Lola ist ein markantes Dokument europäischer Jazzgeschichte. Als der polnische Altsaxofonist Zbigniew Namysłowski das Album 1964 veröffentlichte, war es weit mehr als ein persönliches Debüt. Es markiert einen leisen, aber entschlossenen Schritt hin zu einer eigenständigen jazzmusikalischen Sprache jenseits amerikanischer Vorbilder – einen Moment, in dem sich Jazz zwischen Ost und West neu auszurichten beginnt.
Namysłowski und sein Ensemble lösen sich hörbar von einem rein US-geprägten Verständnis des Genres und verweben moderne Jazzformen mit Elementen polnischer Volksmusik. Diese Verbindung zeigt sich weniger als Zitat denn als strukturelle Verschiebung: in melodischen Linien, rhythmischen Akzenten und harmonischen Wendungen, die dem Album einen unverwechselbaren Charakter verleihen. Das Zbigniew Namysłowski Modern Jazz Quartet bewegt sich dabei im Spannungsfeld von Modern Jazz, funkigen Impulsen und einer spezifisch osteuropäischen Melancholie – und wirkt gerade dadurch erstaunlich geschlossen.
Trotz dieser Öffnung bricht Lola nicht radikal mit Traditionen. Vertraute Jazzstrukturen werden behutsam erweitert, gedehnt und in eine eigene Richtung geführt. Eine spürbare Aufbruchsstimmung durchzieht das Album, ohne sich in programmatischer Geste zu erschöpfen. Die Reissue macht deutlich, dass Lola mehr ist als ein historisches Zeitzeugnis: ein frühes Beispiel für europäischen Jazz, der beginnt, seine eigene Sprache zu behaupten.

Lola