Music Review | verfasst 23.04.2014
L'Orange
The Orchid Days
Mello Music Group, 2014
Text Julia Haase
Deine Bewertung:
9.5
Nutzer (4)
8.4
Redaktion
Cover L'Orange - The Orchid Days

Wenn Musik Geschichten erzählt, dann ist L’Orange der Federführer. Der Beatmaker aus North Carolina ist ein Freund des Kinos und Film Noir. Diese Leidenschaft überträgt er auf seinen Sound. Das Intro von »The Orchid Days« eröffnet die Sprecherstimme von Eric Todd Delums, der den Hörer in eine verheißungsvolle, dunkle Welt entführt, in der die Zeit in »heartbeats per minute« gemessen wird und sich die sternenklare Nacht auflöst, weil ein Sound von irgendwoher in unser Ohr dringt… »The Orchid Days« nennt er dieses Zeitalter. Hört man sich das 19-Track starke Album in seiner Gesamtheit an, wirkt es wie ein großes Hörspiel, das von den 1920er bis in die frühen 1950er Jahre reist und dabei die musikalischen Relikte der Zeit aufnimmt. Jazz, Soul und Swing-Platten bilden das Grundgerüst des knisternden, warmen Sounds, den L’Orange auf innovative und kreative Weise in klassischen, rollenden Boom Bap verwandelt. Die Übergänge mischt der Beatmaker raffiniert mit Vocal-Samples, Film- und Radio-Sequenzen. Er tut das so gekonnt, dass er auf diese Weise fast schon eine filmisch-narrative Struktur über den Sound hinaus erzeugt. L’Orange besetzt sein Stück mit fünf Rollen und ausdrucksstarken Charakteren. Wenn Erica Lane mit einer Erhabenheit in der Stimme zu einem Klavier-Sample singt, hat man das Gefühl, sie tanzt durch ein Burlesque-Theater der 1920er Jahre. Das Trompeten-Sample und der Beat in »Mind vs. Matter« mit Homeboy Sandman erinnert an den Swing der 1930er Jahre. Und Blu und Jeremiah Jae agieren mit dem Vocal-Sample in »Need You« und »Love Letter«, als wären sie zu einem Duett aufgefordert worden. Den Abschluss bildet ein stimmlich starker Billy Woods, der epischer vom Weltende nicht sprechen könnte. L’Orange gelingt es, einen Soundtrack zu kreieren, der in die alte Zeit greift und in der neuen wirkt.

Das Album »The Orchid Days« von L’Orange findest du bei hhv.de auf LP-SplatterVinyl und LP-OrangeGreyVinyl und CD.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 24.04.2015
L'Orange & Jeremiah Jae
The Night Took Us In Like Family
Für Madlib-Kenner und Mf Doom-Fans. Und für viele mehr. Interessante Samples und ein gewachsener Jeremiah Jae halten die Qualität hoch.
Music Review | verfasst 19.11.2019
L'Orange & Jeremiah Jae
Complicate Your Life With Violence
Auf »Complicate Your Life With Violence« spinnen L’Orange und Jeremiah Jae die Hard-Boiled-Geschichte des Vorgängers weiter.
Music Liste | verfasst 20.07.2018
L'Orange of Marlowe
Picks 10 latest Vinyl Records
L’Orange hat zusammen mit Solemn Brigham ein neues Projekt. Es heißt Marlowe. Ihr gemeinsames Debüt ist bei Mello Music Group erschienen. Aus diesem Anlass hat er 10 Schallplatten, die ihn derzeit besonders fesseln, gepickt.
Music Review | verfasst 25.03.2011
Apollo Brown
Clouds
Ganz in der Tradition von alter HipHop-beat-Tapes steht auch Apollo Browns neuester Streich.
Music Review | verfasst 15.04.2011
Has-Lo
In Case I Don't Make It
Has-Lo beweist auf seinem Debüt, dass er in der Lage ist, musikalische Bilder zu zeichnen, die sich im Kopf des Hörers festsetzen.
Music Review
MKS
Musical Keyboard System
MKS, »Musical Keyboard System«, hieß das kurzlebige Projekt des Franzosen Nicolas Aubard. Vier Tracks wurden jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Orgōne
Moonshadows
»Moonshadows«, das dreizehnte Album der kalifornischen Funkband Orgōne, setzt soliden Kurs in Richtung tänzerischer Seligkeit.
