Aigners Inventur – September 2013

26.09.2013
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Drake, The Weeknd, Huerco S, Janelle Monae und MGMT.
Drake
Nothing Was The Same Deluxe Edition
Republic • 2013 • ab 11.99€
Das Wichtigste zuerst: wer Drake mangelnde handwerkliche Fähigkeiten attestiert, hat dieses Rap-Ding nicht verstanden. Ich mag eventuell noch Verständnis dafür aufbringen, dass dieselben Leute, die immer noch ungeniert in ihre Champion-Hoodies weinen, wenn sie »I Used To Love H.E.R.« zum 2934ten Mal hören, mit Drizzys Vaginaflüsterer-Habitus nicht klarkommen, weil er in seiner vollkommen kalkulierten Transparenz so gar nicht dem Genre-Kodex entsprechen will, aber Drake dem Rapper, Songwriter und Beat-Selektor ein Konstruktives Misstrauensvotum aufzuhalsen, ist ignoranter als diese neue Gucci Mane und Migos Kollaboration »Nothing Was The Same« ist Drakes Versuch über den Dingen zu stehen, aber anders als Kanye gelingt ihm dies nicht, weil ihm dessen Ungefilterheit fremd ist. Erstaunlicherweise macht ihn das als Person angreifbarer als das Meta-Arschlochtum Herrn Wests und aus dieser Verletzlichkeit speist sich die künstlerische Identität des erfolgreichsten kanadischen Rappers aller Zeiten. Drake schreibt auch hier wieder Hooks für deine Freundin, zwanzig Sekunden später dekliniert er dann aber mühelos absurde Flows über 40s Chipmunk-Soul und gescrewte Balladen durch, als wäre es das normalste auf der Welt. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, sich einzugestehen, dass manchmal die richtigen Leute ganz oben stehen, egal wie artifiziell sie ihre eigene Biographie im Nachhinein plakativ verklären, nur um im nächsten Moment wieder das privilegierte Degrassi-Kid zu sein.

The Weeknd
Kiss Land
Republic • 2013 • ab 5.96€
Anders als Drake, der zum ersten Mal, wenn er nicht gerade contemplated was diese Hooters-Wendy heute macht, wirklich seine innere Mitte gefunden zu haben scheint, bleibt The Weeknd auch auf seinem ersten richtigen Album ein nihilistisch-narzisstisches Arschloch, das offensichtlich die deprimierendsten Beischlaf-Erfahrungen seit Patrick Bateman gemacht hat. »Kiss Land« ist musikalisch bei weitem die uninspirierteste The Weeknd-Platte bisher, v.a. weil der böse Abel anscheinend dachte, dass seine lyrisch häufig interessant transportierte Desillusion in den Refrains am besten mit überkandidelten Monster-Synths und kruder EDM-Goth-Romantik unterstrichen werden sollte. So kippen viele Songs auf »Kiss Land« ausgerechnet in ihrem zentralen Motiv, eine ungeschminkte Schönheit wie »The Morning« sucht man vergebens.

2 Chainz
B.o.a.t.s. 2# Metime
Def Jam • 2013 • ab 13.56€
Nach soviel semi-existentialistischem Pathos tut »B.O.A.T.s II« nicht nur gut, sondern fast Not. Eine Reflexion darüber, warum es 2 Chainz nach langjährigem Schattendasein in Ludas DTP-Posse ausgerechnet in dieser Ära in die erste Reihe geschafft hat, erspare ich euch an dieser Stelle, es ist jedoch hochinteressant ihn immer wieder dabei zu erwischen, wie er sich über jede Punchline, für die sich bereits ein Pennäler schämen würde, so diebisch freut wie Kevin Garnett über ein technisches Foul gegen Melo. Und gerade weil 2 Chainz mehr noch als die oben erwähnten Gucci Mane oder Migos eine solch überzeichnete Karikatur des Status Quos ist, genießt man dieses Album auch am besten als eine Art Stand-Up-Programm und Adlib-Inventar, zumindest bis gen Ende Pusha T doziert und uns in die Realität zurückholt.

