Einen Popstar wie Tim Maia hatte Brasilien nicht auf dem Zettel

03.11.2016
Er begründete eine Bewegung. Auch, wenn sein Triathlon auf der Couch stattfand: Whiskey, Joints und Kokain. Das ist die Geschichte Tim Maias, einem der einflussreichsten brasilianischen Musiker aller Zeiten.

Wenn man über Tim Maias Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Sänger Brasiliens liest, fällt regelmäßig der Vergleich mit einer Wasserbombe. Die Assoziation liegt nicht fern: erstens liegt bei Brasilien die Strand-Assoziation nahe, zweitens ist Tim Maia, sagen wir, eher rundlicher Statur und drittens schlug seine Musik ein und überschwemmte Brasilien mit Soul. Er war auf einmal da und mischte mit seinem ungewöhnlichen, stilsicheren Sound ein Land auf, das von Bossa und MPB geprägt war. Doch egal wie kometenhaft sein Aufstieg gewesen sein mag – Maia stand schon länger am Beckenrand, als ihm lieb war.

Tim Maia wurde 1942 als Sebastião Rodrigues Maia in Tijuca, einem Arbeiter-Vorort Rios geboren. Schon mit acht Jahren sang er am Küchentisch Elvis und Rock’n’Roll, mit 14 hatte er seine erste Band, Os Tijucanos do Ritmo. Maia war einer der ersten in seinem Viertel, der eine Gitarre spielen konnte, geschweige denn eine besaß – also unterrichtete er ein paar der anderen Kinder aus der Gegend. Unter seinen Schülern in der »Matoso Gang« befanden sich überraschend viele zukünftige Musiker, zum Beispiel die späteren MPB-Stars Roberto Carlos, Jorge Ben und Erasmo Esteves (später Erasmo Carlos) – eine glückliche Fügung, ohne die Maia wohl im Lieferservice seiner Eltern oder dem Gefängnis gelandet wäre.

Schon damals war Musik einer der größten kulturellen Exportschlager Brasiliens. In deutschen Kaufhaus-Ketten kauften Beamten Samba-Imitate von James Last und Klaus Wunderlich, Bossa Nova sollte Ende der sechziger Jahre die Welt verändern. Die Faszination mit brasilianischer Musik aus den Sechzigern und Siebzigern, die Digger weltweit spätestens seit den Neunzigern befallen hat, hält bis heute an. Zahllose Compilations widmen sich dieser Ära und prominente Figuren wie Madlib, Babu, Cut Chemist oder Gilles Peterson arbeiten hart daran, immer neue Goldstücke aus dieser Ära zu finden.

Dass so unheimlich viel zeitlose, fantastische Musik zu dieser Zeit in Brasilien entstanden ist, hat viele Gründe. Dazu gehören gute Studios, eine dezentrale Plattenindustrie und verhältnismäßiger Wohlstand. Dazu gehört vor allem kulturelle Austausch, von dem die Musik des riesigen Staats, in den zwischen 1501 und 1866 knapp fünf Millionen afrikanische Sklaven verschleppt wurden, seit jeher geprägt ist. Und nicht zuletzt: Tim Maias Wasserbombe, die eine Welle neuer Musik auslöste.

Dass der Sänger einmal zum Star werden sollte, hätte 1959 wohl keiner außer ihm selbst gedacht. Mit 12 Dollars in der Tasche und umgeben von Priestern kommt der 17-jährige Tim Maia in New York an. Er spricht kein Wort Englisch. Aber er musste raus aus Brasilien, es war Zeit für einen Tapetenwechsel. Kurz zuvor hatte sich seine zweite Band, die Sputniks, trotz einiger kleiner Erfolge nach einem Streit aufgelöst. Und wichtiger: sein Vater war gestorben. Maia wollte weg, schließlich schafft er es einen lokalen Prieser zu überzeugen, ihn mit sich auf seine Reise in die USA zu nehmen.

Dort schläft Maia vier Jahre lang auf Sofas von Bekannten in Tarrytown in der Nähe von New York. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinkriminalität über Wasser, vor allem aber lernt Maia hier dank einer lebhaften lokalen Szene Jazz, R&B und Soul kennen. ###CITI: Seine Freunde sind es leid, die Kaution zu stellen. Es ist Maias fünfte Verhaftung.:### Mit ein paar Freunden gründet er die Vocal-Gruppe The Ideals, mit denen er sogar eine gemeinsame Single aufnimmt. Für die Aufnahme kann Maia den renommierten Jazz-Schlagzeuger Milton Banana gewinnen, indem er ihm in seinem Hotel auflauert (es sollte nicht das letzte Mal in seiner Karriere sein). Leider bleibt »New Love« unveröffentlicht: Bevor die Gruppe sich nach einem Label umschauen kann, wird Tim in Florida in einem gestohlenen Auto beim Kiffen verhaftet. Seine Bandkollegen sind es leid, Kaution für Maia zu stellen (dies ist seine fünfte Verhaftung). Der Sänger verbringt ein halbes Jahr im Gefängnis und wird 1963 deportiert.

