Music Review | verfasst 04.04.2013
Charles Bradley
Victim of Love
Dunham, 2013
Text Frédéric Hartmann , Übersetzung Julia Frohn
Deine Bewertung:
8.3
Nutzer (14)
8.5
Redaktion
Cover Charles Bradley - Victim of Love

Um es zu einem klassischen Solisten zu bringen, gibt es die Faustregel der 10.000 Stunden-Hürde. Wer diese in der Jugend nicht überwunden hat, schafft es statistisch gesehen nicht in die vordersten Reihen eines Orchesters. Das übersetzt sich grob in 4 bis 5 Jahre mit täglichen 6 bis 8 Stunden Schichten. Wie Stravinsky schon sagte, setzt sich Erfolg zu 10% aus Inspiration und 90% aus Transpiration zusammen. Um es zu einem Weltklasse-Soulisten zu schaffen, bedarf es wohl derselben ausdauernden Hingabe. Allerdings nicht in gut behüteten Hinterzimmern, sondern mit mindestens ebenso vielen zurückgelegten Kilometern Lebens(ab)weg. Wie im Hip Hop ist im Soul eine der wichtigsten Zutaten die »Street Credibility«, ohne die es schnell lächerlich wird. Und von der hat Charles Bradley mehr als genug. Über Jahrzehnte hinweg steckten er und seine Karriere mal knietief, mal bis zum Hals im Dreck und kamen schleppend oder gar nicht voran. Gerade in dieser Situation ist es aber unratsam den Kopf hängen zu lassen. Und wenn er selbst auch die Hoffnung auf einen besseren Morgen wohl nie ganz aufgeben hat, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass trotz ausgiebigsten Düngens aus einer gemeinen Stinkmorchel ein immergrüner Mammutbaum hervorgehen könnte, der noch viele Generationen nach uns für Erstaunen sorgt. So belehrt uns das Wunder des Lebens einmal mehr und beschert uns nun die zweite Ernte an rohen Soulfrüchten, von denen die Rare Groove Gemeinde seit »No Time For Dreaming« nicht genug bekommen kann. Mit ähnlich bittersüß vorgetragenen Zeilen, die Zucker für die Ohren der Fans sind, ist diesmal so manch ein überreifes Exemplar dabei, dass im Kopf Bilder aus den psychedelischen Spätsiebzigern heraufbeschwört. So wundersam wundervoll, dass man es sich ebenso gut im Club wie in Abgeschiedenheit auf einer Waldlichtung zu Gemüte führen kann.

Das Album »Victim of Love« von Charles Bradley findest du bei hhv.de: LP CD
Dein Kommentar
2 Kommentare
04.04.2013 08:52
JerryMcHire:
Gut, dass die "Review" zu 80 % aus Gerede über Charles Bradley besteht. Ich schätze Charles und seinen Weg, hätte aber gerne mehr über das Album gelesen.
― antworten
10.05.2013 14:39
fedipetit:
Antwort auf: 04.04.2013 08:52 JerryMcHire:
Gut, dass die "Review" zu 80 % aus Gerede über Charles Bradley besteht. Ich schätze Charles und seinen Weg, hätte aber gerne mehr über das Album gelesen.
Hallo Jerry! Danke für deinen Kommentar. Ich versuche stets Interesse bei den Leuten zu wecken, die die vorgestellten Künstler noch nicht kennen. Die Wertschätzung von Musik ist ungemein grösser, wenn man die Hintergrundgeschichte zu einem Künstler kennt. Und alles was ich über den Inhalt schreiben könnte, lässt sich viel anschaulicher Nachhören.
Ich gebe dir aber vollkommen recht, dass in diesem Fall das Album, was ja eigentlich Hauptbestandteil der Review sein sollte, viel zu kurz kommt. Na, ich werde mir deine Kritik in Zukunft zu Herzen nehmen. Ist nicht das erste Mal, dass ich das zu hören bekomme!
DANKE!
― antworten
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