Music Porträt | verfasst 03.02.2017
New Record Labels #25
Bliq, Dub Disco, Ectotherm und Jazzaggression
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Bliq, Dub Disco, Ectotherm, Jazzaggression
Text Kristoffer Cornils, Niklas Fucks , Übersetzung Sebastian Hinz

BliqFind it at hhv.de: Bliq Music Bliq ist ein 2010 von Manos Mara und Costa Budolas gegründetes, britisches Label aus London. Mara und Budolas, auch unter seinem Pseudonym Bu$$ bekannt, wuchsen in direkter Nachbarschaft im griechischen Thessaloniki auf – und trafen sich doch erst 2006 in Großbritannien. »Wir haben uns sofort super verstanden und angefangen, für eine Weile gemeinsame Partys zu schmeißen«, erinnern sich die beiden an ihre Anfangszeit. Vier Jahre später konkretisierten sich die gemeinsamen Pläne für ein Label und mit einer Debüt des britischen Duos Homepark war Bliq aus dem Digging-Habitus der beiden geboren. Vinyl musste schon sein, allein weil durch das nähere Umfeld genug Material auf dem Schreibtisch landete, das ein ordentliches Release verdient hätte. Anfangs waren das vor allem kenntnisreiche Deep House-Cuts von unter anderem dem niederländischen Senkrechtstarter Lapien, schon 2013 aber öffnete sich der Katalog mit einem Release der isländischen Dub Techno-Legende Exos zunehmend. »Wir interessieren uns nicht dafür, uns auf einen bestimmten Sound oder ein Genre festzulegen. Für uns geht es eher darum, dass die Artists mit uns und unserer Ästhetik harmonieren«, lautet die lapidare Antwort auf die Frage nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner im Bliq-Roster.

Der entwickelte sich zunehmend zu einer internationalen Angelegenheit. Mit Lowjac und Thingamajicks, die gemeinsam als Deemonlover über Bliq veröffentlicht haben, sowie dem mysteriösen DJ Loser und dem mittlerweile nach Berlin emigrierten Seixlack finden sich einige brasilianische Künstler beim griechisch geführten Londoner Label ein. Es ginge ihnen um persönliche Kontakte, erzählen Mara und Budolas mit Blick auf den personell breit gefächerten Roster, der sich über den halben Erdball erstreckt und insbesondere mit der frühen Veröffentlichung von Lapien durch Remixe von Conforce und Fred P die Tür zur Welt auftrat. Für Demos, das versichern die beiden, seien sie aber trotzdem weiterhin auch, obwohl sie vorzugsweise auf dauerhafte Zusammenarbeit mit ihren Artists setzen: Bliq soll eine kleine Familie sein. Deren Aussehen änderte sich ebenfalls im Jahr 2013 schlagartig, als die beiden sich von ihrem vorigen Grafiker in aller Freundschaft verabschieden mussten und stattdessen den Berliner Super Quiet engagierten, der den Releases mit aufwändigen Drucken und grellen Farbgebungen einen ganz neuen visuellen Anstrich gibt, der bestens zu der rumpeligen Rhythmuspsychedelik etwa eines Seixlack zu passen scheint. Die Geschichte von Bliq ist offenkundig die eines sich langsamen Zusammenfindens, nicht allein in geografischer Hinsicht. KC

Bliq bei Facebook | Bliq bei Soundcloud

Dub Disco LogoFind it at hhv.de: Dub Disco Dub Disco ist ein 2016 von Serj Nosé und Aussteiger gegründetes Berliner Plattenlabel. Dub Disco selbst ist zwar erst zwei Releases »alt«, aber die Idee, ein eigenes Label zu gründen, begleitet die zwei schon lange – wenn auch aus recht unterschiedlichen Gründen: Serj Nosé ist ein versierter DJ und hatte aber schon seit langer Zeit »das Bedürfnis, daran beteiligt zu sein, meine eigene musikalische Vision zu kanalisieren. Und da ich selber nie produziert habe, war das für mich der optimale Weg.«. Aussteiger produziert auf der anderen Seite schon seit langer Zeit Genre-übergreifend Musik mit Anleihen bei »House, Disco, Breakbeats, HipHop-Beats usw.« Dementsprechend soll das eigene Label auch dem Veröffentlichen von eigenen, ungewöhnlicheren Werken dienen, so Aussteiger: »Meine DJ Sets bestehen teilweise aus 30-40% eigenen, unreleaseden Tracks, also brauche ich eine Plattform, wo ich eigene Tracks und mega-geile Tracks von Freunden veröffentlichen kann. Außerdem hab ich keine Lust ständig Demos an Labels zu schicken«. Kein Wunder also, dass die Katalognummer 001 die erste EP von Aussteiger schmückt. »Die schwierigste Aufgabe, war es, aus 15 geilen Tracks drei rauszusuchen, die zusammenpassen und unseren Style repräsentieren«

