Music Review | verfasst 16.07.2015
Conrad Schnitzler & Pyrolator
Con-Struct
Bureau B, 2015
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
/
Nutzer
8.6
Redaktion
Cover Conrad Schnitzler & Pyrolator - Con-Struct

Als Ton Steine Scherben-Schlagzeuger Wolfgang Seidel im Januar 2014 im Boiler Room Berlin aufkreuzte, war das ein merkwürdiger Anblick. Nicht allein, will der bebrillte Proto-Punk neben den anderen Acts – Lotic, Dasha Rush, These Hidden Hands und Mouse On Mars – aus der Zeit gefallen schien, sondern weil er eine der merkwürdigsten musikalischen Performances der Boiler Room-Geschichte hinlegte. Bewaffnet mit einer Mappe voller CDrs spielte er ein Set, das vielerorts mit Unverständnis aufgenommen wurde. Kein Wunder: Conrad Schnitzler, dessen Klänge Seidel über zwei CDJs miteinander agieren ließ, hatte das Material für ein Orchester bestehend aus 1000 Menschen, die über 1000 Kassettenrekorder 1000 verschiedene Spuren zur selben Zeit abspielen sollten, komponiert. Das ist gelinde gesagt nicht unbedingt verdaulich. Das allerdings war Schnitzlers Werk noch nie. Trotzdem aber gilt der 2011 verstorbene Komponist und Performance-Künstler zurecht als einer der einflussreichsten MusikerInnen des 20. Jahrhunderts. Denn Musik wie den zerstückelten Hyper-Trap von Lotic oder die Frickelorgien von Mouse On Mars, selbst die relativ straighten Techno-Entwürfe von Dasha Rush oder These Hidden Hands hätte es ohne ihn nicht gegeben. Nicht allein, weil er eines Tages zwei schnöseligen Düsseldorfern ihren ersten Synthesizer überreichte und diese später unter dem Namen Kraftwerk die Inspiration für Hip Hop, Techno und viele andere Spielarten elektronischer Musik liefern sollten. Sondern weil er selbst als ewige Stifterfigur für die verschiedensten Bands und KünstlerInnen, von den Black Metallern Mayhem bis hin zur frühen Neuen Deutschen Welle, durch die Schatten geisterte. Pyrolator alias Kurt Dahlke, Gründer des legendären Düsseldorfer Ata Tak-Labels und Mitglied der NDW-Band Der Plan, zollt als einer der Partizipienten der “Con-Struct”-Serie des Bureau B Sublabels m=minimal Schnitzler Tribut, indem er Material aus dem umfangreichen Archiv des Komponisten neu zusammensetzt. Dahlke unterstreicht selbst, dass er den Techno-Charakter von Schnitzlers Schaffen betonen wollte und nimmt dabei selbst entschieden Einfluss auf die von ihm ausgewählten Original-Klänge. Herausgekommen ist ein nicht immer kohärentes Album, das die facettenreichen Vielschichtigkeit von Schnitzlers Klangkosmos’ herausarbeitet. Von Ambient Techno über wuchtige Stepper bis hin zum Trance-Finale baut Dahlke viele verschiedene Brücken zu Genres, die ohne Schnitzlers Schaffen sicher anders klängen. Dass er dabei selbst eingreift, ist wohl ganz im Sinne Schnitzlers – denn der wollte schließlich einstmals gleich 1000 Menschen zu einem interaktiven Chor gruppieren. Wie Seidels Boiler Room-Performance ist Dahlkes postums »Con-Struct« nicht nur als schöne Hommage, sondern zugleich als sinnige Fortsetzung von Schnitzlers Arbeit zu verstehen.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 16.07.2015
Conrad Schnitzler / Pyrolator
Con-Struct
Pyrolator hat in dem riesigen Archiv geplündert, das Conrad Schnitzler hinterlassen hat. »Con-Struct« ist das Ergebnis.
Music Review | verfasst 18.11.2014
Conrad Schnitzler
Gelb
Die Miniaturen aus den Jahren 1973 und 1974 auf »Gelb« zeigen Schnitzler beim Erproben neuer elektronischer Strategien.
Music Review | verfasst 18.11.2014
Conrad Schnitzler
Grün
In diesem November veröffentlicht Bureau B Conrad Schnitzlers Platte »Grün« aus dem Jahre 1981 wieder.
Music Review | verfasst 30.07.2015
Conrad Schnitzler
Kollektion 5 (compiled by Thomas Fehlmann)
Thomas Fehlmann hat Conrad Schnitzler für das Label Bureau B zusammengemixt und erweist ihm dabei eine konzeptuell rigorose Ehre.
