Trettmann – (T)Rapsänger-Prototyp

31.03.2016
Während man in Auskennerkreisen noch streitet , wer zuerst das hypnotische 808-Gewummer in schländliche Laptopboxen trug, stellt sich klammheimlich ein deutscher Dancehall-Artist an den Volumenknopf. Trettmann, der (T)Rapsänger-Prototyp.

Deutscher Rap 2016: Immer noch versuchen Jungspunde mit teilweise bedenklichem Apotheken-Fetisch krampfhaft den Autotune-Swag aufzudrehen. Trap? Cloud? Weder weiß man bis heute, wie sich dieses Internet-Ungetüm schimpft, noch hat man eine maßgebliche Formel aufstellen können. Ausgerechnet ein deutscher Dancehall-Artist, vormals oft als Blödel-Ossi aus Reggae-Kreisen abgestempelt, durchläuft eine Entwicklung, die ihn am Ende als den Rap-Fan-Konsens der Stunde herausstellt.

Vielleicht liegt es am allgemeinen Verständnis von Unterhaltungskultur in der BRD, dass erst ein Leipziger Dancehall-Künstler kommen muss, um den Rap-Strebern der Republik die Autotune-Handhabe beizubringen. Denn Genre-Grenzen werden im Herzen von Kaltland immer noch gerne als Gesetzmäßigkeiten und nicht als Orientierungshilfen mit fließenden Übergängen gesehen. Bei Trettmann greifen diese Mechanismen aber nicht. Der Fluch des vermeidlichen Reggae-Komikers wandelt sich auf KitschKrieg’s Beats zum Segen – es gibt ihm die Narrenfreiheit, subkulturelle Barrieren einfach zu ignorieren.

Ein freiwilliger Sprung in die Unberechenbarkeit
Vielleicht liegt es aber einfach daran, dass das Internet und gerade die Soundcloud-Blase eine klassische Subkultur-Ordnung so unübersichtlich bis unmöglich gemacht hat. Auf dem Schulhof stehen sich nicht mehr die Raver, die Metaller und die HipHopper als geschlossene Gemeinschaften gegenüber. Jeder darf mit jedem in den Sandkasten hüpfen und seine Spielzeuge teilen. WeDidIt, Brainfeeder Soulection u.a. tummeln sich in fröhlicher Pop-Polygamie zwischen avantgardistischen Elektro-Exzessen, Boombap-igen Sample-Orgien und bratzigen Gitarrenriffs. Während man sich hierzulande mit bürokratischem Sortierungswahn aufhält, hat man anderswo das Chaos längst zur Ordnung erklärt.

CITI:»Auf dem Schulhof stehen sich nicht mehr die Raver, die Metaller und die HipHopper als geschlossene Gemeinschaften gegenüber.«:### Trettmanns »Kitschkrieg EP«, demonstriert vorbildlich wie man »out of the box« gehen kann – und auf diesem Wege mal soeben, das derzeit angesagteste Sound-Paket so kunstfertig verpackt wie kein anderer. Die Metamorphose vom sächselnden Dancehall-Meme zum deutschen (T)Rapsänger-Prototyp ist aber kein Gegenstand anbiedernder Trapbrett-Fahrerei. »Wer außer mir Autotune sagt, ist ein Hater /Techno und Boom Bap frustrieren den Raver«, heißt es auf dem programmatischen Plastik-Bombast »Raver«. Trettmanns künstlerischer Ausdruck will gar keine vorgefertigten Rap-Codes oder weichgespühlte Reggae-Rap-Verbindungen bemühen.

Die ausgelassene Lebemann-Haltung in der Tradition jamaikanischer Soundsystems harmoniert auch ohne vorschnelle Etikettierung auf ganz natürliche Weise mit der »Generation Turn-Up«. »Von jetzt an geht alles auf mich, jeder Drink, jeder Shot – alles gratis/ Hier ist jeder genauso drüber wie ich, das ist mir sympathisch«. Eigentlich unterscheidet sich nur die Wahl des Genussmittels, die Party-Nation tanzt eh unter dem gleichen hedonistischen Groove.

