
Mad About legt den Soundtrack zu »Xavana, Uma Ilha Do Amor« des brasilianischen Komponisten Hareton Salvanini neu auf.
Music Review
Osees
Protean Threat
»Protean Threat« von Osees (auch bekannt als Thee Oh Sees) ist eine Platte für Leute, die sich noch Nietengürtel um die Hose schnallen.
Music Review
Anna von Hausswolff
All Toughts Fly
Wolkengebirge bis in den Kosmos, Höllenkreise ohne Auswege: Anna von Hauswolffs viertes Album »All Thoughts Fly« ist erschienen.
Music Review
Satoshi & Makoto
CZ-5000 Sounds & Sequences Vol. 2
Klingt wie ausgedacht? Vielleicht. Vor allem aber ist Satoshi & Makotos zweites Album »CZ-5000 Sounds & Sequences Vol. 2« wunderbar nerdig.
Music Review
Arca
&&&&&
Start des Postgenres: Arcas »&&&&&« war Prototyp für die Generation Deconstructed Clubmusic.
Music Review
Suso Sáiz & Suzanne Kraft
Between No Things
Auf dem Album »Between No Things« haben sich die Musiker Suso Sáiz und Suzanne Kraft für neun Meditationen zusammengetan.
Music Review
Drew McDowall
Agalma
Unwirkliche Räume modulierter Schönheit: Coils Drew McDowall veröffentlicht mit »Algama« einen neues Album.
Music Review
Nicolas Jaar
Cenizas
Mit »Cenizas« baut Nicolas Jaar weiter an seinem Bild vom großen Komponisten unter den Laptopmusikern.
Music Review
Little Brother
May The Lord Watch
»May the Lord Watch«, das Comeback-Album von Little Brother ist absolut nicht zeitgemäß, aber davon völlig unbekümmert.
Music Review
The Heliocentrics
Telemetric Sounds
»Telemetric Sounds«, das zweite Album von The Heliocentrics binnen eines Jahres ist dunkler, wütender, getriebener und dreckiger.
Music Review
Fabiano Do Nascimento
Preludio
»Preludio«, das dritte Album des jungen Gitarristen Fabiano Do Nascimento ist eine sehr sexy spartanische Angelegenheit.
Music Review
Acid Pauli
MOD
Mit Synthesizern fordert Martin Gretschmann unter seinem Acid-Pauli-Alias auf »MOD« weniger zum Tanzen als zum Lauschen auf.
Music Review
Helge Schneider
Mama
»Mama« heißt das neue Album von Helge Schneider und es ist liefert gewohnt unfehlbare musikalische Ergüsse.
Music Review
Admas
Sons Of Ethiopia
Alles löst sich in schönster Schwermut auf: Zur Reissue des äthiopischen Synthesizer-Schatzes »Sons Of Ethiopia« von Admas von 1983.
Music Review
Kairon; IRSE!
Polysomn
Seit ihren ersten Releases gelten Kairon; IRSE! als Shoegaze-Sensation. Nun haben die Finnen mit »Polysomn« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Lucrecia Dalt
No Era Sólida
Mit »No Era Sólida« reißt die Kolumbianerin Lucrecia Dalt sämtliche Grenzen ein. Es kommen unerforschte Gebiete zum Vorschein.
Music Review
Bad Stream
Sonic Healing
Auf seinem neuen Album »Sonic Healing« verarbeitet Frittenbuden-Gitarrist Martin Steer den Schlaganfall seiner Mutter musikalisch.
Music Review
The Weeknd
After Hours
The Weeknds bekanntes Narrativ aus Hedonismus, Depression, Drogen verwickeln sich auf »After Hours« in nicht neuen, aber süßen R&B-Fäden.
Music Review
Dukes Of Chutney
Hazel
Mit wirklich gutem Dream-Pop haben Dukes Of Chutney mit ihrem Album »Hazel« jüngst auf Beats In Space debütiert.
Music Review
Larry Heard
Sceneries Not Songs Vol.1
Mit »Sceneries Not Songs Vol.1« wird Larry Heards erstes Album unter Klarnamen aus dem Jahre 1994 veröffentlicht.
Music Review
Disclosure
Energy
2013 haben Disclosure, so heißt es, House gerettet. Mit ihrem neuen Album »Energy« schließen sie ihn wieder an die Beatmungsmaschine an.
