Music Kolumne | verfasst 16.08.2018
Records Revisited
John Beltran – Ten Days Of Blue (1996)
Während andere seiner Generation das große Unbekannte und die Zukunft anvisierten, war Beltran müde. Und blieb, wo er war. Das mag reaktionär scheinen, und doch brachte es Neues hervor – eine Zukunft, ganz für sich alleine.
Text Kristoffer Cornils
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Mit dem Auto dauert es rund anderthalb Stunden von Lansing, Michigan nach Detroit. John Beltran aber braucht mit seinen Maschinen durchschnittlich etwas weniger als sieben Minuten dorthin. 1991 unternimmt der damals Anfang Zwanzigjährige nach vielen Spritztouren in die Clubs der Stadt seine erste musikalische Reise in die Motor City, auf dem Beifahrersitz begleitet von Mark Wilson. Das Artwork ihrer gemeinsamen EP »Aquatic« kommt von Alan Oldham, der Remix zum Titeltrack von dem jungen Carl Craig, der im selben Jahr mit der Single »No More Words« und unter dem Pseudonym Paperclip People auf Retroactive debütiert, wo auch die gemeinsame Single von Beltran und Wilson erscheint. Keine schlechte Fahrgesellschaft.

»Ten Days of Blue« ist die farbenprächtige, erhabene Hoffnung, welche einer Müdigkeit destilliert wurde. (#) Es geht voran, und nicht nur mit den vieren. 1991 markiert in der US-amerikanischen Techno-Community ein Umbruchsjahr. Die neue Generation beginnt aus dem Windschatten der Belleville Three auszubrechen und links an Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May vorbeizuziehen. Underground Resistance nehmen Kurs auf die »Final Frontier«, ihr MC Robert Hood debütiert gemeinsam mit Claude Young als Missing Channel und nur wenige Monate später erscheint im Folgejahr Jeff Mills’ »Waveform Transmissions Vol.1« beim hauseigenen Label des Berliner Clubs Tresor. Die alte Tante Detroit hat ihren neuen Sound gefunden. Der ist minimalistisch und hart, strebt der Zukunft entgegen und zeichnet die Blaupause für das kommende Vierteljahrhundert.

Nur Beltran steigt auf die Bremse. Erst 1993 meldet er sich zurück, diesmal unter seinem Klarnamen und nicht mehr unter dem Pseudonym Placid Angles, immer noch aber im Verbund mit Wilson, der sich weiterhin Open House nennt. Die Grooves hüpfen mit der Freude von »Good Life« oder »Strings of Life« und die Basslines verweisen auf das von Lansing rund dreieinhalb Stunden entfernte Chicago. Über den Tracks »Fragile« und vor allem dem Titelstück »Earth & Nightfall« schwirren jedoch schon sonderbare Flächen. Mit dem gleichnamigen Album, das 1995 beim belgischen Label R&S in bester Gesellschaft von Aphex Twin und anderen erscheint, kommt auch noch der Jazz dazu, Flamenco-Gitarren und bleepende Sounds, die eher auf den Ambient Techno aus Großbritannien denn den stampfenden Sound der mittlerweile in Techno City umgetauften Wiege des Genres verweisen. Beltran biegt links ab.

Radikaler noch ist »Ten Days Of Blue«, das 1996 auf Peacefrog erscheint und irgendwo zwischen Luke Slater, Neil Landstrumm auf der einen und Paul Johnson und Glenn Underground auf der anderen Seite zwischen allen Stühlen steht. Dan Curtin ist vielleicht der Produzent, der Beltran dort am nächsten kommt, aber auch sein Techno-Entwurf geht nicht so weit an die Wurzeln des Genres wie Beltrans. Während nämlich in Detroit die Erdbodenkosmonauten mit mehr als 130bpm in Richtung Zukunft preschen, legt der Produzent aus Lansing endgültig den Rückwärtsgang ein. Auf neun Tracks findet sich nur eine einzige gerade Kickdrum (»Deluge«) und höchstens der Opener »Flex« transportiert das industrielle Flair der zweiten Detroit-Generation in seinen flackernden Bass-Salven. Vor allem ist »Ten Days of Blue« eine rotierende Etüde über die Schönheit von Wiederholungen und feinsinnigen Modulationen, mehr Minimal Music als Minimal Techno also.

John Beltran - Ten Days of BlueFind it at hhv.de:Vinyl 2LP Auf »Ten Days of Blue« flattern und kullern fast aleatorisch und doch scheinbar streng geordnet einzelne Klangelemente durcheinander, werden wie Perlen auf Streicherbögen aufgereiht oder von stechenden String-Stabs durcheinander geschleudert. Hier setzt ein Bass Akzente, dort scheppern offene Hi-Hats, der Rest ist rhythmisch arrangierte Atmosphäre und nie wird es deutlich, wo die Melodie aufhört und die Percussion anfängt. Ambient lässt sich das vielleicht nennen, dafür aber ist es zu fordernd. Techno heißt das in jedem Fall, nur eben in einer abstrahierten Form, die sich von den mittlerweile etablierten Formeln nicht allein in der Klangfarbe massiv unterscheidet. »Ich war der Clubs und der lauten Soundsysteme müde«, erinnerte sich Beltran in einem Interview. »Ten Days of Blue« ist die farbenprächtige, erhabene Hoffnung, welche aus genau dieser Müdigkeit destilliert wurde. New Age-Musik für die Techno City – lindernder Balsam für alle, die dem stampfenden Rhythmus nicht mehr standhalten können. Naherholung im inneren Exil, Lansing in Michigan.

Während andere seiner Generation das große Unbekannte und die Zukunft anvisieren, bleibt Beltran gemütlich in der Stadt zwischen hunderttausend anderen Menschen sitzen und machte sich an ein Projekt namens Zeitlosigkeit. Die durchschnittlich etwas weniger als sieben Minuten langen Vignetten scheren sich nicht um den Fortschritt, sondern wollen alles in Einheit und Ganzheitlichkeit aufheben, unberührt vom krampfhaften Sturm aufs Morgen.

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