Aigners Inventur – Februar 2013

27.02.2013
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Trus’me, Max D, Pusha T, Darkstar und JBG2.
Kollegah & Farid Bang
Jung, Brutal, Gutaussehend 2 Premium Edition
Selfmade • 2013 • ab 22.99€
Erfolgreichstes Deutschrap-Album nach der ersten Verkaufswoche – ganz klar, Kollegah und Farid Bang können nicht länger wie Schmuddelkinder behandelt werden. Auch wenn man jedem Spiegel- oder Focus-Artikel deutlich anmerkt, dass man sich wohler fühlen würde, für diesen Anlass mal wieder diese lustigen Typen von Fettes Brot oder die hemdsärmeligen Mittelständler von Fanta 4 vor dem Mikrofon zu haben. Auf das Marketing-Genie von Selfmade Records, genau wissend, wie man aus YouTube-Klickern tatsächliche Fans macht, muss an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, dieser Aspekt scheint ohnehin derjenige zu sein, auf den sich die fachfremde Presse momentan konzentriert, um sich ja nicht mit der Musik auf »Jung, Brutal, Gutaussehend 2« auseinander setzten zu müssen. Aber genau die ist, in all ihrem überkommenen Mitnullerjahre-Bombast und mit all ihren fast schon satirisch lauten und steril gemasterten Beats, eine Steilvorlage für die absurdesten Protzereien, die in diesem Land bisher auf einen Tonträger gebannt wurden. JBG2 heißt Koitus mit deinen Familienmitgliedern, Penis-Metaphern zwischen Wolkenkratzer, Gulaschkanone und Feuerlöscher und mehr Kämpfe als die Schlacht in der Normandie. Da mag man sich nun als Moralapostel besorgt zeigen, aber Kollegah erklärt sich hierzu wohl selbst am besten: das ist Action-Kino in der Tradition der übergeschnappten Achtziger, derart grell überzeichnet, dabei aber mit so viel Liebe zum Detail (Metaphorik, Wortspiele, Flows – das ganze Hip Hop-Ding halt), dass man auch die hundertste Bekundung der Jungs, sie würden auf deine vier Elemente scheißen, nicht für bare Münze nehmen kann. Dass Farid neben Kollegah immer noch häufig wirkt wie Jürgen Kohler neben Maradona wird nicht zum Problem, weil die beiden mittlerweile eine Buddy-Movie-Chemie gefunden haben wie Glover & Gibson. Wer das jetzt auf Verwerflichkeiten sezieren möchte, hat vermutlich in den Neunzigern auch wütende Leserbriefe an Verhoeven geschrieben, weil in »Starship Troopers« zuviel gemetzelt wurde. Es kommt eigentlich mindestens acht Jahre zu spät, aber Deutschland hat endlich seine »Diplomatic Immunity«.

Ebenfalls zertifizierten Brontosaurusshit gibt es auf »Wrath Of Caine« zu hören, obwohl es ja Leute geben soll, die Pusha T vorwerfen mehr Zeit für die richtige Ausleuchtung seiner Givenchy-Einkaufstüten auf Instagram zu verwenden, als für das Durchdenken seiner 16er. Dies bestätigt sein x-tes Mixtape wieder nicht, im Gegenteil, Wrath Of Caine ist bisher vermutlich das qualitativ am nächsten am Clipse-Oeuvre anzusiedelnde Werk des nicht vier Mal pro Tag in die Kirche rennenden Thornton Bruders. Alles dabei, von Patois-Trap, über Piano-Loops von Pharrell bis zu Jake Ones Trademark Boombap not Bombap. Ich bleibe Stan, äh, Fan.

Trinidad James
Don't Be S.a.f.e.
Def Jam • 2013 • ab 4.39€
Wie es Trinidad James geschafft hat, dass sich selbst Lebron zu All Gold Everything anschwitzt und bleiche Mittelständler in ihrer Mittagspause in Molly-Eskapismen flüchten, ist nicht wirklich zu erklären, Fakt ist aber, dass »Don’t Be S.A.F.E.« den Schiefzahn dann schon stellenweise als das entblößt, was er ist: ein YouTube-Phänomen, mit einem Skillset, das eine langjährige Karriere eher zu einer Überraschung machen würde. Sei es drum, so universal wie immer noch gewoot wird, dürfte er momentan den Spaß seines Lebens haben.