Maias Traum, in den USA zum Star zu werden, ist geplatzt.
Er kommt zurück mit nichts in der Hand, erzählt Bekannten, er sei wegen des Vietnam-Kriegs vor dem Wehrdienst geflohen. Er steht wieder dort wo er war– am Beckenrand in Rio. Doch trotz dieser Rückschläge ist sein Glaube an seinen Erfolg ungebrochen. Denn er hat noch ein Ass in der Badehose: die Nachbarsjungen von damals sind mittlerweile etablierte Musiker, die den brasilianischen Pop umkrempeln. Auch wenn der Kontakt mit den Popstars sich schwierig gestaltet, Maia ist ein Meister des Hotel-Hinterhalts und dank einiger glücklicher Zufälle schafft er es zu seinen Jugendfreunden. In den kommenden Jahren vermitteln ihm Roberto und Erasmo Carlos die Möglichkeit zwei Singles aufzunehmen, sogar einen Auftritt in der einflussreichen Musiksendung Jovem Guarda. Ohne Erfolg. Die Welt war noch nicht bereit für Tim Maia.

Maias Sprung in den Pool, das Ende seiner Pechsträhne, sollte seine dritte Single werden. Wenn auch nicht, weil sie ein Hit wurde. Der Produzent Nelson Motta, Vater von Ed Motta und späterer Weggefährte Maias hört die unveröffentlichten Tracks »Primavera« und »Jurema« und zeigt sie der berühmten Pop-Sängerin Elis Regina, während die beiden für ihr neues Album »…Em Pleno Verão« im Studio sitzen. Sie entscheidet sich spontan, den liebenswürdigen Sänger auf ihr Album zu holen und die beiden nehmen das Duett »These Are The Songs« auf. Eben stritt sich Maia noch mit Produzenten und musste Leuten auf Parkplätzen auflauern, plötzlich singt er auf dem Album einer der einflussreichsten Sängerinnen des Landes.

So eine plötzliche Wendung zum Guten, ist schwer wegzustecken. Doch Maia mag unzuverlässig, drogenabhängig und instabil sein, er ist auch vorbereitet. Sein Debüt-Album trägt, wie elf weitere in seiner Karriere den Namen »Tim Maia« und hält sich über ein halbes Jahr an der Spitze der Charts. Er ist sicher nicht der erste brasilianische Musiker, der von der schwarzen Musik der USA beeinflusst wurde, doch er will nicht einfach Funk und Soul in brasilianische Genres integrieren, er will Funk und Soul machen, er atmet Funk und Soul und mit ihm ein ganzes Land.

In den nächsten Jahren veröffentlicht er jährlich ein extrem erfolgreiches, selbstbetiteltes Album und revolutioniert dabei nicht nur brasilianische Musik, sondern wird als einer der ersten dunkelhäutigen Popstars des Landes auch zu einem einflussreichen Symbol der brasilianischen Bürgerrechtsbewegung.

»Ich rauche nicht, ziehe kein Koks und ich trinke nicht, aber manchmal lüge ich ein bisschen.« ( Tim Maia)

Selbst wenn man ihn täglich auf schummrig beleuchteten Couches sitzen finden kann, auf denen er seinen »Triathlon« vollzieht: Whiskey, Joints und Kokain. Vor allem vor Auftritten. Einer seiner Lieblingssprüche ist: »Ich rauche nicht, ziehe kein Koks und ich trinke nicht, aber manchmal lüge ich ein bisschen«.

An einem Tag streift Tim mit 200 Blättchen LSD aus London durch die Büros der Plattenfirma Philips, um jedem, den er trifft, mit einer Pappe »die Augen zu öffnen« – angefangen bei der Abteilung, die diese »Rettung« am dringendsten benötigt: der Buchhaltung. An einem anderen legt er sich absurde Haustüre wie einen Falken oder Kühe zu. Über ihn wird heute häufig gesagt, dass er frei war. Jeden Tag tat, wozu er Lust hatte. Was er wirklich suchte, waren Antworten.

Der wohl verhängnisvollste Trip in Maias Leben sollte ihm Antworten geben. Zumindest für eine Weile.

1974 sitzt Tim Maia auf dem unbestreitbaren Höhepunkt seiner Karriere bei seinem Freund und Musikerkollegen Tiberio Gaspar mal wieder auf einem Sofa, als gerade das Meskalin einsetzt. Gaspar ist unter der Dusche und der Sänger sucht eine Beschäftigung. Also hebt er vom Couchtisch ein Buch auf, das sein Leben verändern wird: »Universo em Desencanto« (»Die Entzauberung des Universums«) von Manoel Jacinto Coelho. Das Buch liefert eine Einführung in das Weltbild der »Rationalen Kultur«, einer Glaubensgemeinschaft, die sich recht schnell als vereinnahmende Sekte herausstellen sollte. Laut den wirren Thesen Coelhos entstammt die Menschheit einem fernen Planeten und muss, um von Außerirdischen gerettet zu werden, spirituellen Ausgleich erfahren. Dafür müsste jeder Mensch zuerst einmal das Buch lesen beziehungsweise kaufen.