Big Sean
Hall Of Fame
Def Jam • 2013 • ab 13.56€
2 Chainz’ G.O.O.D. Music Spezi Big Sean hingegen ist weniger offensichtlich cartoonish, obgleich seine Auffassung darüber, was einen guten Vers ausmacht, sich durchaus mit dem Herrn Doppelkette decken würden. Truuuuuue. Sean wirkt dabei aber immer einen Tacken zu verbissen, zu sehr darum bemüht endlich auch als vollwertiges Mitglied in Kanyes Egomanen-Familie wahrgenommen zu werden. Das ist in Form der obligatorischen Sechzehner auf einem Posse-Cut dann sehr unterhaltsam und sympathisch, ein Album kann der kleine Sean aber noch nicht alleine tragen.

J-Zone
Peter Pan Syndrome
Old Maid Entertainment • 2013 • ab 15.99€
Ach, schau an, J-Zone hat doch wieder Bock auf Wortsport. »Peter Pan Syndrome« ist das erste Album des Kalauer-Automaten seit einer halben Ewigkeit auf dem sich der New Yorker auch zu Wort meldet. Der Humor ist der gleiche geblieben, die Themen wurden aber glücklicherweise an die Generation Selfie angepasst. J-Zone versteht es dabei genau jenen Out-Of-Touch-Zynismus spazieren zu tragen, für den wir Louis C.K. so gern haben, weswegen »Peter Pan Syndrome« so unendlich besser ist als das fünfhundertste Requiem zwangspessimistischer 90er-Archäologen. Oh und verdammt noch mal: diese Drums!

Janelle Monae
Electric Lady
Bad Boy • 2013 • ab 11.98€
Janelle Monae startet auf »The Electric Lady« mit Prince, Erykah Badu, Solange und Miguel. In dieser Reihenfolge. Und das eigentlich irrsinnige daran ist: es funktioniert. Egal, ob sie sich mit Legenden oder Hypelist-Alumni misst, Monae bleibt Chefin im Ring. Allein deswegen ist jene Sequenzierung statt Karrieresuizid ein kleiner Geniestreich. Und Monae die neue Badu, aber (noch) ohne die mittlerweile schwer zu ertragende esoterischen Wirrungen und dem Talent fehlerlose Rap-Biographien zu zerstören. Dass der Electric Lady nach der anfänglichen Machtdemonstration gen Ende etwas die Puste ausgeht, kann man angesichts dessen also verschmerzen.

Damiano Von Erckert
LOVE BASED MUSIC.
AVA. RECORDS • 2013 • ab 28.99€
Der Übergang von Hip Hop zu House ist diesen Monat fließend, der Kölschen Sensation Damiano Von Erckert sei Dank. Der hatte bereits zu Beginn des Jahres gemeinsam mit Twit One bewiesen, dass er seine Hausaufgaben nicht nur hinsichtlich Moodymann und Walter Gibbons gemacht, sondern zuhause im Regal auch ein Extrafach für Madlib freigeräumt hat. »Love Based Music« schlägt dann auch wieder gekonnt Haken, verbindet orchestralen Slo-Mo-House mit ekstatischem Peak-Time-Filtern, nutzt Georgia Anne Muldrow für einen Midtempo-Boogie-Schwinger und bestellt als Abschluss noch einen Remix beim Nicht-Mehr-Kölner Motor City Drum Ensemble. Von Erckert versteht es hierbei, ähnlich wie der Kollege Plessow, nie in diese deutsche Hüftsteife zu verfallen und genau darum leidet dieses Album auch unter keinerlei Längen.

Huerco S.
Colonial Patterns
Software • 2013 • ab 36.99€
Der noch größere Wurf gelingt unterdessen jedoch Huerco S, jenem seit einem guten Jahr äußerst umtriebigen Kerl also, der direkt mit seiner ersten Single auf Future Times bereits einen Eintrag in meinem Techno-Kanon der letzten fünf Jahre verbuchen konnte. »Colonial Patterns« heißt sein Debütalbum, welches perfekt die Brücke schlägt zwischen der Future Times’schen Unverkrampftheit, dem Mittelfinger-Duktus von L.I.E.S., der Unberechenbarkeit von Opal Tapes und dem PAN’schen Avantgardismus. Man kann das auch anders zusammenfassen und nur das Adjektiv essentiell gebrauchen.

