Es ist kein Geheimnis: die Re-Saturnisierung von Vinyl habt ihr primär euren Vätern zu verdanken, die sich dort zwischen lebensgroßem Andreas Bourani-Pappmaché und Ich+Ich-»Best-Ofs« immerhin noch einigermaßen geschmackssicher zum achten Mal »Beggar’s Banquet« kaufen und gleichzeitig dafür sorgen, dass euer auf 22 Stück limitiertes Calypsodronewavebliphouse-Whitelabel erst 2022 einen Termin im Presswerk bekommen hat.
Doch bei all dem First World-Gejammer über Record Store Day-Ungerechtigkeiten und der Fetischisierung von Vinyl als Deko-Gegenstand: so viele gute und jahrelang gewunschlistete Reissues wie 2016 gab es noch nie, vor allem nicht aus der sogenannten Peripherie. Alleine aus Afrika und Asien hätten wir locker 50 essentielle Platten nennen können, die in diesem Jahr wiederveröffentlicht wurden.
So fielen am Ende auf Grund dieser Obergrenze dutzende Platten unter den Tisch, die ihr eurem Vater mitbestellen solltet. Die verbliebenen wurden aber im patentierten wutdemokratischen Verfahren redaktionsintern als absolut unverzichtbar deklariert und in alphabetische Reihenfolge gebracht.


















Herber Rückschlag für zu spät gekommene Hosonoisten: natürlich war dessen 1978 erschienenes »Cochin Moon« auch 2016 wieder im Handumdrehen verschwunden und ohnehin nur in Japan zu beziehen. Das nervt, denn wer Hosono nur als Mitglied des Yellow Magic Orchestras kennt, bekommt hier im Minutentakt WTFs vorgesetzt: Indien als Inspirationsquelle zitierend, ist »Cochin Moon« weniger Futurismus denn akademisch verkleideter Klassik-Kitsch in der einen, verkopfter, aber groovender Proto-Warp-Rock in der anderen Sekunde. Meieieilenstein. Florian Aigner
Iannis Xenakis lernte während der griechischen Studentenaufstände hören, danach wurde er eigentlich nur zunehmend brutaler. »Legend d’Ér« agiert so dermaßen nah an der Unhörbarkeit, dass es alle Noise- und Industrial-Stränge nicht nur vorwegnahm, sondern geradezu überflüssig machte. Stochastische Angriffe aufs Trommelfell, please don’t try this at home. Da klingt selbst die domestizierte Version noch wie ein Angriff auf alle Knotenpunkte des Nervenzentrums. Kristoffer Cornils



























Derweil das letzte Mariah-Album 2016 in die dritte und letzte Neuauflagenrunde ging und die Welt immer noch gespannt auf ein angedeutetes Reissue von Midori Takadas »Through The Looking-Glass« wartet, wurde aus derselben Suppe neben Aragons selbstbetitelter LP zumindest Yasuaki Shimizus »Kakashi« verfügbar gemacht, wenngleich auch nur für kurze Zeit. Ein Meisterwerk im Konjunktiv: Hätte, würde, könnte, sollte eigentlich auf dem Curriculum jedes ehrbaren Bildungssystems ganz oben stehen. Dennoch ist das hier Musik, die niemals irgendwer hätte erfinden können – und die trotzdem genauso passiert ist. Kristoffer Cornils