Music Review | verfasst 28.10.2016
Conrad Schnitzler
Filmmusik 1
Im Nachlass des 2011 verstorbenen Musikers Conrad Schnitzler wurden zwei Bänder mit der Aufschrift »Filmmusik« gefunden. Das ist Teil 1.
Music Review | verfasst 10.02.2017
Conrad Schnitzler
Filmmusik 2
Bureau B setzt die Reihe mit Conrad Schnitzlers bisher unveröffentlichten Filmmusiken fort.
Music Review
Sharhabil Ahmed
The King Of Sudanese Jazz
Wunsch nach einer neuen Freiheit: Mit »The King Of Sudanese Jazz« veröffentlicht Habibi Funk nun Musik von Sharhabil Ahmed.
Music Review
Bob Dylan
Rough And Rowdy Ways
Mit »Rough And Rowdy Ways« lädt Bob Dylan ein, sich auf dem Schoß des Onkels endlich gemütlich zu machen. Oder ist bloß alles eine Finte?
Music Review
Jim O'Rourke
Shutting Down Here
Anfang der Neunziger war Jim O’Rourke erstmals in den legendären GRM-Studios zu Gast. Für »Shutting Down Here« kehrte er dorthin zurück.
Music Review
Yumiko Morioka
Resonance
Mit »Resonance«, ihrem einzigen Album aus dem Jahr 1987, lässt Yumiko Morioka Teile postklassischer Musik jüngerer Machart obsolet wirken.
Music Review
Julianna Barwick
Healing Is A Miracle
Julianna Barwick lässt auf »Healing Is A Miracle« den einen oder anderen Fremdkörper in ihrer Musik zu. Tut das nur wohl oder sogar Not?
Music Review
Rie Murakami
Sahara
»Sahara« von der ansonsten unbekannten Japanerin Rie Murakami wurde 1984 veröffentlicht. Ein Album ohne Eigenschaften, doch voller Hits.
Music Review
Vague Imaginaries
L'ile Sous L'eau
Nur kurz nach Erscheinen seines Albums »L’Île D’or« legt Vague Imaginaries mit »L’ile Sous L’eau« eine EP nach.
Music Review
Alhousseini Anivolla & Girum Mezmur
Afropentatonism
Verschmelzen der Welten: Auf »Afropentatonism« treffen Alhousseini Anivolla aus dem Niger und Girum Mezmur aus Äthiopien zusammen.
Music Review
Haiyti
Sui Sui
Das Prädikat Pop reicht hierfür nicht aus: »Sui Sui«, das vierte Album von Haiyti, ist eine Machtdemonstration.
Music Review
Skudge
Time Tracks
Mit »Time Tracks« will Elias Landberg alias Skudge mal wieder die Zeit anhalten. Doof nur, dass er sie manchmal zurückdreht.
Music Review
The Exaltics & Heinrich Mueller
Dimensional Shifting
The Exaltics macht erstmal mit Heinrich Mueller alias Gerald Donald gemeinsame Sache. »Dimensional Shifting« ist eins nicht: vorgestrig.
Music Review
Mulatu Astatke & Black Jesus Experience
To Know Without Knowing
Auch auf »To Know Without Knowing«, seinem neuen Album mit Black Jesus Experience, ist Mulatu Astatke unverkennbar.
Music Review
Croatian Amor
All In The Same Breath
Loke Rahbek hat mit »All In The Same Breath« ein neues Album unter seinem Moniker Croatian Amor bei Posh Isolation veröffentlicht.
Music Review
Dee Dee Bridgewater
Afro Blue
1974 nur in Japan veröffentlicht, bekommt »Afro Blue«, das Debüt von Dee Dee Bridgewater jetzt eine zweiten Anlauf auf Mr Bongo spendiert.
Music Review
Oiro Pena
2
Der finnische Multiinstrumentalist Antti Vauhkonen veröffentlicht Versponnes mit seiner bei Jazzaggression erschienenen Vinyl 10-inch »2«.
Music Review
Groupe RTD
The Dancing Devils Of Djibouti
Hand hoch, wer Dschibuti auf dem Globus auscheckt. Musikalisch war das afrikanische Land noch gar nicht auf der Landkarte verzeichnet.
Music Review
Patricia
Maxyboy
IDM mit Hardware-Patina: Auf »Maxyboy« von Patricia werden Aphex Twin, Autechre und Planet Mu zu musikalischen Abziehbildern.
Music Review
John Scofield / Bill Stewart / Steve Swallow
Swallow Tales
Ein Hochgenuss für Jazz-Connaisseure: John Scofield und Bill Stewart erkunden auf »Swallow Tales« Kompositionen von Steve Swallow.
Music Review
Biosphere
Dropsonde
Mit ganzen sieben Bonustracks kommt die Neuauflage von »Dropsonde« daher. Darauf unterzog Biosphere Jazz einer radikalen Neuinterpretation.
