Music Review | verfasst 08.09.2014
Various Artists
No Seattle
Soul Jazz Records, 2014
Text Peter Gebert
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8.0
Redaktion
Cover Various Artists - No Seattle

Als Brian Eno 1978 die Compilation-Legende »No New York« produzierte, prägte er damit einen Stil: No Wave. Den gibt es auf »No Seattle« natürlich nicht zu hören. Allerdings auch nicht, und darauf will extra hingewiesen werden: Grunge. Obgleich aus jeder der 23 Bands, die hier auf vier Vinyls oder zwei CDs aus den Tiefen der Geschichte gehoben werden, jemand mit Nirvana mal die Bühne geteilt hat – der Band, die den Sound von Seattle prägte, und in deren Turbo-Kometenschweif eine ganze Szenen-Landschaft verglühte. Dem Nirvana-Fan und -Historiker Nick Soulsby (sein Buch zum Thema erschien 2012) war es eine Herzensangelegenheit, das musikalische Bild des Bundesstaates Washington nachzubelichten. In der Tat taucht keine der Bands, die hier vorgestellt werden, in Doug Prays Doku-Klassiker »Hype!« auf, der schon 1996 das Schicksal jener leuchtenden Provinz aufarbeitete: Chemistry Set fielen damals dem Schnitt zum Opfer, vertreten sind immerhin Bundle of Hiss, aus denen später TAD und Mudhoney hervorgingen. Was das Allerlei der im umfassenden Booklet liebevoll mit Kurzbios und kleinen Interviews vorgestellten Bands zu Gehör bringt, bewegt sich grundsätzlich in einem ganz unprätentiösen Dreieck von Punk, Metal und Hardrock; extravagant schon der Einsatz einer Geige, die den Small Stars einen Hauch Go-Betweens verleiht. Die unberechenbare Vielfalt eines weiteren Compilation-Klassikers verwandten Namens, die SST-Instrumentals von »No Age« (1987), wird auch jenseits von Grunge nicht aufgeboten; Hitting Birth etwa mit ihrem einzigartigen Tribal Industrial sind mehr das Salz in der Suppe (deren Wurzeln lagen aber eben auch in Kalifornien). Spaß macht diese lebendige Authentizitäts-Revision mit historischer Distanz trotzdem. Zwischen The Ones’ Proto-Americana (mit Übervater Jack Endino am Bass) und dem grandiosen All-Girl-Deathmetalcore von Shug blühen wackliger Sonic-Youth-Shoegaze (Kill Sybil), bassgeführter Soundtrack (Pod), von Demo-Bändern gerettete Devo-Harmonien aus dem Kühlhaus (Soylent Green) und die einzige Single von Treehouse, die trotz Produktion von Steve Fisk dann doch nie erschien. Und einiges andere, für das man eigentlich zur Einstimmung vorher hundert Meilen durch schneebedeckte Pampa fahren möchte.

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