Eigentlich für seine Stetigkeit bekannt, ist Tim Maia sofort hin und weg. Er kleidet sich nur noch komplett in weiß und weist sowohl seine Familie als auch seine zweite Familie, wie er seine Band manchmal nennt, an, das gleiche zu tun. Alle Instrumente werden weiß angemalt, jeder in seinem Umfeld muss »Die Entzauberung des Universums« kaufen und lesen. Er hört abrupt auf Drogen zu nehmen und zu feiern, ernährt sich gesund und stellt der Legende nach sogar sein ausuferndes Sexleben ein. Vor allem aber möchte er nur noch über den Kult und den Planeten »Superior Racional« singen, auf den die Aliens alle bringen sollen.

Zum Zeitpunkt seines Sinneswandels hat Maia in einem der besten Studios Brasiliens sein fünftes Album schon fast fertig aufgenommen, nur sein Gesang fehlt noch. ###CITI: Der einzige Traum, der für Maia in seinem erfüllten, intensiven Leben, unerreicht bleiben sollte, ist der internationale Ruhm.:### Also setzt sich ein komplett nüchterner, weiß gekleideter Tim Maia ins Studio und schreibt neue Texte, um seiner missionarischen Verantwortung gerecht zu werden. Die Tracks sind jetzt bierernste Predigten auf Funk-Beats, also Kram, mit dem Maias junges Klientel nicht allzu viel anfangen können wird. Als RCA sich weigert, das Album zu veröffentlichen, gründet Maia kurzerhand ein Label und bringt das Album auf eigene Faust heraus. Der Vertrieb läuft hauptsächlich über die Bandmitglieder, die die Alben an Bekannte verkaufen

Dass »Racional« Vol. 1 und 2 seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf Fans von Tim Maias Diskografie ausübt, liegt sicher an der abgedrehten Hintergrundgeschichte und nicht zuletzt an der Tatsache, dass die beiden Alben verglichen mit Maias anderen Kassenschlagern unglaublich rar sind. Vor allem aber gehören Tracks wie »Imunização Racional (Que Beleza)« »Rational Culture« oder Bom Senseo schlicht und ergreifend zum Besten, was Tim Maia in seiner Karriere geschaffen hat. Sein gesunder Lebenswandels schlägt sich auf auf seiner Stimme nieder, die besser klingt denn je. In einem knappen Jahr veröffentlicht er zwei Alben für den Kult, hat sogar Material für ein drittes, die Sekte ist populär wie nie. Doch nach einer Auseinandersetzung mit Anführer Coelho wendet sich Maia so schnell vom Kult ab, wie er ihm verfallen ist.

Ausgebrannt, desillusioniert und pleite kehrt Maia in die Realität zurück.
Vorausgesetzt man nennt seinen abgedrehten Tagesablauf aus spontanen Ideen, Musik, Party und tonnenweise Rauschmitteln Realität. Dann veröffentlicht er einfach einige weitere brillante »Tim Maia«-Alben. Ende der Siebziger springt er erfolgreich auf den Disco-Zug auf und macht immer weiter. Durch regelmäßige Hits, Talkshow-Auftritte und Konzerte, die er nicht selten sausen ließ, bleibt Maia über Jahrzehnte eine Ikone in dem Land, das er mit Siebzehn so unbedingt hinter sich lassen wollte.

1998 ist er gerade dort, wo er sich am wohlsten fühlt: auf der Bühne bei einem Konzert in Niterói, einer reichen Nachbarstadt von Rio mit einer halben Millionen Einwohnern. Plötzlich stürzt Tim Maia leblos zu Boden. Eine Woche später stirbt er mit nur 55 Jahren im Krankenhaus. Der stark übergewichtige Soul-Koloss wird von jahrzehntelanger Party, Stress und Triathlon eingeholt.

Der einzige Traum, der für Maia in seinem erfüllten, intensiven Leben, unerreicht bleiben sollte, ist der internationale Ruhm. Da ist es etwas makaber, dass das Reissue-Label Luaka Bop die Tim-Maia-Compilation »Nobody Can Live Forever« als die posthume Erfüllung dieses Traumes bewirbt Doch es stimmt, dass Tim Maia in den letzten Jahren auch außerhalb Brasiliens die Anerkennung bekommt, die er als einer der spannendsten Soul-Sänger überhaupt verdient. Auch ist wahr: die Welle, die Maia beim Einspringen erzeugte, ist immer noch nicht endgültig abgeklungen.