Music Kolumne | verfasst 24.03.2017
Records Revisited
The Notorious B.I.G. – Life After Death (1997)
Morgen wird Biggies »Life After Death« zwanzig Jahre alt. Ein bahnbrechendes Album. Vor allem weil es damals auf tragische Weise mit einer dem HipHop inhärenten fixen Idee brach.
Text Christian Neubert
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Ein ganz normaler Tag im Leben von Migos oder Rae Sremmurd geht so: trappen den ganzen Tag, feiern die ganze Nacht. Realer Streetshit und glamouröses Clubleben schließen sich längst nicht mehr aus. Anno 2017 haben beide längst den selben Soundtrack.

Vor zwanzig Jahren war das noch ganz anders. Blockpartys waren im Hip-Hop schon immer real, Crystal poppen in schnieken Clubs mit weißen Ledersofas, bedeutete aber lange, dass man es nicht mehr wirklich unten mit der Straße hielt.

Biggies »Life After Death«, das am 24.3. sein zwanzigjähriges Jubiläum feiert, war in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Album. Aber es war auch deshalb bahnbrechend, weil es die imaginäre Grenze zwischen rauer Straßenrealität und Club-Eskapismus nieder brach. Der Rucksack musste nun nicht mehr an der Garderobe abgegeben werden.

Zur Entstehungszeit von »Life After Death« hat auch die US-Filmindustrie das Gang-Milieu als lukrativen Topos für die eigenen Skripte für sich entdeckt. Tales from the Hood lassen sich bestens verkaufen, gerade »White America« lässt sich in einer typischen Mischung aus Faszination und Angewidertheit gerne von ihnen unterhalten. Auf eine Weise, wie das Ghetto, real oder fiktional, eben unterhält: Als »Western, Science Fiction, Horror, Krimi und Dschungelabenteuer zugleich«, um es mit Günther Jakob zu sagen.

Die Realness wird nun endgültig in die Fiktion übergeführt und als Produkt an den Mann gebracht. Was hart ist, kann jetzt auch glitzern. Diese Transformation des Blocks zum Blockbuster vollzog schließlich The Notorious B.I.G mit seinem zweiten Album auf die drastischste Weise. Und verfrachtete damit gleichzeitig die Nachbarschaftsparty in den V.I.P- Bereich.

Das Album erschien zwei Wochen nach seiner Ermordung.

Inhaltlich knüpft es an Biggies semiautobiografischem Debüt »Ready To Die« an. Es stellt sich in jene Gangsta-Rap-Tradition, die weniger vom Hustle der Kleinganoven als vielmehr vom Lifestyle des organisierten Verbrechens erzählt, wie es z.B. von Kool G Rap, AZ und Raekwon vorgelebt wurde, einhergehend mit der Ermächtigung von Statussymbolen des weißen Amerikas. Die Transformation des Blocks zum Blockbuster vollzog schließlich The Notorious B.I.G mit seinem zweiten Album auf die drastischste Weise. Biggies Milieuschilderungen muten dabei filmreif an. Und das nicht nur, weil Rap untrennbar an Übertreibungen gebunden scheint, denn »Life After Death« ist auch neben der Genre-inhärenten Hollywood-isms ein Produkt der Superlative. Als eines der ersten 3LP- bzw. 2CD-Alben der Rap-Geschichte ist es ein Epos von knapp 110 Minuten Spieldauer. Eine Nummer kleiner ging es nicht: 2Pac vom verfeindeten »Death Row«-Lager hat mit »All Eyez On Me« ein ähnlich umfangreiches Album veröffentlicht.

Sean Combs, der damals noch Puff Daddy hieß und Biggies Produzent war, hat für »Life After Death« eine ganze Armada namhafter Musikproduzenten formiert. All Killer, no Filler war die Devise, das Album sollte Länge, aber keine Längen haben. Jedem bei Bad Boy Entertainment war klar, dass man viel zu verlieren, aber und umso mehr zu gewinnen hatte. Biggies 1994er Debüt galt von Beginn an als Meilenstein. Zudem trug man gerade den populärsten beef aller Zeiten aus, einen hyperrealen Hollywood-Plot. Die Aufmerksamkeit, die man genoss, konnte gar nicht größer sein. Und so ging es bei »Life After Death« um nicht weniger als um die Krone, genauer gesagt um zwei Kronen: The Notorious B.I.G. sollte der vielbeschworene King of New York sein. Und der beider Küsten. So mancher Diss ging da schon auch mal auf Kosten der Lager einiger gefeaturter Producer.

Die Beats kamen z.B. von DJ Premier, RZA, Havoc und Buckwild, von Leuten also, die den Puls der Zeit vorgaben und dem Ruf der Straße folgten. Andererseits verwies man mit Clark Kent und Easy Moe Bee im Artist Roster auf Hip Hops Old School-Tage.

Immerhin wollten Traditionen gewahrt werden, um sie gleich darauf umso heftiger zu brechen.

Denn neben den genannten gaben Puff Daddy und sein Produktionsteam »The Hitmen« den Ton an, sie sind omnipräsent auf »Life after Death«. Sie haben die Stimmung des 80er R&B auf Hip Hop gemünzt, haben Sample-Manien in zeitgemäße Beat-Konzepte gepackt. Sie bedienten sich bei Al Green, Diana Ross, Marvin Gaye, Barbara Mason, den Ohio Players, The Delfonics, für »Hypnotize« gar bei Pink Floyd. Der Track erschien als Vorab-Single. Er kann als Blaupause für die Hitmen-Hits herhalten, wenngleich er in seinem State oft the art-Anspruch definitiv heraussticht. Rough, ruggend and raw will das lange nicht mehr sein, sondern lupenrein und kristallklar. Getragen vom Groove des 1979er Songs »Rise« wagt er mit einer bis dahin unerhörten Pop-Affinität den Schritt von der Block Party in die VIP Area. Mit einem Biggie, der einstige Pipe Dreams als American Dream auslebt, statt Crack nun Rap gewordenes Opium für’s Volk vertickt und seiner Inszenierung gemäß direkt vom berüchtigtem Players Ball zum Heavy Lounging vorbeischaut.
The Notorious B.I.G - Life After Death Find it at hhv.de: 3LP
Der Track ist längst Bestandteil der Popkultur. Ob Biggie das geahnt hat, als Puffy ihm zum ersten Mal den vorläufigen Loop vorspielte? Es heißt, er habe unmittelbar angefangen zu grinsen – und Puffy umarmt. Den Single-Release durfte er noch erleben. Acht Tage später, sechzehn Tage vor dem Albumrelease, war er bereits tot.

»Life After Death« ist ein All Time Classic der Rap-Geschichte, sein Einfluss kaum zu überschätzen. Auch Bad Boy Entertainment-Gegner erkennen an, mit Biggie einen großartigen MC verloren zu haben. Das dringt mit jeder wohlüberlegten Zeile durch, mit jeder seiner voluminösen Silben. Derart kraftvoll und mühelos zugleich, nahtlos fließend und in sich ruhend: So klingt Rap nur selten.

Biggie Smalls war ein ungewöhnlicher Elefant im Rap-Porzellanladen. Sein Flow zerdepperte alles. Er zerdepperte vor allem das erste Mal vor einem riesigen Publikum: eine fixe Idee. Die Sichtweise nämlich, dass man eigentlich bleiben müsse (auf Textebene vor allem, aber auch ganz real), wo man herkommt, um unter Beweis zu stellen: Dass man weiß, wo man herkommt.

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