Music Review
Various Artists
Borta På Vinden (Swedish Rock Funk & Youth Center Disco 1976-1982)
»Borta På Vinden«Mika Snickars und Kool DJ Dust veröffentlichen die Compilation »Borta På Vinden« mit schwedischer Disco-Musik.
Music Review
Linda »Babe« Majika
Don't Treat Me So Bad
»Don’t Treat Me So Bad«, das erstmals 1988 veröffentlicht Debütalbum von Linda »Babe« Majika, wurde jetzt bei Be With wiederveröffentlicht.
Music Review
Harmonious Thelonious
Plong
Der Düsseldorfer Harmonious Thelonious veröffentlicht mit »Plong« ein neues Album, das erste für Bureau B.
Music Review
Vladimir Dubyshkin
Pornographic Novel
Musik, die etwas heraufbeschwört, was gerade nicht ist: zum Rave von Vladimir Dubyshkin auf »Pornographic Novel«.
Music Review
Jonathan Fitoussi
Plein Soleil
»«Mit »Plein Soleil« erweist sich Jonathan Fitoussi als würdiger Erbe von Pionieren wie Alan Parsons, Vangelis oder auch Jean-Michel Jarre.
Music Review
Angel Olsen
Whole New Mess
Mut zur Lücke: Die amerikanische Songwriterin Angel Olsen interpretiert »Whole New Mess« ihr eigenes Material nur mit Akustikgitarre neu.
Music Review
The Meridian Brothers
Cumbia Siglo XXI
Die Meridian Brothers arbeiten sich erneut an Kolumbiens Hauptexport ab. »Cumbia Siglo XXI« wird von Lo-Fi-Charme und DIY-Spirit getragen.
Music Review
Fuzzy Duck
Fuzzy Duck
Be With veröffentlicht das selbstbetitelte, einzige Album der britischen Progressive-Rocker Fuzzy Duck aus dem Jahr 1971 neu.
Music Review
Kelly Lee Owens
Inner Song
Nach den drei härtesten Jahren in ihrem Leben veröffentlicht Kelly Lee Owens mit »Inner Song« ihr zweites Album. Es ist großartig.
Music Review
George Clanton & Nick Hexum
George Clanton & Nick Hexum
Chefvapourist George Clanton und dessen geistiger Vater Nick Hexum haben eine gemeinsame Platte gemacht. Was dabei wohl herausgekommen ist?
Music Review
The Microphones
Microphones in 2020
Nach 17 Jahren meldet sich Phil Elverum mit seinem Projekt The Microphones zurück. Wie klingen »Microphones in 2020«?
Music Review
Adrian Younge, Ali Shaheed Muhammad & Marcos Valle
Jazz Is Dead 3
Auf »Jazz Is Dead 3« haben Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad diesmal Marcos Valle zu Gast.
Music Review
Arşivplak
Mirror. Turkish Disco Folk
Arşivplak? Wer das ist, weiß niemand. Sicher ist: Die neue Edit-Sammlung »Mirror« widmet sich türkischer Musik der Siebziger und Achtziger.
Music Review
Bright Eyes
Down in the Weeds, Where the World Once Was
»Down in the Weeds, Where the World Once Was«, ein Titel zur Zeit? Nein, das neue Bright-Eyes-Album steckt in der Vergangenheit fest.
Music Review
Sault
Untitled (Black Is)
Musik hat die Kraft zur Veränderung. Man hätte es fast vergessen können. Doch dann kamen Sault und mit ihnen »Untitled (Black Is)«.
Music Review
Takako Mamiya
Love Trip
Das einzige Album der japanischen Sängerin Takako Mamiya, »Love Trip« von 1982, wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Ennio Morricone
Nuovo Cinema Paradiso
Im Juli ist Ennio Morricone gestorben. Nun häufen sich die Releases. Eine ist der Soundtrack zu Giuseppe Tornatores »Nuovo Cinema Paradiso«.
Music Review
Electric Wizard
Dopethrone
»Dopethrone«, das Highlight der zugedröhnten britischen Doomrocker von Electri Wizard, wurde jetzt auf Schallplatte wiederveröffentlicht.
Music Review
DJn4
Tales Of Z
Wer hätte gedacht, dass Walter Moers einst als Inspirationsquelle für Freiform-Clubmusik dienen würde? Über »Talez Of Z« von DJn4.
Music Review
Protomartyr
Ultimate Success Today
Protomartyrs »Ultimate Success Today« ist musikalisch wie lyrisch hundertprozentig zeitgeistiger Sound zum Aufbegehren.