Anders gelagert ist der Fall bei den Underachievers, Flying Lotus’ Entdeckung und sowas wie der A$AP Mob mit Diplom oder die thesaurifizierte Version der Eastflatbush Zombies. Man möge mich nicht falsch verstehen, Indigoism ist ein sehr solides Mixtape, das sich soundästhetisch effizient tumblerisiert, aber irgendwie fehlt hier dann einfach diese Naivität und Ignoranz, die all diese komischen, narzisstischen Teenager, die damit seit 18 Monaten das Spiel dominieren eben interessanter macht als eine neue Ras Kass Single. Und um dann wirklich für die ganz hohen Augenbrauen ein Thema zu sein, ist das Duo schlichtweg nicht Kendrick genug.

Den subkulturellen Gender-Kontext ausgeklammert, ist auch Le1fs Fly Zone unterwältigend. Klar, das ist dogmenfreier, postmoderner Rap, aber in seiner verkrampften Coolness dann eben mehr Spank Rock und Mykki Blanco als Danny Brown und Ethelwulf. Wer unbedingt 15.000 Zeilen über die Aufweichung des alten Hypermachismo-Dogmas des spießigen Onkels Hip Hop füllen muss, wird hier von Le1f selbstverständlich gut bedient, aber es gibt wirklich musikalisch sensationelleres zu entdecken in der ADHS-Rap-Nische.

Auch schwierig ist Araabmuzik, vor allem seit er sich mit den typischen Fratboy-Bollernasen Bühnen teilt und nicht mehr für Cam, Jim und Juelz Beats für eine Tüte 9er Chicken McNuggets und ein Ol’ English produziert. Sein MPC-Fingerbanging schaut man sich ja nach wie vor gerne an und auch bei seinen Arbeiten für Rapper stimmt das Ausschussverhältnis immer noch annähernd. Wenn er aber eigenständige Tracks anfertigt, ist das so grell, so plakativ und überproduziert, dass zumindest ich hinterher sofort das Bedürfnis habe, mir doch mal so eine Nasen/Ohren-Spülung aus der Apotheke zu holen. Und weil For Professional Use Only auch noch so verdammt Drop-geil ist, nehme ich vielleicht direkt noch eine Packung Ibuprofen mit.

Oh No
Disrupted Ads
Kashroc • 2012 • ab 12.78€
Extrem konstant bleibt dafür Oh No, der auf »Disrupted Ads« aber auch erneut Mittelklasse-Personal auf seine zeitlosen Beats rappen lässt. Glücklicherweise passiert das aber nur ab und an, als reines Beattape wäre »Disrupted Ads« dennoch besser gewesen.

Osunlade
A Man With No Past Originating The Future Black Vinyl Version
Yoruba • 2013 • ab 22.99€
Das wäre es eigentlich gewesen mit Hip Hop im engeren Sinne, da aber Osunlade, der olle Esoteriker, mit seinem idiosynkratischen House meist mehr Seele und B-Boyismen vereint als eine durchschnittliche Rawkus-Maxi vor 15 Jahren, verläuft der Übergang zu anderen Genres dieses Mal durchaus fließend. Das ist auf Albumlänge nicht immer zwingend, manchmal plättschriger als ein Brasilelectro-Anfall von Gilles Peterson annodazumal, aber Osunlade hat auch hier wieder eine knappe Handvoll an magischen Momenten. Wem Theo und Kenny mittlerweile zu weit draußen sind, greift zu »A Man With No Past«.

Trusme
Treat Me Right
Prime Numbers • 2013 • ab 9.09€
Auf Trus’me kann man an dieser Stelle als Ersatz ungewöhnlicherweise nicht verweisen, hat dieser doch mit »Treat Me Right« seinen organischen, Sample-lastigen Detroit-House-Ansatz größtenteils zugunsten tougher Techno-Stücke aufgegeben. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber angesichts der in Auftrag gegebenen Remix-Arbeiten zu seinem vorherigen Album auch nicht wirklich so überraschend. Komisch hingegen wirkt hier eher, wenn er seine alte Hörerschaft zunächst mit der A-Seite ködert und dann zwischendurch den harten Vibe mit «Moonlight Kiss« wieder bricht. Sei es drum, mit Ausnahme der missglückten Sequenzierung ein spannendes Album, das es auch schafft in seinen rauesten Momenten nie kalt zu wirken. Und wenn sich Herr Wolstencroft kindlich auf Facebook freut, dass Ben Klock «Someday« in seinem Boiler Room Set gespielt hat, ist endgültig klar, dass das Herz hier am rechten Fleck sitzt.

Benjamin Damage
Heliosphere
50 Weapons • 2012 • ab 5.59€
So richtig überragend fand ich bisher wenig aus dem Hause 50 Weapons, »Heliosphere« gehört aber definitiv zu den bisherigen Höhepunkten. Benjamin Damage verbindet hier wüste Highspeed-Techno-Bollereien mit atmosphärischen Brit-Bass-Sperenzien, gerade Bassdrums mit Drexciya-Anklängen, Ambient-Zitaten und funktionalem Techhouse. Das klingt auf dem Papier nicht sonderlich spektakulär, weil schon hundertfach dagewesen, als Album hingegen ist das erstaunlich kurzweilig.

