Aigners Inventur – März 2016

06.04.2016
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Babyfather, Young Thug, Bibio, RJD2 und Tiga.
Wenn Kanye der hyperselbstreflektive Morgenstuhl-Narziss ist, dann kommt Young Thug die Rolle des undomestizierten Katers zu, der dem Hausherren jeden Morgen drei erlegte Wildmäuse vor die Füße legt, aber gar nicht mehr an einer Reaktion interessiert ist, weil er in der Zwischenzeit das Wespennest auf dem Balkon als nächstes Ziel identifiziert hat. Und so hangelt sich auch »Slime Season 3« von Hit zu Hit, Young Thug gibt wechselnd den Weezy mit futureskem Melodiegespür oder den Future mit der Punchlineverliebtheit eines Lil Wayne zu »Drought«-Zeiten. He a prauuuuwwwblem und das ist 1 gute Mixtape.

Nochmal Future als Aufhänger: Awfuls Universal-Zehner Father hat ein Jahr nach seinem poetischen summa cum laude »Who’s Gonna Get Fucked First« die bittersüße Einsicht »I’m A Piece Of Shit«. In patentierter Future-Manier werden chemisch begleitete Erektionen zu dopaminfreien Depressionen, nur dass die viel zitierten Wreck Yo-Self-ismen hier weniger konstruiert und nachhaltig wirken. Vielleicht der erste Schritt in die Quarterlife-Crisis, vielleicht aber auch nur Kunst, weil: Awful.

Flatbush Zombies
3001: A Laced Odyssey
Glorious Dead • 2016 • ab 13.99€
Eigentlich müssten die Flatbush Zombies wesentlich unzufriedener mit ihrer Arbeit sein als Father, aber anstatt sich in Selbstmitleid zu flüchten, gibt es auf »3001: A Laced Odyssey« den üblichen Schmuh, basierend auf haziger Freimaurerparanoia, postpubertärem Zwangsvulgarismus und fast schon verzweifelter Selbstaffirmation (huhu, Outro). Schade, da dachte man vor ein paar Jahren auch an mehr.

RJD2
Dame Fortune
RJ's Electrical Connections • 2016 • ab 12.74€
Ein gutes Stichwort für RJD2. Weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden nach »Since We Last Spoke« und heute zwar immer noch mit mindestens fünf tollen Ideen pro Alben, lebt »Dame Fortune«”:https://www.hhv-mag.com/de/review/8407/rjd2-dame-fortune zum Großteil von seinen rein instrumentalen Momenten, zu schwach und in folkigen Seichtigkeiten irrend geben sich die song-basierten Nummern hier. Aber Respekt für den völlig verwirrten Boxengassen-Amoklauf »A New Theory».

Bibio
A Mineral Love
Warp • 2016 • ab 14.39€
Routinierter geht Bibio mit einer halbwegs vergleichbaren Ausgangssituation um. Nachdem dessen »Deadringer«, das vor kurzem wiederveröffentlichte »Ambivalence Avenue«, alle Stärken des Produzenten auf den Punkt gebracht hatte, merkte man Bibio die Schwierigkeiten dem etwas hinzufügen zu können in den letzten Jahren durchaus an. »A Mineral Love« sucht sein Heil in fidelem, samplefreien Psychpop, der mir vermutlich einen Beach Boys-Namedrop entlocken soll, aber doch eher an Toro Y Mois Strategie erinnert.

Bullion
Loop The Loop
Deek • 2016 • ab 18.89€
Vielleicht hat aber auch einfach Bullion diese Hausaufgabe am besten gelöst, weil der auf »Loop The Loop« zwar auch post-chillgewavten Pop als Lösung auf die eigene »Endtroducing«-Vita wählt, dabei aber die Manie des collagierten Instrumental Hip Hops der Ninja Tune Tage am besten in überbordende Kreativität übersetzt. Dass alle drei keine besonders aufregenden Sänger sind, könnte allerdings auch erklären warum diese drei Alben langfristig eher Randnotizen bleiben werden.

