Aigners Inventur – Januar 2015

04.02.2015
Auch im neuen Jahr setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Joey Bada$$, Nicki Minaj, D’Angelo und Theo Parrish.
Wu-Tang Clan
A Better Tomorrow Colored Vinyl Edition
• 2014 • ab 16.99€
Ich beginne meinen Rundgang in Shaolin oder muss man den Wu-Tang Clan 2015 eher auf dem Mulholland Drive verorten? Jedenfalls macht »A Better Tomorrow« mehr als deutlich, was eigentlich schon seit »Iron Flag« bekannt war: Alben von Wu-Tang sind mittlerweile mehr Outlet für verletzte Egos und Symbol gescheiterte RZA-Ansprüche. Raekwon und Ghostface Killah erledigen ihre Aufgaben widerwilliger als Steuererklärungen, der GZA rappt mittlerweile mit dem Enthusiasmus von Ottfried Fischer und über 15 Jahre nach »Triumph« ist es keine gute Idee Inspectah Deck zum Go-To-Guy zu ernennen. Das klingt alles dramatischer als es ist, aber Mediokrität und das große W.. so richtig anfreunden will man sich damit nicht. Und wenn RZA sich dann noch an »Son Of A Preacher Man« vergreift, ist es endgültig an der Zeit, das neue Ghostface Killah-Album zu entzippen.

Ghostface Killah
36 Seasons
Salvation • 2014 • ab 22.99€
Der macht auf »36 Seasons« seine Sache erwartungsgemäß besser, lädt mit AZ, Kool G Rap und Pharoahe Monch genug Veteranen ein, um den obligatorischen Shawn Wigs-Vers vergessen zu machen. Da wird sich bei den Persuaders bedient und die üblichen Iron Man Ebonics verlieren auch auf der schlechten Seite von Vierzig wenig an Charme, weil Ghostface Killah seinen Shish Kebab majestätisch schmatzend in diesen Blaxploitation-Kulissen verdrückt und über RZAs Identitätskrisen nur abfällig grinsen kann.

Joey Bada$$
B4.da.$$
Cinematic Music • 2014 • ab 55.99€
Es gibt sie also noch, Alben, die die »Goldene Ära« nicht nur flüchtig zitieren, sondern sich vollständig darauf berufen, ohne aus der Zeit gefallen zu sein. Joey Bada$$ darf das vor allem deswegen, weil er auch auf der Premo-Trademark-Snare und Statik Selektahs Versuch dem Scenario Remix nochmals eine neue Facette abzugewinnen, jung und hungrig klingt. Schöne Sache, dieses »B4.da.$$«.

Es wird immer kompliziert, wenn Karikaturen mehr sein wollen als ebendies. Nicki Minaj ist, wenn sie nicht zuviel Platz hinter der Mangafigur, die wir alle spätestens seit ihrem »Monster«-Vers verehren, lässt, vielleicht die präsenteste weibliche Rapperin der letzten 15 Jahre, weil sich aus dieser wahnwitzigen Superheldinnnenfigur ein unverletzbares Halo speist, das Nicki Minaj tatsächlich jene Badadonkadonk-Superkräfte verleiht, die sie so bereitwillig ins Zentrum ihrer künstlerischen Identität stellt. Deswegen funktionieren sowohl solche rüden Ansagen wie »Lookin Ass N*gga«, als auch grell überzeichnetes wie »Anaconda«. Schwieriger wird es auf »The Pinkprint« eher wenn Nicki dieses minutiös vorbereitete Moniker-tum vergisst und huaargh persönlich werden will. Dort lässt sich dann nämlich genau jener Substanzverlust beobachten, der für ihr Superheldinnenabziehbild gänzlich irrelevant ist.

Schwesta Ewa
Kurwa
Alles Oder Nix • 2015 • ab 19.99€
Schwieriger wird’s mit Schwesta Ewa. Ohne sich hinter kruden Gender Studies-Thesen verstecken zu wollen, aber die Art und Weise wie sich Schwester Ewa hier ihrer Rotlichtvergangenheit annimmt und diese als freudianisch höchst aufschlussreiche Selbstbemächtigung verklausulisiert, ist aufgrund des unendlich deprimierenden Milieugeruchs die absolute Antithese zu Nicki Minajs fiktiver Hypersexualität. Hype Williams dort, RTL2-Reportage hier, Ballonpopos und Moet over there, Schuppen und Kokosöl over here. Also man kann sicher auf diverse Arten auf Schwester Ewa reagieren, Lachen scheint mir aber vielleicht der falscheste zu sein.

