Music Review | verfasst 29.11.2016
Laurence Crane / asamisimasa
Sound Of Horse
Hubro, 2016
Text Peter Gebert
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (1)
8.1
Redaktion
Cover Laurence Crane / asamisimasa - Sound Of Horse

Wo man ankommt, wenn man Musik bis auf die Knochen auszieht, ist eine Frage, die im letzten halben Jahrhundert immer wieder gerne gestellt wurde – auch, weil es immer neue Antworten darauf gab. Laurence Crane, britischer Komponist mit schmaler Diskografie, die nicht viele seiner etwa 80 Werke abbildet, bricht herkömmliche abendländische Muster auf Atome herunter, um jene dann von ganz alleine leuchten zu lassen: Einfachste Akkorde und Motive, als hätte man dem Philip-Glass-Ensemble die ruhelosen Finger einzeln in Gips verpackt, erzeugen Wohlklang, aber einen, der so gar nichts mit Easy Listening zu tun hat. Der tiefe Ernst dieser Kammerstücke lässt hier vielmehr verstummen. »Sound of Horse«, das dieser 2LP den Titel gebende von fünf Stücken, ragt da besonders heraus. Das jeden Anflug von Langeweile pulverisierende Kraftfeld, das Klarinette, Gitarre, Percussion und Cello hier erzeugen, entsteht allein aus konzentrierter Balance karger Klangkuben, klar und doch ungreifbar wie ein Mobile. Geschrieben wurde dieses Stück für das Ensemble asamisimasa, das sich neben Laurence Cranes Haus-Ensemble Apartment House seit bald zehn Jahren um sein Werk mit Aufführungen verdient macht, speziell mit »John White in Berlin«, das ihnen hier als Opener ihrer Sammlung dient. Ensemble-Mitglied Håkon Stene (Percussion, Produktion) lieferte zudem 2014 auf seinem Soloalbum für Hubro zum Großteil Crane-Kompositionen ab, darunter »Riis«, das hier in ursprünglicher Ensemble-Fassung enthalten ist. Eindrücklich instrumentierte Drones sind die Bausteine jener beiden Werke, deren filmmusikalische Reduktion Bilder hervorruft, deren Weite aber auch immer in die Westentasche zu passen scheint, menschliches Maß behält: Blicke aus großer Ferne aufs profane Dasein. Darin sind sie Celer und dessen erhaben-sanften Wolkenloops verwandt, aber mit der ikonischen Wirkung von Kinderbuch-Illustrationen. Wenn Ditte Marie Bræin dann in »Events« Geburtstage, Wechselkurse und Wetterberichte von 7.2.1997 aufsagt, dann nicht mit der frostigen Datenpoesie eines Anne-James Chaton, sondern wie ein Engel, der zum ersten Mal aus dem goldenen Buch vorliest. Auch im Himmel wird nur mit Wasser gekocht.

»Sound Of Horse« von Laurence Crane / asamisimasa ist bei Hubro Music erschienen.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 25.11.2015
Ivar Grydeland
Stop Freeze Wait Eat
Der norwegische Gitarrist Ivar Grydeland erzeugt auf »Stop Freeze Wait Eat« eine paradoxe Schönheit, offen und hermetisch zugleich.
Music Review | verfasst 11.04.2014
Håkon Stene
Lush Laments for Lazy Mammal
Der norwegische Perkussionist Håkon Stene gehört zu einer neuen Generation von Musikern, die sich der Neuen Musik verschrieben haben.
Music Review | verfasst 26.06.2014
Building Instrument
Building Instrument
Hip Hop-Beats und Melodika, Zither und Elfentraum: »Building Instrument« klingt neu und zugleich authentisch.
Music Review | verfasst 20.10.2014
Møster!
Inner Earth
Møster!s »Inner Earth« ist zwar immer noch elektrisch, aber deutlich spannungsärmer als der Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2010
Music Review | verfasst 17.11.2014
Erik Honoré
Heliographs
Mit 48 Jahren hat der norwegische Sounddesigner und Schriftsteller Erik Honoré sein Debüt fertiggestellt. »Heliographs« ist ein Ereignis.
Music Review | verfasst 12.02.2015
Christian Wallumrød
Pianokammer
In Skandinavien hängt das Weltall offenbar besonders tief. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls das tolle Album von Christian Wallumrød.
Music Review
Resilient Vessels
Live At The Cell
Vier Musiker haben sich im letzten Jahr zusammengetan um als Resilient Vessels mit »Live At The Cell« ein fulminantes Jazzalbum aufzunehmen.