Baauer
Aa
Lucky Me • 2016 • ab 17.99€
Auch Baauer hat sich unwillentlich in eine künstlerische Identitätskrise manövriert, allerdings noch bevor er überhaupt jene Identität gefunden hatte. So merkt man »Aa« in jedem Moment den kaltnassen Paranoiaschweiß vor einem »Harlem Shake«-Redux an, gleichzeitig aber auch diese genuine Begeisterung für überlebensgroßen R&B. So entsteht ein Album, das ich mir vermutlich zwar nie wieder in voller Länge anhören werden, mit dem sich Baauer aber durchaus für größere Aufgaben im Hintergrund empfehlen kann. So er denn will.

Babyfather
BBF Hosted By DJ Escrow
Hyperdub • 2016 • ab 24.99€
Kommen wir zur eigentlich wichtigsten Platte des Monats. Ich halte Dean Blunt bekanntermaßen für eines der größten musikalischen Genies des Hier und Jetzt und jedes Livekonzert des subversiven Tricksters bleibt ein Ayahuasca-Trip auf den man sich grundsätzlich immer falsch vorbereitet hat, aber Babyfather lässt mich ratlos zurück. Nicht inhaltlich, hier würde ich dem Kollegen bei Fact folgen wollen, aber musikalisch. »BBF« soll unbequem sein, ein assoziatives Monstrum über die Wirren erodierender schwarzer Identität im erlahmten Großbritannien David Camerons, got it. Aber Dean Blunt schafft es hier zum ersten Mal seit langem nicht einen musikalischen Spannungsbogen zu kreieren, der seinem Genie gerecht würde. So bleibt »BBF« ein theoretisch großartiges Album.

Babyfather
BBF Hosted By DJ Escrow
Hyperdub • 2016 • ab 24.99€
Hyperdub bleibt politisch. Wo sich Dean Blunt allerdings zahlreicher textlicher Subtilitäten und Brüche bedient, gibt sich Fatima Al-Qadiri auf »Brute« größtenteils plakativ und wortlos. Während ihr Vorgänger »Asiatisch« noch einen gar nicht mal so ausgetrockneten Hauptseminars-Diskurs unter all uns gescheiterten Freelance-Akademikern ausgelöst hatte, ist »Brute« nun eher ein Häppchen für den Literatur-Grundkurs, Klasse 11. Hier ein bisschen Orwell, dort ein bisschen Foucault Gähn. Ach ja: Musik. Geht so, Goth-Grime statt Harfe und Bambusflöte.

Leon Vynehall
Rojus
Running Back • 2016 • ab 19.99€
Es geht auch einfacher: Leon Vynehall macht immer noch die süßeste House-Musik diesseits von Detroit und wenn Andrés irgendwann keinen Bock mehr hat, das von Moody und Pépé bereitwillig übernommene Zepter für gaaaaanz gaaaaaaanz klassischen Deep House zu tragen: dieser wohlerzogene blasse Brite mit dem splissfreien Haar macht das schon.

Al Dobson Jr.
Rye Lane Volume 2 & 3
Rhythm Section International • 2016 • ab 22.99€
Unter anderem weil Al Dobson Jr. und Rhythm Section dafür noch nicht ganz bereit sind, wie Dobsons »Rye Lane Vol 2 & 3« beweist. Nett ist das, da schlackert ein sattes Petestrumental neben einem unverkrampften 110er-Boogie-Tool, Rhodes kuscheln sich an afrikanische Percussion, mal sind Theo und Miles die Teacher, dann wieder Marley und Terry, aber wirklich brauchen tut das im mindestens vierten Jahr des MPC-House-Revivals niemand mehr so richtig.

Matt Karmil
Idle033
Idle Hands • 2016 • ab 24.99€
Dann lieber weniger Stringenz und mehr WTFs. Matt Karmil hatte ich vor seinem Album für Idle Hands bisher recht konsequent ignoriert, aber wenn da im Backkatalog noch mehr um die Ecke gedachter Psycho-House steckt, dann habe ich vielleicht doch noch Verwendung für den Rest dieses grauen Dienstags. Bemerkenswert auch wie sehr sich House doch eignet für den Beattape-typischen Stream Of Consciousness – kaum ein Track hier ist länger als drei Minuten – so lange die Ideen und Loops seltsam genug sind.