Bitte niemals in der Introspektion ankommen dürfen Rae Sremmurd, weil deren einzige, aber nicht zu vernachlässigende Qualität darin besteht, eben nichts zu hinterfragen und ihren #Hashtag-Rap so sloganlastig wie möglich zu halten. Von der »No Flex Zone« retten sich die beiden Teens ins »Sremmlife«, »Safe Sex« ist in seiner naiven Debilität fast schon niedlich und Mike Will Made It sorgt dafür, dass Rae Sremmurd mit ihrer maximalen Unverbindlichkeit vielleicht wirklich die für Eltern weniger angsteinflößende Alternative zum nihilistisch kalten Chiraq-Lifestyle der vergangenen Jahre darstellt, der Einzug hielt, in die Falthäuser in Delaware und Missouri.

D'Angelo & The Vanguard
Black Messiah
RCA • 2015 • ab 39.99€
Warum man sich zu D’Angelos »Black Messiah« am besten ein Schaumbad einlässt bevor man gegen Kathrin Oertels Augenbraue demonstrieren geht, haben Kollege Kunze und ich bereits hier erläutert vielleicht als kurzer Nachtrag noch: »Till It’s Done« ist der Hit einer generell tollen Platte.

Theo Parrish
American Intelligence
Sound Signature • 2014 • ab 35.99€
An dieser Stelle wurde »American Intelligence« als Start-Ziel-Sieg geadelt und Theo Parrish als Juan Sebastian Schumi auserkoren, vielleicht am bemerkenswertesten an der neuen Theo Parrish ist aber, wie sehr er sich mittlerweile von allen Gepflogenheiten des – um in der Allegorie zu bleiben – Zirkus’ emanzipiert hat. »American Intelligence« schmeißt völlig autark den Rückwärtsgang ein, tuckert mit 80 über die Gegengerade, driftet aus der Kurve, fährt mit 18.000 Umdrehungen durch die Boxengasse und überholt wird grundsätzlich, wenn RTL gerade in die Werbung abgegeben hat. Vielleicht wechselt Theo Parrish 2016 einfach zur NASA, Herausforderungen gibt es auf vier Reifen jetzt keine mehr.

Juju & Jordash
Clean-Cut
Dekmantel • 2014 • ab 32.99€
Ich finde Musiker ja sehr sympathisch, die völlig unstrategisch antizyklisch Alben veröffentlichen. So ein im VÖ-Nirvana Dezember/Januar herausgefeuertes Album ist immer noch der beste Garant dafür, entweder von der ihre Jahresrückblicke bereits im Oktober hektisch zusammenscheißenden schreibenden Zunft systematisch nicht erfasst zu werden, oder aber man wartet noch zwei Wochen länger und fällt in die Zeit, in der sich alle Freelanceschergen hektisch auf ihre Steuererklärung stürzen, weil pünktlich zum Fest die zweite Erinnerung an die Vorjahreserklärung reingeflattert kam. Den brillanten Wahlholländern Juju & Jordash könnte nichts egaler sein und so lieferten die beiden Ende des letzten Jahres mit »Clean Cut« vielleicht das bisher beste Album der Bandgeschichte ab. Die proggigen Technoskizzen des Vorgängers wirken hier ausformulierter und eingängiger, ganz so auf die Zwölf wie beim Klassiker »Deep Blue Meanies« ist hier aber dennoch nichts. Dafür drängen sich Cold Wave, EBM und auch leichtfüßiger Boogie als Inspirationsquellen noch mehr in den Vordergrund als bisher. Keine Frage: viel besser kann man ein House-Album nicht zusammenstellen.

Hashman Deejay
Sandopolis
Future Times • 2014 • ab 23.99€
Etwas weniger will das mit sechs Tracks durchaus knapp ausgefallene Album von Hashman Deejay auf Future Times. »Sandopolis« ist eher eine lose zusammengestellte EP, denn ambitioniertes Narrativ, aber es ist schon bemerkenswert wie selbstverständlich hier verträumte Vincent Floyd auf -8 Fußkitzler wie »Statues Pf« neben einem fordernd in den hohen 120ern marschierenden Raveungetüm wie »Sandfish« koexistieren können.

