Music Kolumne | verfasst 24.04.2019
Vinyl-Sprechstunde
No Order In Destiny (Compilation)
Zum ersten Mal besprechen unsere Musiktherapeuten vom Dienst eine Compilation. »No Order In Destiny« heißt die bei Kashual Plastik, die Stahl und zeitgenössische Ornamentalik verbindet, und nebenbei auch noch auf Gender Equality achtet.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze, Kristoffer Cornils
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Kristoffer Cornils: Ich habe Kashual Plastik als Label, glaube ich, nicht so genau verfolgt wie ihr. Kann mir jemand das Konzept erklären?
Florian Aigner: Hmmm, also ich denke die Kurzfassung ist: hätte der Salon des Amateurs 2014 entschieden doch ein Label zu machen, hätte man Kashual Plastik etwa als Resultat erwarten können. Immer szenig genug, dass es da Ahas gibt in der Filterbubble, aber auch immer genug »WTF Who dis?«.
Kristoffer Cornils: »Who Dis« hoch hundert! Nur drei der Acts sagten mir etwas und sowieso musste ich googlen, ob die anderen Anfang der 1980er Jahre oder vorgestern Musik gemacht haben.
Philipp Kunze: »"Kashual Plastik":http://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5979/kashual-plastik, a vinyl, tape and art label, was founded for hedonism and free-spirited music lovers«, heißt’s auf Discogs. Was ja direkt total irreführend ist.
Kristoffer Cornils: Weil hier wenig Hedonismus durchklingt?
Philipp Kunze:: Jep.
Kristoffer Cornils: Immerhin: Der F_Ingers-Track heißt »Orgy In The Country Homestead With Friends And Bondage«, was direkt meine Nominierung als peinlonster Titel des Jahres bekommt.

»Wenn die Platte tatsächlich 1986 erschienen wäre, wäre sie vollkommen zu recht kanonisiert, 700 EUR teuer und der Typ von Vinyl-On-Demand hätte sich das Cover als Rückentattoo stechen lassen.«

Florian Aigner: Hier ist das ja auch so: Brannten Schnüre, Georgia, F_Ingers und Nadine Byrne sind die Bank, Milan W. locker einer der coolsten 10 Antwerpener alive und der Rest ist krass gut zu Ende kuratiert.
Philipp Kunze: Also nur Kontemporäres hier auf der Compilation, ja?
Kristoffer Cornils: Ja, obwohl es nicht so klingt, weitestgehend zumindest. Könnte Freedom To Spend mir vermutlich als Reissue der Post-Feuerabendaufnahmen eines obskuren HNO-Arztes aus dem Frankreich François Mitterands verkaufen und ich würd’s glauben. Allgemein könnte ich mir auch viel von diesen Stücken auf diesen komplett wild zusammengestellten Mélodies Souterraines-Compilations vorstellen. Hochglanzverbot gilt hier sowieso, im Allgemeinen scheint alles sogar extravergilbt. Ich finde das schwierig zu bewerten, so toll die Stücke bisweilen sind. Klar, irgendwie Genre und Stil und Tradition und deren Wahrung, aber… Nicht doch etwas vorgestrig, im Ganzen?
Florian Aigner: Ich finde aber, dass hier Genres upgedatet werden, die unheimlich schwer zu emulieren sind, deswegen finde ich den Vorwurf halt eher geil.
Kristoffer Cornils: Puh, ich glaube Kunze und ich würden weniger die Emulation, sondern das Update in Frage stellen. Aber wie gesagt: Ich bin auch nicht so verstockt, dass ich ständig etwas Neues – was auch immer das sein sollte – fordere und kann mit guten Neuauflagen bestens leben.
Florian Aigner: Also, was ich mal loswerden muss: Das eigentlich Schlimme an der ganzen Selector-Sache ist ja manchmal, dass viele sich nicht mehr trauen, eigene Musik zu machen. Weil K.Leimer, Adrian Sherwood und Asmus Tietchens alles 1982 vermeintlich schon besser gemacht haben. Deswegen finde ich das total gut, wenn da Leute nicht direkt kapitulieren, weil das schon eine ganz andere Nummer ist als mal schnell ein EBM-Tool rauszukacken.

