Erinnerungen und Einbildungskraft liegen nahe beieinander. Beide verlangen es, Gegenstände, die gerade nicht vor uns liegen, vorzustellen. Und diese Verknüpfung bespielen Gareth Davis und Scanner (Robin Rimbaud) mit ihrem neuesten Album Songlines. Die langjährigen Kollaborateure nehmen Klarinette, Synthesizer und Field Recordings und bearbeiten diese so lange, bis plastische Drone-Texturen voller Melancholie und Zärtlichkeit entstehen. Auf den zwei Langkompositionen kann man kaum noch unterscheiden, ob man gerade ein Holzblasinstrument oder eine Kippschwingung hört. Dieser Effekt ist intendiert und geschickt umgesetzt.
Zunächst gibt er Songlines ein warmes Timbre. Andererseits ist diese Ununterscheidbarkeit thematisch aufgeladen. »Songlines« bezeichnen bei den Aborigines jene Pfade von Schöpferwesen, die in Liedern, Geschichten, Tänzen und Malereien nachgezeichnet werden. In den kunstfertigen Händen von Davis und Rimbaud wird daraus die Erinnerung an »eine imaginäre Biografie von Orten, die gegeben haben oder nicht gegeben haben mögen, aber zu existieren scheinen«. Wie bei einem Roman à la Proust sind diese Orte intim skizziert, so als hätte man sie erst im zweiten Jahr einer Psychoanalyse aus der Erinnerung gehoben. Und doch sind sie flüchtig, nebelhaft. Man weiß nicht, was davon echt, was Projektion und was fiktiv ist. Und doch, wer solchen Linien gerne folgt, ist bei Davis und Rimbaud an der richtigen Adresse.

Songlines