Moon B
Untitled
Peoples Potential Unlimited • 2012 • ab 19.99€
Kommen wir zu den für mich persönlich größten drei Spektakeln des Monats im elektronischen Bereich. Zunächst hätten wir da Moon B, dessen »Unitled« ich zunächst für eine weitere von Andrew Morgan gefundene Obskurität aus den Mitachtzigern hielt und nach dem ersten Hören in ihrem OMG-Faktor irgendwo knapp hinter dem ersten Virgo Four Album einsortiert hatte, also ziemlich weit oben. Nun wissend, dass Moon B ein neuer Produzent ist, der klassischen Chicago House und dubbigen Boogie “nur” emuliert, ist mein Hysterielevel zwar minimal gesunken, ich habe aber trotzdem vermutlich kein Album dieses Jahr so oft gehört wie dieses zunächst als Tape erschienene, kleine Meisterwerk.

Maxmillion Dunbar
House Of Woo
Rvng Intl. • 2013 • ab 19.53€
Nichtmal mein Busenfreund Maxmillion Dunbar wird daran vermutlich etwas ändern, obwohl »House Of Woo« natürlich wieder eine Sensation ist. Krude New Age Yoga Styles treffen auf knochentrockene House-Zitate und ich sehe den sympathischen Bären jede der zahlreichen Wendungen, die die Tracks nehmen, mit einem zufriedenen Music for the head, sooooon! kommentieren. Manchmal wünscht man sich als eingefleischter Fan zwar noch häufiger, dass er die Zügel etwas loslässt und richtig rampensaut, aber dafür dürfte ja dann das langerwartete Beautful Swimmers Album sorgen. Derweil: »House Of Woo« kaufen – ja, auch wenn der Spaß 28 Flocken kostet.

Streetwalker
Future Fusion
Cititrax • 2013 • ab 22.39€
Ebenfalls ein hartnäckiger Album des Jahres Kandidat ist bisher »Future Fusion«, ein völlig irrwitziger Analog-Trip der Herren Wanzer und Katz, die zuvor unter anderem auf L.I.E.S und Hippos In Tanks musiziert haben in diese rauen, gleichermaßen von Industrial, EBM, Chicago House, Techno und No Wave beeinflussten Kaskaden immer wieder komplett abgefuckte Vocal-Spuren schneiden. Ein Trip, aber was für einer!

KVB, The
Immaterial Visions
Cititrax • 2013 • ab 29.99€
Auf dem selben Label, dem Minimal Wave Ableger Cititrax erschien dieser Tage außerdem »Immaterial Visions«, ein deutlich gitarrenlastigeres Wave-Update von The KVB. Das klingt oft wie eine noch nihilistischere Version von Joy Division, manchmal wie My Bloody Valentine auf Cold Turkey, ganz kurz auch wie Ministry und Cabaret Voltaire, aber irgendwie immer geil. Derivativ, aber geil, that is. Jetzt würde ich noch gerne rausfinden, was das alles mit den Kölner Verkehrsbetrieben zu tun hat.

Crystal Ark
Crystal Ark
DFA • 2013 • ab 20.61€
Relativ enttäuschend, weil für Gavin Rossoms Verhältnisse sehr zahm, ist Crystal Arks gleichnamiges Debüt für DFA. Natürlich zieht Rossom hier wieder die richtigen Fäden, eine Acid-Referenz hier, leichtfüßiger Piano-House da, aber insgesamt ist das eher eine Platte, die vor 6-7 Jahren über den selben Vertriebsweg wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen hätte.

Atoms For Peace (Thom Yorke)
Amok Deluxe Edition
XL Recordings • 2013 • ab 5.32€
So, ich sage das jetzt: Thom Yorke geht mir auf die Eier. Nicht nur, dass mich sein patentiertes Gejaule nun bereits seit «The Eraser« nervt, es ruiniert auf »Amok« eigentlich fast all das, was diese Platte sein wollte. Atoms For Peace ist ja nun das Allstar-Projekt Yorkes mit Chillischote Flea und den anderen zwei Typen, deren Namen alle immer vergessen. Eigentlich wollte der Thom ein Dance-Album machen und gar nicht singen, aber er musste ja, weil das sonst keine Sau interessiert hätte. Sagt er selbst. Und genau das merkt man dem Album an. Ja, auch viele der oft ziellos mäandernden Stücke wären für sich genommen nicht brillant, das hat man alles auf Warp schon zigfach besser gehört, aber anders als auf «Kid A« und stellenweise auch noch auf The Eraser wirken Yorkes Vocals tatsächlich wie ein Fremdkörper. Und genau deswegen ist Atoms For Peace unterm Strich ein Clusterfuck prätentiösen Late Adoptertums. Sorry, aber können wir nicht einfach wieder ein solides Radiohead-Album kriegen? Wir wissen doch alle, dass du pflichtbewusst zweimal pro Woche XLR8R liest, Thom, aber ein Stück mehr Humor in der Midlife Crisis täte dir gut. Befrage diesbezüglich doch mal James Murphy, der hatte da dieses eine Stück in dem es um Kanten und verlieren ging.