Music Review
Anika
Change
Anika hat mit »Change« ihr zweites Album, das erste seit elf Jahren, veröffentlicht. Doch was hat sich verändert?
Music Review
Various Artists
And Felt Like…
Die Compilation »And Felt Like…« ist ein neuerlicher Höhepunkt in der Labelhistorie von Knekelhuis.
Music Review
Bluestaeb
Giseke
Entschleunigung bestimmt den Vibe von »Giseke«, dem auf Jakarta erschienenen, neuen Album des Berliner Beatmakers Giseke.
Music Review
Skyzoo
All The Brilliant Things
Immer präzise: Der New Yorker Rapper Skyzoo hat mit »All The Brilliant Things« ein neues Album auf Mello Music Group veröffentlicht.
Music Review
Emma-Jean Thackray
Yellow
»Yellow«, das Debüt der vielumjubelten Trompterin Emma-Jean Thackray, ist jetzt erschienen und es hievt ihren Sound auf ein neues Level.
Music Review
The Same
Sync Or Swim
Die vermeintlich so exakt vermessenen 1980er Jahre müssen doch um den Baustein »Sync Or Swim« von The Same aus dem Jahr 1981 ergänzt werden.
Music Review
Mário Rui Silva
Stories From Another Time 1982-1988
»Stories From Another Time 1982-1988« bündelt Songs mit spröder Lässigkeit des aus Angola stammenden Gitarristen Mário Rui Silva.
Music Review
Sylvia
Sweet Stuff
Sylvia Robinson hat Hip-Hop auf die Sprünge geholfen und selbst Musik gemacht. Ihr Album »Sweet Stuff« wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
µ-Ziq
Scurlage
Memento mori auf verschroben: Einiges ist neu auf »Scurlage«, dem ersten Album von Mike Paradinas alias µ-Ziq seit acht Jahren.
Music Review
soFa, Houschyar & Okay Temiz
Şelale
Treffen sich ein Belgier, ein Deutscher und ein Türke… was anfängt wie ein schlechter Witz ist in Wirklichkeit einfach gute Musik.
Music Review
Jim Jones & Harry Fraud
The Fraud Department
Unaffektiert produziert und unvermittelt gesellschaftspolitisch: »The Fraud Department« von Jim Jones & Harry Fraud ist eine Überraschung.
Music Review
Sandro Brugnolini
Utopia
Großes Kino, auch ohne Film: Sonor Music Editions legt eine Neuauflage von »Utopia« des italienischen Komponisten Sandro Brugnolini vor.
Music Review
Patrice Rushen
Straight from the Heart
Mehr als »Men In Black«: Patrice Rushen definierte auf »Straight From The Heart« von 1982 den R&B, wie wir ihn heute kennen.
Music Review
Darkside
Spiral
»Spiral«, das zweite Album von Darkside, massiert die Seele dort, wo andere Musik heutzutage gar nicht mehr hinkommt.
Music Review
Koreless
Agor
Ganze 10 Jahre hat der walisische Produzent Koreless an seinem Debüt gefeilt. Jetzt ist »Agor« bei XL Recordings erschienen.
Music Review
Various Artists
UK Electronics 1988-1994
Arg geile Tracks hier: Die Compilation »UK Electronics 1988-1994« fast das beste vom raresten der elektronischen Underground-Szene zusammen.
Music Review
Damon Locks & Black Monument Ensemble
Now (Forever Momentary Space)
Damon Locks hat das Black Monument Ensemble um sich geschart und mit »Now (Forever Momentary Space)« ein, ja politisches, Statement gesetzt.
Music Review
Somachrome
Electro Romantica
Kurbelt die Seitenfenster runter: »Electro Romantica« von Somachrome serviert die neapolitanische Prise Meeresluft dieses Sommers.
Music Review
Various Artists
Naya Beat Vol.1
Turbotito und Ragz haben für »Naya Beat Vol.1« Tracks aus Südostasien zusammengestellt. Highlights gibt es einige.