Music Review
Hailu Mergia & The Walias Band
Tezeta
»Tezeta«, das ursprünglich 1975 nur auf Kassette erschienene erste Album von Hailu Mergia, ist nun bei wiederveröfffentlicht worden.
Music Review
Mndsgn
Rare Pleasure
Mit »Rare Pleasure« beendet Mndsgn seine Verwandlung vom Beatmaker zum Songwriter. Schmusiger RnB zwar, aber inhaltlich komplex.
Music Review
Guilherme Lamounier
Guilherme Lamounier (1973)
Das zweite Album von Guilherme Lamounier, ein Meisterwerk des brasilianischen Psychedelic-Folk, wurde bei Mad About wiederveröffentlicht.
Music Review
Skee Mask
Pool
Im diffusen Genrebrei zwischen IDM, Techno und Dub klingt niemand wie Skee Mask. Sein neues Album »Pool« unterstreicht die Ausnahmestellung.
Music Review
The Frank Derrick Total Experience
You Betcha!
»You Betcha!«? Noch nie gehört? Solltest du aber! Das Album The Frank Derrick Total Experience gilt unter Jazz-Heads zurecht als Klassiker.
Music Review
Les Filles De Illighadad
At Pioneer Works
Musik aus Niger, eingespielt in New York: »At Pioneer Works« ist das erste Album der Filles de Illighadad seit langem.
Music Review
Panta Rex
Lefty
Panta Rex meldet sich mit der EP »Lefty« auf Noorden zurück, der Name ist Programm: Dem Dancefloor wird sich von dessen Außenrand genähert.
Music Review
Sons Of Kemet
Black To The Future
Sons Of Kemet haben mit »Black To The Future« einen weiteren Fingerzeig dahingehend veröffentlicht, was Afro-Jazz heute bedeutet.
Music Review
José Mauro
A Viagem Das Horas
José Mauro lebt! Wusste auch niemand, als sein Debütalbum neu aufgelegt wurde. Nun folgt das Reissue von »A Viagem Das Horas« auf Far Out.
Music Review
Various Artists
Extra Muros: Italy
Die Kollaborations-Compilation »Extra Muros: Italy« brachte fünf Musiker*innen – Benoit B Dena, Dona, Eva Geist und Jolly Mare – zusammen.
Music Review
Bruxas
Muscle Memory
Jacco Gardner und Nic Mauskovic sind Bruxas, »Muscle Memory« ist das Debüt des Psych-Disco-Projekts und sowieso die Platte des Sommers.
Music Review
Mustafa
When Smoke Rises
Jamie xx, Sampha, James Blake und Drake als Feature-Gäste? Nur auf Mustafas »When Smoke Rises«, einem eindringlich-erzählerischen Album.
Music Review
Sandra Sa
Vale Tudo
Brasilianischer Boogie Funk bleibt entwaffnend und Sandra Sas 1983 veröffentlichtes Album »Vale Tudo« eines seiner Meisterwerke.
Music Review
Drab Majesty
Unknown To The I
»Unknown to the I« bietet den idealen Einstieg in das Universum des Duos Drab Majesty: Verträumter New Wave in drei Stücken.
Music Review
Fly Pan Am
Frontera
»Frontera« von Fly Pan Am ist in dramaturgischer Hinsicht vorhersehbar aufgebaut und doch das beste Album der Constellation-Band überhaupt.
Music Review
Mdou Moctar
Afrique Victime
Mdou Moctars Domino-Debüt »Afrique Victime« ist gleichzeitig von Eddie van Halen und Neokolonialismus inspiriert. Und unerhört eindringlich.
Music Review
Arovane
Atol Scrap
22 Jahre hat es gedauert, bis mit »Atol Scrap« von Arovane eine der besten deutschen Electronica-LPs der 1990er auf Vinyl erscheint.
Music Review
Massimiliano Pagliara
Connection Lost Pt.3
Der dritte Teil von Massimiliano Pagliaras »Connection Lost«-Serie ist wieder einmal überragend ausgefallen, bleibt aber ambivalent.
Music Review
McKinley Dixon
For My Mama And Anyone Who Look Like Her
McKinley Dixon kann kein unbeschwertes Leben führen, drüber rappen aber allemal. »For My Mama And Anyone Who Look Like Her« bietet einiges.
Music Review
Alessandro Cortini
Scuro Chiaro
Alessandro Cortini dreht auf »Scuro Chiaro« den Gefühlsregler gewohnt hoch. Es ist aber auch eines seiner abwechslungsreichsten Alben.