Apropos PAN: Die veröffentlichten unlängst »Vanilla Call Option«, ein cinematisches Synth-Noise Album von Rene Hell, den man von seiner Split-EP mit Oneohtrix Point Never oder von zahllosen Tape-Veröffentlchungen kennen kann. Beats im klassischen Sinne finden sich hier nur spärlich, wenn dann aber gnadenlos pointiert und mit jener Macht wie man sie bereits auf Lee Gambles exzellentem Album für PAN fand. Der Rest ist virtuose Music Concrète-Spielerei, ein Schichtsalat aus unsteten Rhythmen, nervösen, kalten Synths und scheppernden Dronenkriegern. Wer letzten Monat dank Engravings mit zu viel innerer Wärme in den Herbst ging, kann hiermit hervorragend gegensteuern.

Marcel Dettmann
Dettmann II
Ostgut Ton • 2013 • ab 16.99€
Kalt, aber auf einer anderen Ebene, lässt mich auch »II«, Marcel Dettmanns – genau – zweites Künstleralbum für Ostgut Ton. Das liegt primär daran, dass es Dettmann immer noch nicht gelingen will, Techno von narrativem Wert zu produzieren. Seine wohldokumentierte Loop-Obsession verhindert auch hier, dass großartige Ideen auch zu großartigen Tracks werden. Gerade weil Dettmann in seiner gesamten Person soviel Geschichtsbewusstsein verkörpert, muss man ihm leider spätestens jetzt in die Akte schreiben, dass er als Produzent niemals so wertvoll sein wird wie als DJ.

Jackson And His Computerband
Glow
Warp • 2013 • ab 42.99€
Ich hatte insgeheim großes erwartet von »Glow«. Weil Jackson And His Computer Band 2005 mit »Smash«, neben Modeselektor und Mr. Oizo, eines der ganz wenigen Alben gemacht hatte, das man sich von all diesen Sachen, die letztlich zur Stadionisierung der französischen Bratz-Manie geführt haben, heute immer noch anhören kann, ohne sich nach zehn Minuten eine imaginäre Fettkruste vom Körper kratzen zu wollen. Das war schizophren, radikal, gut produziert. »Glow« hingegen kokettiert mit dieser Schizophrenie, ist aber eigentlich nur eine von Muckertum und dummdreisten Hooks lebende Frechheit. Songs sollen das sein, aber dazu bekennen will sich Jackson Fourgeaud aber auch nicht, also klatscht er ansprechende Skizzen mit pseudoironischen Trap-Referenzen, plakativem Gabber-Dilettantismus und Spandex-Keyboards voll. Ne, ne, Zeit erwachsen zu werden.

Wenn Jessy Lanza uns auffordert ihr das Haupthaar aus dem Gesicht zu befördern, hat das selbstredend nichts mit Emesis-Problemen zu tun, sondern fungiert als liebevolle Metapher für zarte R&B-Songs in postmodernem Gewand. Anders als The Weeknd, der sich, wie eingangs erörtert, musikalisch zunehmend an ausgetretenen EDM-Signifieren abarbeitet, findet Lanza mit ihrem Produzenten Jeremy Greenspan (Junior Boys, genau) einen weniger aufdringlichen Weg ihre Harmonien in minimalistische, elektronische Popsongs zu pflegen. Dass »Pull My Hair Back« auf Hyperdub erscheint, ist dann auch gar nicht mehr die ganz große Überraschung. Das beste britische Pop-Album des Jahres bisher. Punkt.

Trentemoller
Lost Limited Edition
In My Room • 2013 • ab 15.99€
Dass Trentemoller nicht mehr der Trentemoller des Jahres 2006 ist, als er mit «The Last Resort« eines der von der Kritik meist gefeierten High-Brow-House-Alben der Nullerjahre produzierte, hat sich in den letzten sieben Jahren mehr als angedeutet. Der Trentemoller von »Lost« schreibt Songs (natürlich), hat eine Liveband in der Henrik Vibskov an den Drums sitzt und fühlt sich mittlerweile deutlich wohler, wenn eine – meist weibliche – Stimme seine gleichermaßen von Postrock, Downtempo und Techno infiltrierten Kompositionen komplettiert. Auch 2013 bleibt der Däne aber etwas besonderes, weil er es, auch wenn das Genre vielleicht nicht mehr das gleiche ist, immer noch so bemerkenswert leichtfüßig schafft, melancholisch und euphorisch auf einmal zu klingen und dabei immer nur sich selbst und nie die Erwartungen des Hörers im Blick zu haben.

