Aigners Inventur – November 2012

05.12.2012
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Captain Murphy, Roc Marciano, Karenn und Zombie Zombie.
Pünktlich zum ersten Advent der Beweis: Nietzsche hat dir unrecht getan, Gott oder wie ist es anders zu erklären, dass Flying Lotus nun exakt das getan hat, worum zumindest ich seit Jahren bettele? Nicht nur dass Captain Murphy mit »Duality» das beste Madlib-Album seit »The Further Adventures Of Lord Quas» gemacht hat, nein, Flying Lotus klingt mit seiner, in bester Quasimoto-Tradition, wild pitchgeshifteten Stimme auch noch wie Tyler nach vierwöchiger Exorzismus-Kur. So wild ich über ein rapzentriertes Album aus der Feder von Herrn Ellison auch fantasiert habe: »Duality» ist besser als je vorgestellt und die größte Offenbarung in der Sparte Oddball-Rap seit Madlibs großem Run Mitte der Nullerjahre. Ungläubige, praise the lord!

Roc Marciano
Reloaded Deluxe Bundle
Decon • 2012 • ab 53.99€
Auch super: »Reloaded», Roc Marcianos zweites Soloalbum, auf dem sich der ehemalige Flipmode-Handlanger den Don-Status unter notorisch schlecht gelaunten QB-Wadenbeißern verdient hat. Selten hat man in den letzten Jahren ein so schlicht schönes, Loop-basiertes Album gehört, Prodigys »Return Of The Mac» und Marcianos Debüt mal ausgenommen. Absolut schmucklos und unprätentiös rappt Marciano hier an allen Trends vorbei und hätte sein Spezl Ka mit »Grief Pedigree» dieses Jahr nicht bereits das gleiche geschafft, würde ich nun altersweise allen anderen raten, diesen 90er-Scheiß doch einfach sein zu lassen, weil der Kuchen bereits verteilt ist.

Wu-Tang Clan & D-Block
Wu-Block
Module • 2012 • ab 7.99€
Es sei denn man dominierte in jener Ära eh schon nach Belieben. Und genau deswegen will ich auch kein böses Wort über »Wu-Block», hören, die natürlich 15 Jahre zu spät kommende Kollabo zwischen dem Wu-Tang Clan und dem D-Block, wobei man bei der Credit-Verteilung anmerken muss, dass das eher ein Sheek Louch Album ist mit exorbitant vielen Ghostface-Features. Aber wenn direkt im Opener einer der schönsten Beats der Nullerjahre fachmännisch zerlegt wird, ist trotzdem alles gut. Die Halbwertszeit vermag ich ad hoc nicht einzuschätzen, aber so als kleines Mixtape-Not-Mixtape-Bonbönchen ganz lecker.

Styles P
World's Most Hardest Mc Project
Ent. One Music • 2012 • ab 10.08€
Apropos D-Block, mein Mancrush für Styles’ Flexereien ist wohl dokumentiert, dass »The World’s Most Hardest MC» (#nohomodipsetbitch) dennoch wieder ein sehr durchwachsenes Album ist, war trotzdem klar. So lange sich pro Jahr aber zehn Tracks aus Styles Ps Oeuvre pressen lassen, die annähernd an die Zusammenarbeit mit araabMuzik heranreichen, bleibe ich Fan.

Lil' Fame of M.O.P. & Termanology
Fizzyology
Brick • 2012 • ab 14.22€
Warum sich die halbe Industrie mit Schmuddelkind Termanology abgibt, verstehe ich auch nach »Fizzyology» nicht im geringsten. Da versucht Lil Fame ständig die Kohlen aus dem Feuer zu – äh – brüllen, was angesichts äußerst mäßiger Produktionen schwer genug ist, und dann stolpert jedes Mal dieser Reimklaus orientierungslos durch seine 16 Bars. Straight to Papierkorb.

Meek Mill
Dreams and Nightmares
Warner • 2012 • ab 7.59€
Gut gebrüllt ist halb gewonnen ist auch Meek Mills Credo und irgendwie kriegt mich Officer Rickys MMG-Pack mit seinem semidebilen, aber unter der Oberfläche durchaus cleveren, Corporate Design immer wieder. »Dreams & Nightmares» ist keine Offenbarung, aber solides Blockbuster-Entertainment.

Rihanna
Unapologetic Deluxe Edition
Def Jam • 2012 • ab 19.94€
Jetzt habe ich endlich auch die tiefere Bedeutung von I go ri-ri-tarded begriffen. Rocky spielte damit offensichtlich nicht auf Rihannas weibliche Vorzüge an, sondern tatsächlich auf die geistige Umnachtung derer, die Riri davon überzeugten sich einen Dubstep-Track von David Guetta produzieren zu lassen. Überhaupt mangelt es »Unapologetic» nicht an ri-ritardedness, aber dieses systematische Aufgreifen all jener Trends, die bereits vor zwei Jahren sowas von durch waren, ist ja heute bei Künstler dieses Ausmaßes im Kostenvoranschlag vertraglich geregelt. Am besten ist Rihanna natürlich immer noch, wenn man sie nicht zu weit von klassischeren R&B-Mustern entfernt. In einer perfekten Welt hätte dementsprechend auch ein gewisser Terius Nash dieses Album produziert.