Music Review
Various Artists
GOST: A Spiritual Exploration Into Greek Soundtracks (1975-1989)
Die auf Into The Light erschienene Compilation »GOST« versammelt wundersame Filmmusik aus Griechenland.
Music Review
P!OFF?
P!OFF?
Von ihrem Debüt verkauften P!OFF? im Jahr 1982 gerade einmal 600 Exemplare. Zum Glück hat Bureau B die Platte wieder aufgelegt!
Music Review
Umwelt
Fear On The Dark Planet
Umwelt ist immer Underground geblieben. Seine EP »Fear On The Dark Planet« für Midnight Shift ist hoffnungsvoller als ihr Titel verspricht.
Music Review
Trees Speak
PostHuman
Brauchen wir noch Neuauflagen vergangener Epochen? Wenn sie so einnehmend klingen wie auf Trees Speaks »PostHuman«: gerne doch.
Music Review
Jayda G
DJ-Kicks
Erst die Tunes, dann die Vibes, am Ende der Cooldown: Die DJ-Kicks-Ausgabe von Jayda G ist konventionell aufgebaut und steckt voller Perlen.
Music Review
St. Vincent
Daddy's Home
Die Vorab-Singles zu St. Vincents mittlerweile sechstem Album »Daddy’s Home« waren verwirrend, das Album als Ganzes ist es aber keineswegs.
Music Review
Sun Ra
Lanquidity
Die als umfassendes Reissue erhältliche »Lanquidity« könnte Sun Ras beste LP sein, hätte er nicht so viele andere Meisterwerke hingelegt.
Music Review
Roland P. Young
Hearsay I-Land
Mitte der 1980er legte sich der Jazzmusiker Roland P. Young eine neue Identität als Popper zu, die auf »Hearsay I-Land« dokumentiert wird.
Music Review
The Master Musicians Of Joujouka
Live In Paris
»Live In Paris« wurde 2016 aufgenommen und erscheint ein halbes Jahrhundert, nachdem die Welt den Master Musicians of Joujouka anheim fiel.
Music Review
Squid
Bright Green Field
Auf ihrem Debüt »Bright Green Field« entwirft die eklektische Band Squid das Gegenteil von dem, was Cover und Titel versprechen.
Music Review
DJ Black Low
Uwami
Frischenzellkur durch Reduktion: Auf seinem Debüt »Uwami« erweist sich DJ Black Low als eine Art DJ Python des Amapiano-Genres.
Music Review
Caterina Barbieri
Fantas Variations
Caterina Barbieri hat ihren Track »Fantas« von Freunden und Bekannten bearbeiten lassen. Das Ergebnis, »Fantas Variations«.
Music Review
Cassandra Jenkins
An Overview on Phenomenal Nature
Auf »An Overview on Phenomenal Nature« widmet sich Cassandra Jenkins fließenden Bewegungen, friert aber auch Momente deskriptiv ein.
Music Review
Ziad Rahbani
Bennesbeh Labokra… Chou?
Mit der Reissue zu »Bennesbeh Labokra… Chou?« erweitert WeWantSounds den Blick auf das Schaffen des libanesischen Musikers Ziad Rahbani.
Music Review
Electric Party
Play
Mit »Play« veröffentlicht das Label Knekelhuis neun Stücke aus den Achtzigern der niederländischen Band Electric Party.
Music Review
Niklas Wandt
Balearische Bibliothek
Mit »Balearische Bibliothek« schafft Niklas Wandt einmal mehr Musik, in der sich Natur und Zivilisation auf Augenhöhe begegnen.
Music Review
Sophia Kennedy
Monsters
»Monsters«, das soeben bei City Slang veröffentlichte zweite Album von Sophia Kennedy, steht ihrem großartigen Debüt in nichts nach.
Music Review
Chihei Hatakeyama
Late Spring
Auf seinem fast 80. Album macht der japanische Ambient-Künstlers Chihei Hatakeyama nicht viel anders als zuvor, das aber sehr gut.
Music Review
Kasai Allstars
Black Ants Always Fly Together; One Bangle Makes No Sound
Eine neue Leichtigkeit ist auf »Black Ants Always Fly Together; One Bangle Makes No Sound«, dem neuen Album der Kasai Allstars zu hören.
Music Review
Roman Flügel
Eating Darkness
Das Beste kommt erst noch! Sagt zumindest Roman Flügel, der mit mit »Eating Darkness« für Running Back die grauen Wolken vertreiben möchte.