Nach dem zweiten Release, einer EP von den Berliner Italo-Spezialisten S&W im Dezember 2016, steht langsam Dub Disco 003 an, doch die drei Labelbetreiber steigen ins Game ein, ohne sich hetzen zu lassen: »Wir werden 2017 ganz entspannt 2-3 releases machen und die Leute mit dem Sound überraschen«, erzählt der Aussteiger. Überraschen ist ein wichtiger Begriff im Wortschatz von Dub Disco, denn das junge Label möchte sich unter keinen Umständen auf einen Stil festlegen. »Es gibt so viele Labels, die zwar gute Musik releasen, im Endeffekt aber immer das selbe machen, Das wollen wir auf keinen Fall!«, erzählt er weiter und Serj ergänzt: »Einer der Hauptaspekte, über die wir uns von Anfang an einig waren, ist, dass wir kein stilistisch homogenes Label haben wollen. Es gibt genügend reine House, Techno etc. Labels. Auch im Bezug darauf, dass wir gerne Sachen von Freunden releasen, wollen wir da eher frei bleiben und uns nicht einschränken. Wenn wir was geil finden wird’s gepresst «

Die bisherigen Releases eint ihre Dancefloor-Tauglichkeit, ihre Ungewöhnlichkeit und, dass sie auf Vinyl gepresst wurden, worauf die beiden trotz Bandcamp-Downloads viel Wert legen. Mehr Kohärenz muss und soll aber nicht sein, auch wenn der Name des Labels als Genre-Fixierung verstanden werden könnte. »Wir sind schon ordentlich Disco heads, auch wenn wir grundsätzlich sehr breit aufgestellt sind, und eigentlich so gut wie allem etwas abgewinnen können, wenn es denn gut gemacht ist«, gesteht Serj »Und so verhält es sich denn auch mit den Releases: Ich würde wohl immer ein Disco Release einem Techno Release vorziehen, aber im großen und ganzen ist bei uns alles erlaubt.« NF

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EctothermFind it at hhv.de: Ectotherm Ectotherm ist ein 2016 von den DJs Najaaraq Vestbirk (alias Courtesy) und Sara Svanholm (alias Mama Snake) gegründetes, dänisches Plattenlabel aus Kopenhagen. In ihrer Heimatstadt machten sich die beiden als Mitglieder des DJ-Teams Apeiron Crew einen Namen, deren unkonventioneller Ansatz mittlerweile auch internationale Erfolg nach sich zieht. Kopenhagen, wo Vestbirk mittlerweile nur noch die Hälfte ihrer Zeit verbringt und deshalb auch nicht mehr fester Teil der Crew ist, steht allerdings im Fokus vom gemeinsamen Projekt Ectotherm, das seinen Auftakt mit einer EP des regionalen Produzenten Schacke nahm. »Ein Label zu gründen, war schon lange unser gemeinsamer Traum«, erinnert sich Svanholm. Den ersten Impuls gab ein Demo des Technoproduzenten Rune Bagge, der die zweite Katalognummer bestreiten sollte. »Najaaraq und ich hingen nach einer unserer Partys in Kopenhagen miteinander rum und als wir uns das Demo anhörten, entschieden wir uns dazu, es verdammt noch mal zu machen.« Wer so viel Engagement in die eigene Szene steckt, wird von der auch belohnt: Beim Vertrieb griff dem DIY-Projekt sogleich der Freundeskreis unter die Arme. Der wechselseitige Austausch setzt auch gewisse Richtlinien in der Labelpolitik. »Wir werden nur mit Leuten arbeiten, die wir auch persönlich kennen«, stellt Vestbirk klar. Demos werden zwar fleißig angehört, der persönliche Draht aber ist essentiell.