Camella Lobo ist derweil immer noch die ungekrönte Königin darin, die Lakonie der Minimal Wave-Bewegung Anfang der 1980er Jahre ins Heute zu retten. »Restless Idylls« klingt wieder so wie das Italians Do It Better-Camp nach einer Zombie-Apokalypse, Lobo setzt ihre Stimme noch spärlicher ein, häufig ist sie nur ein weit entferntes Hauchen zwischen stoischen Drumpatterns und Guitar-Pad-Dubs. Tropic Of Cancer, ich hab’ dich so gern.

V.A.
After Dark 2: Italians Do It Better Clear Vinyl Edition
Italians Do It Better • 2013 • ab 26.99€
Ach ja, Italians Do It Better. Die haben auf die mittlerweile semi-legendäre erste »After Dark«-Compilation jetzt eine zweite folgen lassen. Das Inventar um Glass Candy, Chromatics, Mike Simonetti und Mirage ist selbstredend wieder vertreten, die orgiastischen Reblogs der Early Adopter haben abgenommen, weil mittlerweile jeder Drive dreimal gesehen hat, aber dieser schluffig-romantische Zugang zur balladesken Verwurstung von Italo und Wave liegt mir immer noch am Herzen, auch wenn das mittlerweile vermutlich schon bei RTL in der Firmenkantine aus den Lautsprechern quäkt.

Goldfrapp
Tales Of Us
Mute • 2013 • ab 21.59€
Wobei, vielleicht reicht den Praktis dort auch immer noch Cat Power. Oder Goldfrapp. Alison Goldfrapp hat immer noch die Stimme eines Engels, dieses Mal Bock auf traditionalistische Instrumentierung und postmoderne Ambivalenzen. Das ist eigentlich alles viel zu subversiv um Yoga-Kurse zu beschallen, aber vordergründig ist Goldfrapp die Art-Stilisierung eben weniger wichtig als einer Joanna Newsom oder Julia Holter, so dass »Tales Of Us« vom unaufmerksamen Hörer primär als Jahrestags-Soundtrack missbraucht werden wird.

MGMT
MGMT
Sony • 2013 • ab 35.99€
Die Überraschung des Monats? Hmmm, dass das neue MGMT Album nicht scheiße ist? Nach dem Progdesaster, das auf den Hitmonolithen »Oracular Spectacular« folgte und primär den eigenen Ekel der Band für ihre unfreiwilligen Studentenfetenhits ausdrücken sollte, konnte das Duo endlich seinen Holier-Than-Thou-Habitus ablegen und mit dem selbstbetitelten, dritten Album einen nachvollziehbaren Kompromiss finden. Sie werden nie wieder ein »Kids« oder »Time To Pretend« schreiben, aber hier gibt es tatsächlich Singles. Und Melodien. Und Stoner Rock Anspielungen. Und Pet Sounds Versatzstücke. Freilich nichts was ich mir freiwillig nochmal anhören würde, aber um das Costanza’sche Mantra als Erklärung hierfür zu bemühen: it’s not you, it’s me

Arctic Monkeys
AM
Domino • 2013 • ab 22.99€
Selbiges könnte ich auch direkt für »AM« benutzen, weil: an den Arctic Monkeys liegt es nicht. Die spielen mittlerweile routinierten, zeitlosen Blues, Alex Turner ist für mich immer noch der charmantere Gallagher und überhaupt ist das alles für ein fünftes Album eines designierten Hypemachine-Phänomens wirklich sehr ordentlich. Wenn ich doch nur mehr Zeit und Muse für Gitarren hätte. Gibt aber halt schon wieder eine neue Omar S Maxi