Music Review
Manzanita Y Su Conjunto
Trujillo, Peru 1971-74
Der Gitarrist Manzanita ist außerhalb Perus weiterhin unbekannt. Dank »Trujillo, Peru 1971-74« kann seine Musik jetzt neu entdeckt werden.
Music Review
Various Artists
Planet Love: Early Transmissions 1990-95
Die Compilation »Planet Love: Early Transmissions 1990-95« beleuchtet die internationale Trance-Szene zu Beginn der 1990er Jahre.
Music Review
Fehler Kuti
Professional People
»Professional People«, das zweite Album von Fehler Kuti, ist keine identitätspolitische Feel-Good-Platte geworden.
Music Review
LNS & DJ Sotofett
Sputters
LNS und DJ Sotofett verneigen sich auf »Sputters« vor ihren Vorbildern und überführen deren Sounds gleichermaßen in die Gegenwart.
Music Review
Sven Wunder
Natura Morta
Sven Wunder ist das Phantom des organischen Grooves. Sein neues Album »Natura Morta« verrät nichts über den Urheber. Ist aber wieder toll.
Music Review
Derya Yıldırım & Grup Şimşek
Dost 1
Derya Yıldırım & Grup Şimşek veröffentlichen die erste Ausgabe eines Zweiteilers: »Dost 1« springt genussvoll mitten in die Gegenwart rein.
Music Review
John Carroll Kirby
Septet
Nur auf den ersten Blick gefällig: John Carroll Kirby hat mit sechs weiteren Musikern sein Album »Septet« eingespielt.
Music Review
Faye Webster
I Know I'm Funny Haha
Hier ist kein Star in der Mache, er steht schon bereit: Faye Webster hat »I Know I’m Funny Haha« auf Secretly Canadian veröffentlicht.
Music Review
Eli Keszler
Icons
Auf »Icons« sind auch mal Jungle-ähnliche Rhythmen zu hören, doch bleibt Eli Keszler der Elektroakustiker unter den Schlagzeuger*innen.
Music Review
Amaro Freitas
Sankofa
Mit seinem dritten Album »Sankofa« ist dem jungen brasilianischen Pianisten Amaro Freitas wohl endgültig ein Klassiker gelungen.
Music Review
Spellling
The Turning Wheel
Ihre Songs sind Gebilde, die allerlei wunderliche Triebe sprießen lassen. Spellling legt mit »The Turning Wheel« ein neues Album vor.
Music Review
Miša Blam
Miša Blam I Oni Koji Vole Funky
Mit »Miša Blam I Oni Koji Vole Funky« geht das Label Discom weiter seinen Weg, »unbekannte Musik aus dem ehemaligen Jugoslawien« aufzulegen.
Music Review
Various Artists
No Photos On The Dancefloor! Vol.1
Die Compilation zur Ausstellung »No Photos On The Dancefloor!« zeigt, zwischen 1992 und 2006 war Techno in Berlin vielseitiger als gedacht.
Music Review
Flamingo Pier
Flamingo Pier LP
Zeit für gute Laune: das neuseeländische Dreigespann Flamingo Pier legt auf Soundway sein Debütalbum vor.
Music Review
Loveshadow
Loveshadow
Das bei Music From Memory veröffentlichte Debüt des kalifornischen Duos Loveshadow ist ein Album zum Liebemachen am Strand.
Music Review
Loscil
Clara
Wie der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel: der kanadische Musiker Loscil hat mit »Clara« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Mind Maintenance
Mind Maintenance
Joshua Abrams und Chad Taylor nehmen Gimbri und Mbira zur Hand und üben sich als Mind Maintenance in Gelassenheit.
Music Review
Mad Voice
Drogen / Ohne Liebe Leben
Wiener Brut veröffentlicht die 1982er Single »Drogen / Ohne Liebe Leben« von Mad Voice neu. Da dreht sich der goldene Reiter im Kreis.
Music Review
Greenflow
Solutions
1977 nur als Private Pressung veröffentlicht, erhält »Solutions« von Greenflow nun erstmals eines Reissue. Eine echte Entdeckung.
Music Review
Resilient Vessels
Live At The Cell
Vier Musiker haben sich im letzten Jahr zusammengetan um als Resilient Vessels mit »Live At The Cell« ein fulminantes Jazzalbum aufzunehmen.