Music Kolumne | verfasst 12.03.2014
Records Revisited
Paul Simon's Graceland, 1986
Mit »Graceland« veröffentlichte Paul Simon 1986 das erfolgreichste Album seiner Karriere und eines der umstrittensten Werke der Musikgeschichte. Ein Album, das sowohl musikalische wie auch politische die Grenzen sprengte.
Text Eric Bernheiden
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Mit »Graceland« veröffentlichte Paul Simon 1986 das erfolgreichste Album seiner Karriere und eines der umstrittensten Werke der Musikgeschichte. Dem Hype um die Platte folgte eine politische und moralische Debatte, die bis heute den musikalischen Wert des Werkes zu überschatten droht. Es wird vielfach übersehen, dass er mit dem Album nicht nur seine eigene Karriere rettete, sondern auf brillante Art die gute alte Kunst des Songwriting vor dem Aussterben bewahrte.
Aber von vorne: Anfang der 1980er Jahre hatte die Zunft der Singer/Songwriter den gewissen Status des »altehrwürdigen« erreicht. Die Liedermacher waren etablierte Künstler, die auf großen Festivals ihren alternden Fangemeinden aus Elfenbeintürmen zuwinkten und die große Show väterlich einer neuen Generation von Musikern überließen. Als Paul Simon mit »Hearts and Bones« im Jahr 1983 sein erstes Album, auf dem kein veritabler Hit vorhanden war, veröffentlichte, erklärte die Plattenindustrie auch ihn endgültig für gestrig. Dieser tote Punkt in seiner Karriere kam Paul Simon gerade recht, denn das gab ihm die Möglichkeit, aufzunehmen, was er wollte, ohne Druck von der Plattenfirma. Was er wollte, war African Music. Betrachtet man das Album von einem anderen Gesichtspunkt aus, so erkennt man eines der interessantesten Werke in der ewigen Debatte um Copyrights und Songwriting. Er war nahezu besessen von den traditionellen Rhythmen Südafrikas und entschloss sich, dass er dorthin gehen musste, ins Mutterland aller Musik, um das aufzunehmen, was er nur von Kassetten kannte. Doch das Land Südafrika befand sich Mitte der 1980er Jahre auf der Höhe der Unruhen gegen das Apartheidsregime und der African National Congress (ANC) hatte einen Kulturboykott verhängt, der internationale Künstler von der Einreise abhalten und die rassistische Regierung schwächen sollte. Paul Simon jedoch, der von einer Gruppe schwarzer Musiker zum Jammen offiziell eingeladen worden war, fühlte sich in seiner künstlerischen Mission von politischen Restriktionen ausgeschlossen. Er flog also hin und kehrte mit Aufnahmen aus Jam-Sessions mit verschiedenen Bands und Chören zurück nach New York, City verwandelte die Recordings in Songs, drückte ihnen seinen Stempel auf und machte die Musik mit englischen Texten kompatibel für den westlichen Markt. Doch kurz nach dem Release von »Graceland« im Juni 1986 und mit dem internationalen Erfolg des Albums begann die große Kontroverse um das Projekt. Nicht nur seine Ignoranz des Boykotts wurde ihm zum Vorwurf gemacht. Politiker, Künstler und Journalisten sahen in ihm den reichen weißen Musiktouristen, der die Kultur der Dritten Welt stiehlt. Noch immer ist für viele die Frage offen, ob Paul Simon die Musik des schwarzen Kontinents ins westliche Bewusstsein integrieren wollte oder in der Zusammenarbeit mit den großartigen Sängern und Instrumentalisten schlicht eine Möglichkeit sah, seine Karriere zu exhumieren.

Betrachtet man das Album von einem anderen Gesichtspunkt aus, so erkennt man eines der interessantesten Werke in der ewigen Debatte um Copyrights und Songwriting. Tatsache ist, dass auf einigen Songs des Albums, die beteiligten Musiker neben Paul Simon als Co-Writer eingetragen sind und bis heute Royalties beziehen. Die Vokalistengruppe Ladysmith Black Mambazo konnte durch ihr Mitwirken auf »Graceland« eine internationale Karriere aufbauen. Der Gitarrist Ray Phiri bekam einen arrangement credit für sein weltberühmtes Riff auf dem Hit »You Can Call Me Al« und konnte seine Bekanntheit ebenfalls nutzen um seine Band Stimela erfolgreich zu machen. Der Bassist des Albums, Bakhiti Kumalo, arbeitet bis heute mit Größen wie Herbie Hancock, Chaka Khan und Harry Belafonte zusammen. In einigen Songs, die traditionell afrikanische Rhythmik enthalten, ist Paul Simon als alleiniger Songwriter angegeben. Es kommt nun mal auf die Akkorde an und ein Songwriter mag sich manchmal schwer tun, eine Co-Autorenschaft zu akzeptieren, gar nicht unbedingt des Geldes wegen. Im Fall von Paul Simon ist es wohl mehr eine Frage des Egos. Laut eigener Aussage will er schließlich der beste Songwriter aller Zeiten sein, noch vor Bob Dylan.
»Graceland« war, 1986 veröffentlicht ,der Missing Link in der Evolution auf Grooves basierender Musik. Die Graceland-Musiker indes schätzen ihn als einen Freund und respektieren ihn als großartigen Künstler, soviel ist aus der Dokumentation »Under African Skies« von 2012, bei der Simon eine Reunion mit den Südafrikanern veranstaltet, ersichtlich. Abgesehen von Los Lobos, der Americano-Gruppe aus Los Angeles, die den Song »All Around the World or the Myth of Fingerprints« aufnahm und bis heute behauptet, Paul Simon hätte den Song von ihnen gestohlen, sind sich alle einig, dass »Graceland «ein Meisterwerk ist und die Welt offener gemacht hat für afrikanische Musik. Selbst wem sich bei den protodigitalen 80er-Jahre-Halleffekten normalerweise sämtliche Nackenhaare kräuseln, der Magie von »Graceland« kann man sich nicht entziehen. Warum das so ist, beantwortet Paul Simon in »Under African Skies« überaus pointiert: »Es ist Popmusik.« In Reinkultur eben, mit Rhythmen, die komplex sind und die doch jeder fühlen kann. Genau wie Paul Simons Lyrics, die das Bindeglied zur westlichen Welt darstellen, uns verstehen lassen, wo die Musik herkommt, wo wir eigentlich alle herkommen. »This is the story of how we begin to remember… /These are the roots of rhythm and the roots of rhythm remain«, heißt es im Song »Under African Skies«. »Graceland «weckte das Bewusstsein für die Ursprünge der Musik und zeigte gleichzeitig auf, wohin sie sich entwickelt hat. Es ist so etwas wie der Prototyp eines perfekten musikalischen Yin-und-Yang-Modells: Es ist das Songwriting, es sind die Harmoniewechsel, die Untrennbarkeit von Rhythmus und Klang.; es sind Stimme und Musik, es sind alt und neu und es sind weiß und schwarz, die zu einer runden Einheit verschmelzen. »Graceland« war, 1986 veröffentlicht ,der Missing Link in der Evolution auf Grooves basierender Musik. Nur die Frage nach seinen wahren Intentionen bleibt offen und die Gestalt Paul Simon polarisiert auch heute wie kaum eine andere im Musikgeschäft. Wenn man »Graceland« hört, ist das aber egal.

Das Album »Graceland« von Paul Simon findest du bei hhv.de.
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