Music Review | verfasst 30.05.2016
Natalie Beridze
Guliagava
Monika, 2016
Text Kristoffer Cornils
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Redaktion
Cover Natalie Beridze - Guliagava

»Guliagava«, so heißt es, ist einem Verhörer zu verdanken. Natalie Beridzes Tochter (er-)fand den Begriff, als sie in einem russischen Schlaflied ein Wort auszumachen meinte, das es dort so nicht gab. Das gleichnamige Album ist ein ähnlicher happy accident in Sachen fehlerhafter Übersetzungsleistungen. R’n’B wird auch als Referenzrahmen für das zehnte Album der Georgierin genannt und ebenso wird darauf hingewiesen, dass ihre Heimat zwar westliche Popkultur in sich aufsaugt, aber keine nennenswerte eigene Tradition produziert hat. »Guliagava« ist in dem Sinne eine Utopie: Ein Ort, der nicht wirklich existiert, ein Konstrukt, die reine Künstlichkeit. Eine Interpretation westlicher Popmusik, gefiltert durch kulturellen Mauern, die den ehemaligen Satellitenstaat der UdSSR vom Westen trennt. Dementsprechend eigenartig klingt die Musik, insbesondere wenn sie Vertrautes aufruft. »Those Things« beispielsweise beruht auf einem Sample von Talk Talks »The Rainbow« vom Album »Spirit Of Eden«, noch so ein utopischer Ort. Eingebettet werden die sanften Trompetentöne und das entrückte Gitarrengedröhne aber in einen entspannten Downbeat und den Säuselvocals Beridzes. Das Resultat klingt gleichermaßen harmonisch wie zwiespältig und also wie das Album im Gesamten. Die zehn Songs auf »Guliagava« sind perfekt ausproduziert, in sich geschlossen und doch wirken sie unfertig und roh. Weil Beridze die Gratwanderung zwischen Distanzierung und Intimität gelingt, sie einerseits mit ihren gecroonten, manchmal auch geflüsterten Vocals Nähe schafft und sich andererseits durch Stimmmanipulation wieder entzieht. Die Sängerin dieser mit Zärtlichkeit aufgeladenen Songs entzieht sich immer wieder aufs Neue, bleib unnahbar. Selbst wenn die Songgerüste weniger nach der basslastigen Sterilität einer raster-noton-Veröfffentlichung klingen und mehr nach dem, woran wir beim Schlagwort R’n’B zuerst denken: Beridze hat sich – als eine der wenigen KünstlerInnen, die über ihre Landesgrenzen hinaus bekannt ist – mit »Guliagava« ihre eigene kleine Utopie geschaffen. Diese ist genauso wohltuend wie das fehlerhafte Übertragungsleistung, die für die Tochter zum Codewort für Trost geworden ist.

Das Album »Guliagava« von Natalie Beridze findest du bald bei hhv.de.
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