Afrikan Sciences
Circuitous
Pan • 2014 • ab 23.99€
Ich freue mich immer sehr über Alben auf PAN, die ich ad hoc verstehe. »Circutious« ist ein solches, da kann mir der New Yorker Afrikan Sciences noch so viele Fallen stellen, mit Sun Ra kokettieren, aber Ras-G meinen, die Hi Hats minutenlang im roten Bereich scheppern lassen oder Bassläufe verwenden, die die komplexe Percussion beinahe entgleisen lassen. Sorry Duder, seit Hieroglyphic Being bin ich da viel zu gut gebrieft, mich kriegst du damit nicht klein. Im Gegenteil: das ist Afrofuturismus wie er sein sollte, den Groove nicht nur peripher im Blick behaltend.

Vakula
Voyage To Arcturus
Leleka • 2015 • ab 35.99€
Schön auch Vakulas Versuch David Lindsays 1920 erschienenen, aber erst wesentlich später in das Pantheon der Science Fiction Dystopien erhobenen Roman »Voyage to Arcturus« zu vertonen, respektive sich für den Soundtrack einer Neuverfilmung rechtzeitig in Position zu bringen. House ist hier, was zu erwarten war, nur noch eine Randnotiz, Vakula hat dafür seine Gouragers und Carpenters studiert und schafft es wirklich, dass die 3LP auch ohne Visualisierung für sich zu stehen vermag.

Roland Tings
Roland Tings
Internasjonal • 2014 • ab 22.99€
Weiter mit grellbuntem Vintage-House aus Melbourne. Roland Tings 12"-Release für 100% Silk war bereits eine höchstenergische, aber auch extrem melodieverliebte Angelegenheit, so dass es nicht verwundert, dass sein Albumdebüt für die Skandinavier von Internajsonal mit Zuckerwatte nur so um sich wirft. Selten klangen die Vintage-Gerätschaften der Firma Roland so sehr wie Insulinshots wie hier, alles fiept und glänzt und tumblrt. Wirklich viel Substanz hat das nicht, aber an der richtigen Stelle eingesetzt, sicherlich eine Freude.

Andy Stott
Faith In Strangers
Modern Love • 2014 • ab 33.99€
Übermäßig zur Schau gestellte gute Laune kennt man von Andy Stott musikalisch höchstens von seinem wahnwitzigen Nebenprojekt Millie & Andrea, aber auch der Nachfolger zum großen Durchbruch »Luxury Problems« ist nicht mehr ganz so misanthropisch doomig wie der morastige Weg, der Andy Stott hat dort ankommen lassen wo er heute angekommen ist. Einfach hat er es sich natürlich wieder nicht gemacht, quasi als die kredibelste Alternative zu den frühen, suizidalen Portishead rezipiert zu werden, war ihm erwartungsgemäß nicht genug. So dreht sich »Faith In Strangers« ironischerweise völlig um sich selbst, Stott teasert die balladeske Pointe an und lässt sie volle Kraft voraus an Betonwänden zerschellen, diebisch grinsend ein Pint stürzend, den umgänglichen Geezer gebend. Kann halt auch irgendwie nur der, ne?

Panda Bear of Animal Collective
Panda Bear Meets The Grim Reaper
Domino • 2014 • ab 18.74€
Mit dem Sensemann spielt auch Panda Bear, aber keine Sorge: es wird auch auf Soloalbum Nummer Drei in bester »Pet Sounds«-Manier harmonisierst, nur dass das Drum-Programming endgültig jede Scham abgelegt hat und sich Noah Lennox, wie schon auf dem Vorgänger, auf mannigfaltigere Einflüsse beruft als zu seiner Madlib-Phase anno 2007. Die brachte mit »Person Pitch« zwar immer noch das definitive Panda Pear-Album hervor, aber es wäre unfair, das als Argument gegen einen wirklich gelungenen Drilling zu verwenden.

Deichkind
Niveau Weshalb Warum
Sultan Günther Music • 2014 • ab 23.99€
Unfair ist ein gutes Stichwort für meine Beziehung zu Deichkind. Immer wenn ich bereit bin mir einzureden, dass es der hiesigen Musiklandschaft gut tut, eine Band zu haben, die nicht viel mehr sein will als ein Furzwitz, aber definitiv auch mehr als der »RTL-Comedypreis«, wird mir wieder bewusst, wie flach Aöben von Deichkind wirklich sind. Ein paar pseudozynische Konsumplattitüden aus dem Anarchobaukasten, leidlich amüsante Namedrops aus der Schnittmenge BILD+ und TMZ, dazu die Wortspiele der britischen Yellow Press endlich allemannisieren und das saudemonstrative musikalische Persiflieren alle megalomanischen Wahnsinnigkeiten seit 1992: voilá, du Konsumentendepp, Deichkind hat dir eben in die Innentasche deines S. Oliver Blazers gepinkelt. »Niveau Weshalb Warum«.