Darkstar
News From Nowhere
Warp • 2012 • ab 2.79€
Oder weißt du was? Lass dir Zeit mit dem nächsten Radiohead-Album, weil Darkstar gerade erst eins gemacht haben, das uns alle zufriedenstellt. »News From Nowhere« zitiert ähnlich wie der Vorgänger extrem gekonnt die frühen Achtziger, traut sich aber in Sachen Arrangements mehr und am Ende ist das tatsächlich irgendwie der bessere »In Rainbows« Nachfolger. Hätte man vor fünf Jahren auch nicht unbedingt erwartet.

Foals
Holy Fire
Warner • 2013 • ab 23.99€
Nicht wirklich kriegen tun mich hingegen Foals, deren Debüt ich noch wirklich mochte, deren Professionalisierung mich aber seither kalt gelassen hat. »Holy Fire« tendiert dann manchmal gar zu unerotischem Muckertum, was bei kühlen Geezern immer der falsche Weg ist.

Jamie Lidell
Jamie Lidell
Warp • 2012 • ab 3.19€
Auch langsam in die Belanglosigkeit croont sich Jamie Lidell, der sich auf dem selbstbetitelten neuen Album glücklicherweise noch weiter vom kurzzeitigen Blue Eyed Soul der Multiply-Ära distanziert, der in der Folgezeit durch die ganzen Adeles und Winehouses für einen Querkopf wie Lidell natürlich sofort wieder untragbar wurde. Nun also wieder die Achtziger, gerne funky, gerne extrakäsig. Das Problem ist hierbei aber, dass Lidell, dieser notorische Auskenner, zwar alles tut, um nicht mit Gimmicks wie Chromeo in einen Topf geschmissen zu werden, genau dies aber doch unweigerlich passiert, vor allem weil Lidells Gesang häufig gefährlich nahe bei Jamiroquai liegt und er sich gerade auch bei den abenteuerlicheren Stücken selbst einen Tacken zu geil findet.

Inc.
No World
4AD • 2013 • ab 17.99€
Dann doch lieber dieser kalkulierte Williamsburg-R&B von inc., deren Yacht Pop Großtat Millionaires jetzt endlich einen Nachfolger im Albumformat findet. Klar, das ist artifiziell, das ist Stereogum statt Soul Train, aber ganz ehrlich, diese geilen Slacker in ihren Patrick Ervell Jäckchen sind gute Musiker (unter anderem für Pharrell, Cee-Lo und Raphael Saadiq), die ein bewundernswertes Gespür haben für das Zusammenspiel zwischen Emphase und subtiler Zurückhaltung. So ist »No World« zu keinem Zeitpunkt so sediert wie Holy Other oder The XX, aber auch nie so exaltiert wie “richtiger R&B”. Und genau in diesem Zwischenraum ist erstaunlicherweise immer noch so viel Platz, dass man sich über jeden neuen Gast freut.

Robbie M
Let's Groove
Peoples Potential Unlimited • 2013 • ab 17.99€
Was inc. tun ist dann auch auf vielen Ebenen exakt das Gegenteil von Robbie M. Mister M. ist alte Schule durch und durch, ein Kuriosum, das Andrew Morgan für PPU aus der Versenkung geholt hat und der nach großen Erfolgen mit Midnight Star nun auf »Let’s Groove« genau da weiter machen darf, wo er Mitte der Achtziger aufgehört hat. Das hier ist nicht postmodern, hier leidet und liebt Mann noch ohne falsche Zurückhaltung, die Retro-Beats sind nicht durch das Ableton-Prisma gebrochen, das ist der echte, echte Scheiß. Dass ein solches Album 2013 erscheinen kann, ist so grandios naiv, so unfassbar ballsy und so verdammt notwendig, dass ich mich nur zum wiederholten Mal vor den Herren M. und M. verneigen kann. Oh, ein Song heißt übrigens »Stretch Limos«. Ja, in der Tat.