Drvg Cvltvre
Into The Endless Night
Pinkman • 2016 • ab 16.99€
Oder aber man setzt in diesem Kontext auf die Urmagie des perfekten Loops, das Ekstase für Stunden, mindestens aber für zehn Minuten tragen kann. Drvg Cvltvres Techno- und House-Verständnis ist also ein klassischeres als dann von Matt Karmil, »Into The Endless Night« aber auch mal wieder ein Beweis dafür, dass die Rechnung 3 Maxis = 1 Album selten aufgeht. So ist es fast unmöglich dieses Album zu Hause wertschätzen zu können, ohne die Vorhänge zuzuziehen, die Heimboxen mit dem Hammer zu präparieren und das Parkett mit einer Bier-Maté-Vodka-Bowle zu ölen. Zu viel Aufwand, muss ja auch wieder jemand aufräumen danach.

Field, The
The Follower
Kompakt • 2016 • ab 20.99€
Weniger Umbauarbeiten fordert »The Follower« auf dem The Field wieder mal beweist, dass so ein Loopology-Magister Ausdauer und Talent erfordert. Clevererweise wartet der Schwede immer genau so lange bis das öffentliche Gedächtnis ein neues Album einfordert und wie immer manipuliert The Field traumwandlerisch sicher die Synapsen, in denen Dynamik und Repetition so lange ineinander laufen bis man wieder für vier Jahre verstanden hat, wo der Begriff Trance eigentlich mal hinwollte.

Man, jetzt wollte ich irgendwas aus dem Journalisten-Kit für Moderat zusammenklauen um meine eigene Ratlosigkeit mit den üblichen Blödeleien Marke: »die Band für Menschen, die das Berghain immer noch für eine gute Idee halten, sonntags aber lieber ihren Kaffeetisch neu lackieren«_ überspielen. Denn natürlich ist auch »III« ein geschmackvolles Vernissage-Album und Apparat endgültig der deutsche Thom Yorke geworden. Dennoch werde ich beim Hören nie das Gefühl los, mir gerade die vertonte Yelp-Top-10 für Fairtrade-Latte in Berlin-Mitte oral einzuführen.

Geneva Jacuzzi
Technophelia White Vinyl Edition
Medical • 2016 • ab 26.99€
Für die Selbstreinigung: jemand Bock auf einen Absinth-Absacker mit Geneva Jacuzzi? Die wirkt auch auf »Medical« wieder wie ein Relikt aus der Viva2-Ära, das Italo-Rrrriot-Girl mit Throbbing-Gristle-Sammlung und Feminismus zwischen Peaches und Fast Forward. Macht Bock, auch weil die Roland so schön rumpelt.

Tiga
No Fantasy Required
Counter • 2016 • ab 20.99€
Auch auf Tiga lasse ich nichts kommen, etwa weil der schon immer wie aus der Zeit gefallen wirkte, egal, ob er nun Electroclash oder Blog-House mit seiner geilen Manieriertheit konterkarierte, vor allem aber weil seine Pop-Hits aufgrund ihres dadaistischen Humors stets sträflich unterschätzt wurden. Auch auf »No Fantasy Required« bleiben die tooligen Tech Houser Geschmacksache, aber als Systemfehler ist der Kanadier im Pop-Kontext immer noch herzlichst willkommen.

Pet Shop Boys
Super Colored Vinyl Edition
X2 Recordings • 2016 • ab 19.49€
Vielleicht irgendwann endlich mal in Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys. Deren neues Album heißt »Super« könnte musikalisch stellenweise mehr satirischer Kommentar als echter Versuch sein und primär Non-Millenials trotzdem glücklich machen, weil hier diese ganze Tomorrowland-Gaga-Euphorie in Situationen übersetzt wird, die auch Snapchat-Verweigerern zugänglich sind.