Zudem sind die naiven Casio-Synthies, das rumorende Rhythmus-Fundament und die Vocoder-Orgien seiner Songs schlichtweg Trettmanns natürliches Habitat. Rapper? Sänger? Diese Frage stellt sich seit Kanye aber spätestens mit Drizzy eigentlich nicht mehr. Auch Trettmann geht es nur um Emotionen, um Stimmung, um Klangfarbe. Die Performance ist wandelbar. Kaugummifaden-gleich zerkaut und verzieht er die Vokabeln. Zwischen aller Heilkräuter-Huldigung und der gepflegten Gönnung, bestechen seine Lyrics auch stets durch unterschwellige Sozialkritik; eine subtile Gestik, die dem selbsternannten Trap-Astaire vermutlich auch durch seine Reggae-Sozialisation gelingt: »Ich folg’ meinem Herzen, den Quinten und Terzen, sing’ meine eigenen Chöre/ Brauch kein Navigator, A&R oder Pastor, der mir sagt wo ich hingehöre«.

»Wer außer mir Autotune sagt, ist ein Hater /Techno und Boom Bap frustrieren den Raver.« (Trettmann)

Der von Trettmann und seinen Producern anvisierte Südstaaten-Sound der 2010er hat ohnehin einen starken Karibik-Bezug, wie etwa die expressionistische Autotune-Delivery eines Young Thug näher am ausgelassenen Voicing eines Vybz Kartel als an Technik-fixitierte Bawrz in einer Cypher erinnert. Auch die letzten Releases von Rihanna und Drake sind voll von diesen Einflüssen. Trettmann ist hierzulande nur die erste Symbolfigur eines Brückenschlags, den die Internationale schon vor Jahren vollzogen hat.

Der Gegensatz zu Guccibauch-Epigonen
»Im Schatten des Originals wirken alle Plagiate billig und belanglos«, betont er auf »Skyline«, dass Style auch in seinem Kosmos key to all forms of rocking bleibt. Der Sachse war schon auf seinen Dancehall-Tracks selten an Erwartungshaltungen und Szene-Klischees interessiert, seine Identität ändert sich nicht mit dem Wechsel der Gewichtsklasse. Vorangegangene Schulterschlüsse mit MC Fitti oder Megaloh waren so gesehen nur logische Stufen in Trettmanns Diskografie. Bei seinem 2013er Album »Tanz auf dem Vulkan« oder der Vorgänger-EP »Zentralgestirn« deuten sich Vapor-Hop-Anleihen an, spitzfindige Ohren erahnen die künftige Elektro-Stoßrichtung sogar bereits in seiner Heckert Empire-Zeit.

Im gewissem Sinne ist die »Kitschkrieg EP« ein transzendentales Manöver: Ein vermeintlicher Rap-Alien bedient sich unbekümmert den selben Ausdrucksmitteln des vor allem von eben Kanye West oder zuletzt Travi$ Scott abgesteckten HipHop-Zeitgeistes, addiert lausbübische Sexyness sowie Bashment-geschultes Crowd-Pleasing und entwickelt damit den bis dato schlüssigsten deutschen »Trillwave«. Distanz schafft Nähe, räuspert der innere Sprichwort-Generator.

Auf »Skyline« fragt der kahlköpfige Cap-Träger zwischen Legida-Horror und Lügenpressen-Rufe, Wutbürger-Aufstand und Protestwählerwahnsinn die »Vorboten einer neuen Eiszeit« – wahlweise Frauke Petry oder eben YouTube-Hater – in simplifizierter Naivität: »Hab ich was verpasst? Jeder bashed, was er hasst – wer hat hier noch was Gutes zu sagen?«. Und damit hat man schwarz auf weiß, was Ronny Trettmann von den anderen unterscheidet: Im Gegensatz zu den Guccibauch-Epigonen, deren unterhaltsamer Schulhof-Nonsens eben von seiner Eindimensionalität lebt, ist Trettmanns musikalische, inhaltliche und performative Range differenziert.