Kristoffer Cornils: Ich glaube, das Kernstück ist für mich tatsächlich das von Georgia. Da wird mit dieser okkulten Nebulösität, die »No Order In Destiny« prägt, schön gebrochen, und das in Dauerschleife. Da könnte ich plump mit der Länge argumentieren, aber auch schlicht mit der ästhetischen Methode. Hier wird dieser Hildegard-von-Bingen-Loop im Zentrum des Ganzen ja mit allerlei Mitteln konterkariert, bis schließlich ein fiebriger Beat losbricht. Aber der Loop bleibt als Grundrauschen und zentrales Mittel erhalten. Ich finde, dass diese offen hörbar gemachte Widerspruch zwischen dem Esoterischen und Antiquierten hier und die doch recht zeitgenössische Ornamentalik eben genau die Ambivalenz ausdrückt, die ich bei dieser Compilation empfinde.
Philipp Kunze: Zeitgenössische Ornamentalik! Ja! Aber ich muss jetzt auch mal festhalten: Ey, die Comp ist schon eeecht gut. Wir reden von einer Comp! Fast alle Comps fallen auseinander, man pickt sich dann zwei Songs for life_. Hier pickt man sich die Compilation – oder lässt es bleiben.
Kristoffer Cornils: Und die Georgia-Nummer, vielleicht auch die von F
Ingers sind bei mir in jedem Fall diejenigen, die bleiben. Keine Frage, ich glaube aber darüber sind wir uns einig: In Sachen Compilations ist das oberes Achtel, mindestens. Die Sequenzierung ist extrem geil. Das Nadine Byrne-Stück beispielsweise würde ich mir sonst niemals anhören, ohne dabei hektische Flecken aufzuwerfen. Hier aber passt’s voll in den stotternden Fluss.

»Komplett undumme Musik. Mir ist die Compilation jetzt wichtiger als Notre Dame.«

Florian Aigner: Ja, sehe ich auch so. Ich hasse Comps, ich hasse, dass ich mir definitiv einen eiternden Schmiss am Holzcover holen werde, aber fuck, das hier ist halt ein 8.6-Album. Äh, falsche Betonung: A-L-B-U-M! Ich hab so Spaß an dieser Andre-Uhl-Nummer: wisst ihr, wie schwierig es ist für diese Demographie GEILEN Trip-Hop zu machen, der nicht wie der 800. Psy-Trance-Wrongspeeder mit DJ Krush-Snare klingt? Aber klar, der Georgia-Track ist schon der USP. Wenn Drake das nicht samplen lässt, gehe ich kaputt. Ich drehe den Scheiß mal um: Wenn die Platte tatsächlich 1986 erschienen wäre, wäre sie vollkommen zu recht kanonisiert, 700 EUR teuer und der Typ von Vinyl-On-Demand hätte sich das Cover als Rückentattoo stechen lassen. Schon best case für 2019 tbh.
Philipp Kunze: Hahaha!
Kristoffer Cornils: Aigner wieder on point. Ich mach schon mal einen Termin beim nächsten Tattoo-Schuppen für 2052, drei Personen, ganzrückig und einfarbig.

Philipp Kunze:: Zwischen diesem Slow-Industrial ist das ja vor allem auch hart musikalisch der Shit. Ich finde das so großartig, wie einen die ganze Comp erstmal krass runterdrückt. Schwer und sperrig alles. Aber nachdem man die paar Punches genommen hat, ist das wie so eine friedliche Ohnmacht. Wie gekonnt halt auch die Songs eingesetzt sind, die so ein bisschen rausfallen. Die beiden Brannten Schnüre-Dinger zum Beispiel: Im Gesamtzusammenhang bringen die die Brise, die das ganze Stahlkonstrukt in Schwingung setzt. Das ist schon prima, da erst auf so einer Lore in Slo-Mo in die Unterwelt zu rasen, Stahl auf Stahl, und dann kommt man da an und es tanzen maskierte Elefanten den Friedenstanz – Lamusa!
Kristoffer Cornils: Lamusa fand ich erstaunlich… egal.
Various Artists – No Order In DestinyWebshop ► Vinyl LP) Florian Aigner: Kristoffers Einwand fand ich erstaunlich…egal. Größte Überraschung ist dieser in Cellophan eingewickelte Synth-Pop-Tune am Ende, find’ ich.
Kristoffer Cornils: Hahaha. Aber ja, Arambula kommt mit extrem viel Schwung rein, das bockt dann doch noch mehr, als es der Track an sich täte.
Philipp Kunze: Komplett undumme Musik. Mir ist die Compilation jetzt wichtiger als Notre Dame.
Kristoffer Cornils: Und ja, doch, irgendwie ist diese Prise Glam zum Schluss eben auch das Licht am Ende des Tunnels. Sehr therapeutisch eigentlich, fast eine Stunde Shut-In-Style und dann flüstert dir jemand ins Ohr, dass da draußen noch Schnaps getrunken und Neonlichter angegafft werden können. File under: Tracks, zu denen ich mir erstmal eine Zigarette drehen muss.

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