Music Review | verfasst 25.01.2016
Geins't Naït + L. Petitgand
Oublier
Mind Travels/Ici D'Ailleurs, 2015
Text Peter Gebert
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Redaktion
Cover Geins't Naït + L. Petitgand - Oublier

Taugt eine Melodie dann etwas, wenn sie leicht im Gedächtnis bleibt? Oder vielmehr dann, wenn sie sich ihm entzieht? Genres haben diese Frage unterschiedlich beantwortet: Popmusik und Klassik leben von Eingängigkeit, bei Techno oder Ambient ist sie eher hinderlich. Im Industrial untersuchte man hier schon früh etwa die Eigenschaften von Loops. Auf Mind Travels, dem jungen Sublabel von Ici d’ailleurs, erfährt mit Geins’t Naït eine Industrial-Band ein Revival, die um 1990 auf Permis de Construire zuhause war, bevor es um sie still wurde. Laurent Petitgand, einer des Trios, machte sich in der Filmmusik einen Namen, speziell für Wim Wenders. Mit Thierry Mérigout als verbliebenem Bandrest legt er nach »Je vous dis« (2014) nun schon das zweite Album in neuem Format vor, in einer interessanten, unverbrauchten Stilverbindung. Sein Titel hält nicht hinterm Berg damit, auf welche Seite es sich in der Eingangsfrage schlägt; was es übrigens mit Bravour tut. Mehr noch als sein Vorgänger gleitet »Oublier« durchs Bewusstsein, um sich unmittelbar nach dem Hören daraus zu löschen, als würde man daraus aufwachen. Eine gern unterschätzte Qualität. Es entführt in eine erhabene, zeitenthobene Welt traumlandschaftlicher Ungreifbarkeit, ohne sich dabei je in verwaschene Drones zu flüchten: Neoklassische Melodiefiguren von Cello, Piano, Gitarre, Streichern markieren großzügige, orchestral bemessene Räume, Karawanen aus Sample-Loops oder metallischer Percussion ziehen hindurch, der nostalgischen Melancholie verleihen querschießende Schnipsel eine feine Schärfe. Eine transparent wirkende, aber unauslotbare Welt, und eine bevölkerte. In schemenhafter Verzerrung, aber auch mal in ausgewachsener Lyrik (»Je ne dors plus«) begegnen einem Stimmen und verschwinden wieder. Selbst der gepresste Stimmenloop, an dem entlang sich »Pluie« auseinanderfaltet, beginnt entgegen erstem Anschein nicht nur nie zu nerven, sondern wird sogleich vergessen. Auf ein letztes Highlight, einem Ausflug mit Glockenspiel ins verwandte Genre des Schlaflieds, muss man auf Vinyl verzichten. Leider: Nicht erinnert ist nicht gleich nicht erlebt.

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