Music Review
Roly Porter
Kistvaen
Kolossal dröhnende Klangkulissen sind das Fundament für »Kistvaen«, das vierte Release von Roly Porter für Subtext Recordings.
Music Review
Fairuz
Maarifti Feek
Feierlich, melancholisch und mystisch: Das Album »Maarifti Feek« der libanesischen Sängerin Fairuz wurden bei WeWatnSounds veröffentlicht.
Music Review
Darkstar
Civic Jams
Vor zehn Jahren schrieben Darkstar die Musik zum Krisennachklapp, mit »Civic Jams« strudeln sie in die nächste hinein. Auweia!
Music Review
Muslimgauze
Salaam Alekum, Bastard
»Salaam Alekum, Bastard« zählt zu den intensivsten Arbeiten von Muslimgauze und wurde jetzt auf Kvitnu wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Kern Vol. 5: Mixed By Helena Hauff
Gut Ding will Weile haben: Mit seiner Mix-Reihe »Kern« lässt sich der Club Tresor Zeit. Helena Hauffs Mix ist der beste des Jahres.
Music Review
Nihiloxica
Kaloli
Nihiloxica waren der feuchte Traum der Musikjournaille. Nach zwei EPs ist »Kaloli« ihr Debütalbum. Muss sich die Gruppe nun beweisen?
Music Review
Kate NV
Room For The Moon
Mit ihrem dritten Album »Room For The Moon« zündet die russische Musikerin Kate NV die nächste Stufe ihrer verspielten Popmusik.
Music Review
Dijit
Hyperattention
Trip-Hop. Aus Cairo. Da kann man schon mal hellhörig werden: Zum Release von »Hyperattention – Selected Dijital Works Vol.1« von Dijit.
Music Review
Cindy
I'm Cindy
Vor zwei Jahren stellte uns Palmbomen II Cindy Savals und ihre Stadt Carmel Vista vor. Nun ist ihr Debütalbum »I’m Cindy« »aufgetaucht«.
Music Review
Zaliva-D
Immorality
Double-Whopper-Beats mit Hang zum Dada-Fetischismus: Auf Knekelhuis ist »Immorality«, das neue Album von Zaliva-D erschienen.
Music Review
Sonic Boom
All Things Being Equal
Auf »All Things Being Equal« nutzt Sonic Boom seine Trademarks und bringt Ideen und Experimentierfreude in den Pop.
Music Review
Chester Raj Anand
Strawberry
Pop statt Hip-Hop: Lord Raja hat sich zu Chester Raj Anand zurückverwandelt und mit »Strawberry« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
The Soft Pink Truth
Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase
Mit »Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase« bietet The Soft Pink Truth wohlige Wabersounds für wonnige Weltfluchten. Gut so!
Music Review
Run The Jewels
RTJ4
Diese Woche haben Killer Mike und El-P ihr viertest Run The Jewels-Album »RTJ4« digital veröffentlicht. Vinyl folgt im September.
Music Review
Ak'Chamel, The Giver Of Illness
The Totemist
Musik für die Zeit nach der Endzeit: Mit »The Totemist« ist das zehnte Studioalbum von Ak’chamel, The Giver Of Illness erschienen.
Music Review
Freddie Gibbs & The Alchemist
Alfredo
c»Alfredo« heißt das letzte Woche veröffentlichte Album von Freddie Gibbs und The Alchemist. Vinyl steht aus, reingehört haben wir aber.
Music Review
Giuseppe Ielasi
Aix
Giuseppe Ielasis »Aix« klingt über ein Jahrzehnt nach seiner Erstveröffentlichung so frisch wie eh und je. Nicht nur klanglich.
Music Review
Michele Mercure
Pictures of Echoes
Mehr synthetisches Zauberwerk der Kassettenmeisterin: mit »Pictures Of Echoes« ist die nächste Werkschau von Michele Mercure erschienen.
Music Review
JackBoys
JackBoys
»JackBoys«, die erste Labelschau von Travis Scott’s Label Cactus Jack, ist nun auch auf Schallplatte erschienen.
Music Review
Greg Fox
Contact
Größe durch Zurücknahme: Auf »Contact« setzt der Schlagzeuger Greg Fox sein Instrument noch gezielter ein.
Music Review
Nídia
Não Fales Nela Que A Mentes
Auf »Não Fales Nela Que A Mentes« braucht Nídia nicht als einen Rhythmus und einen Loop, um ein riesiges Koordinatensystem zu eröffnen.
Music Review
Your Old Droog
Jewelry
Hier wird auf die Punchlines Wert gelegt, nicht auf die Replay Value: »Jewelry« von Your Old Droog wurde jetzt auf Vinyl veröffentlicht.