Obwohl Svanholm und Vestbirk strikt zwischen der Apeiron Crew und ihrer Arbeit mit Ectotherm trennen: Deren aus dem Altgriechischen übernommene Name – zu Deutsch »ohne Grenzen« – ist jedoch auch bei Ectotherm Programm. Schon die ersten beiden Releases zeichneten sich einerseits durch klare Dancefloor-Kompatibilität aus, bezogen ihre Einflüsse aber ebenso aus anderen Subgenres der Dance Music wie Dub oder Anleihen an Noise und Industrial. »Ich denke wirklich, dass diese Releases den Sound der Kopenhagener Techno-Szene einfangen«, sagt Svanholm. »Dank der Leute dahinter, die aktive DJs sind und Raves überall in der Stadt organisieren.« Das familiäre Miteinander mache den speziellen Ectotherm-Vibe aus, die Klangsprache wird von den Artists geprägt. Starke visuelle Akzente werden derweil von Lukas Højlund gesetzt, dessen roughes Design den schmutzig-rohen Techno der Releases ergänzt und der als Teil des Kollektivs Fast Forward Productions nicht nur Veranstaltungen mitorganisiert, sondern auch Teil einer Agentur ist, die wiederum die Ectotherm-Artists repräsentiert. So greift alles ineinander über, wie es im von Lukas Højlund gestalteten Logo durch den Ouroboros – die sich in den Schwanz beißende Schlange – angedeutet wird. Davon, dass der Spaß nicht auf der Strecke bleibt, spricht hingegen der Acid-Smiley im Zentrum. Vestbirk und Svanholm werden ihr Herzensprojekt nicht allein aus Eigeninteresse als DJs weiter verfolgen: Die beiden planen bereits, ein Sublabel zu eröffnen und dort mit einigen Überraschungen aufzuwarten. KC

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Jazzaggression LogoFind it at hhv.de: Jazzaggression Jazzaggression ist ein finnisches, 2007 von Johan Fredrik Lavik gegründetes Label, das sich auf Releases von unveröffentlichtem oder kaum zu findendem Jazz spezialisiert hat. Alles begann vor knapp 10 Jahren, als Laviks Kumpel Lars Findbrouk, der das Label Plastic Strip leitet, in den Archiven des Sängers Arne Bendiksen unveröffentlichte Aufnahmen des Jazz- und Disco-Keyboarders Webster Lewis fand. »Wir fanden die Musik zu gut, um sie vorbeiziehen zu lassen. Also schmissen wir Geld zusammen und veröffentlichten das Album« Johans Leidenschaft fürs Diggen hat ihre Wurzeln in seiner Jugend, als er anfing in den Sammlungen seiner Mutter und seines Onkels zu wühlen. In den letzten 20 Jahren konzentrierte er sich zunehmend auf Jazz und fand so immer mehr vergessene und obskure Releases. »Im Jazz kann man alles finden, es gibt immer etwas neues zu entdecken und es wird nicht langweilig.«

Langweilig wird es auch im bisher recht kompakten Katalog von Jazzaggression nicht. Auf zehn bisher erschienenen LPs, drei 10inches und drei 7Inches findet sich eine faszinierende Vielfalt, die von unveröffentlichtem estnischen 60er-Bop über obskuren Bonner Soul-Jazz der Siebziger bis hin zu finnischen Avant-Garde-Gruppen von heute reicht. Obskure Releases und deren Urheber findet Johan heute weitestgehend über das Internet, aber auch regelmäßig in staubigen Archiven von Radios oder Musikern, hin und wieder auch mit Hilfe von anderen Labelbesitzern wie Lars Findbrouk oder Martin Jõela vom auf unveröffentlichte estnische Raritäten konzentrierten Frotee. Letztes Jahr organisierte Johan sogar ein gemeinsames Konzert von alten und jungen Jazz-Interpreten und er hofft in den kommenden Monaten noch einiges an frischem norwegischem Jazz herauszubringen.

Wie diese Musik in die Welt gesetzt werden soll ist für Johan klar: »Vinyl ist das einzige Format, das mir wichtig ist. Ich habe immer schon Platten gediggt und da sind einfach viel mehr Gefühle mit verbunden als mit irgendeinem digitalen Format. Es gibt nichts Besseres, Vinyl ist King.« Dass man bei Jazzaggression und dem Schwesterlabel Afro7, auf dem seit 2015 Reissues afrikanischer Raritäten erscheinen, viel für das schwarze Gold übrig hat, merkt man den Releases an. Zusätzlich zu den in Jazz-Kreisen obligatorischen CDs gibt es regelmäßig liebevoll bedruckte, limitierte Vinyl-Auflagen, die auch meist recht schnell vergriffen sind. 2017 sollen wohl drei Releases auf Jazzaggression kommen, unter anderem ein Reissue des ultra-obskuren britischen Jazz-Albums »Bird Curtis Quintet« von 1967 und eine 7inch mit einem unveröffentlichten Track des Paris Smith Quintet, dessen LP »Thought Seeds« das Label bereits neu aufgelegt hat. Wer keine Lust hat zu spät zur Party zu kommen und in die Discogs-Röhre zu gucken, oder einfach nur Lust hat, seinen jazzigen Horizont zu erweitern, sollte sich Jazzaggression hinter die Ohren schreiben. NF

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