Fid Mella
Tatas Plottn
Melting Pot Music • 2012 • ab 13.99€
Ich möchte Fid Mella nicht direkt den Titel des Wiener Just Blaze wieder wegnehmen, aber für weitere Vergleiche mit dem stadionzerberstenden Maximalismus des Herrn Blaze ist Mellas erstes Album zu sehr Prog. »Tattas Plottn» hat andere Qualitäten, unter anderem exzellentes, liebevolles Sampling unausgelutschten Quellenmaterials und unvorhersehbare Breakdowns. Aber hey, irgendwie hatte ich noch mehr Bock auf solche Geschichten

DJ Scientist
For Better, For Worse HHV Bundle
Equinox • 2012 • ab 21.99€
Auch DJ Scientist samplet auf »For Better, For Worse» gerne Psych-, Kraut- und jede andere Art von obskurem Rock, was in einem unaufgeregten Album mündet, das so auch 1998 hätte erscheinen können und Endtroducing-Erweckte auch 2012 noch kicken dürfte. Oh und »World Of Stone» ist vermutlich der schönste Blockhead-Track seit dessen Debüt.

Raime
Quarter Turns Over A Living Line
Blackest Ever Black • 2012 • ab 18.99€
Ich bin kein großer Fan davon Coverartworks für bare Münze zu nehmen, aber im Falle von Raime drängt sich dies so sehr auf, dass ich mal dieses Dogma überwinden will. Industrial geschulter, jedoch komplett entschleunigter Ambient-Techno mit viel Kettenrasseln und noch mehr Platz für Alpträume – keines der Stücke nimmt uns bei der Hand, sondern wirft uns genau in jenes schwarze Loch, in dem die adrette Dame auf dem Sleeve versuch Halt zu finden. Ach ja, erscheinen tut »Quarters Over A Turning LIne» (natürlich) auf Blackest Ever Black, und wer sich letzten Monat bei Andy Stott zu wenig gegruselt hat, ist hier genau richtig.

Redshape
Square
Running Back • 2012 • ab 19.99€
Etwas enttäuschend hingegen ist, dass Redshape offenbar bereits auf seinem Debüt »The Dance Paradox» an seine Grenzen gegangen ist. Nicht dass »Square» schlecht wäre, aber irgendwie schafft es der Maskenmann seit dem wirklich großen Debüt nicht mehr wirklich als Künstler zu wachsen. Natürlich ist das Stagnation auf hohem Niveau, aber nicht nur ich dachte vor drei Jahren, dass damals ein Heilsbringer geboren wurde. Diesen Monat hab’ ich’s aber auch mit dem Christentum, man man.

Legowelt
The Paranormal Soul
Clone • 2012 • ab 9.59€
Boah, dieser Danny Wolfers. Produziert 15 Tracks am Tag und im Schnitt will ich 12,4 davon kaufen. Auch »The Paranormal Soul» ist der Knaller, Legowelt findet hier wieder genau die Balance zwischen masturbatorisch-proggigen Synthwahnsinn und diesem rohen Musikbox-Jacking, das so viele versuchen zu emulieren, aber doch nur wenige hinkriegen. Ach ja, der Okraj meint “I Only Move For You ist ein Gamechanger”, ich meine Herr Wolfers wäre darüber hinaus auch noch wahlweise der beste Innenarchitekt oder Friseur der Welt, wenn er dafür Zeit hätte. Meine Güte, was bin ich Fan.

Map.ache
Ulfo LP
Kann • 2012 • ab 19.99€
Solide Arbeit im Aufbau Ost leistet seit geraumer Zeit auch Map.ache, seines Zeichens Busenfreund von Kassem Moses. »Ulfo» heißt das Album, es ist weniger verspielt und sperrig als die Zusammenarbeiten mit Mosse und mit »Presents DJ Mapi» ist sogar ein veritabler Gute-Laune-Tune vertreten. Schon eher einstelliger Tabellenplatz als Champions League, aber das ist nicht verwerflich.

Ital
Dream On
Planet Mu • 2012 • ab 9.19€
Hm, Ital. Auch hier bin ich seit »Culture Clubs» überenthusiastischer Fan, aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass Herrn McCormick Planet Mus Laissez-Faire-Politik nicht so mundet. »Dream On» ist bereits sein zweites Album in diesem Kalenderjahr, erneut voll mit unfassbar vielen großen Ideen, aber an diesem, immer noch jungen Punkt seiner Karriere, würde es Ital tatsächlich gut tun, wenn man ihn öfter etwas stärker bevormunden würde. Gekauft habe ich mir »Dream On» trotzdem, allein schon weil dieser Peilo-House schon irgendwo einzigartig ist, aber da geht noch mehr und ich will es hören. Bald, aber nicht zwangsweise schon morgen.

Lukid
Lonely At The Top
Werkdiscs • 2012 • ab 19.99€
Ein Vorbild könnte Lukid sein, der ein ähnlicher Freigeist zu sein scheint, mit dem dickeirig-betitelten »Lonely At The Top» aber jegliche implizierten Versprechungen erfüllt. Ähnlich wie Labelchef Actress ist Lukids Musik schwer zu greifen und noch schwerer zu beschreiben, House und Techno vielleicht die explizitsten Bezugsgrößen, aber von Music Concrete, über Dub bis Hip Hop wird hier alles gefiltert, gebrochen und rekontextualisiert. Der Warenkorb, er wächst auf Monatsmietengröße an.

Karenn (Blawan & Pariah)
SHEWORKS004
Works The Long Nights • 2012 • ab 21.99€
Ach ja, die Engländer. Finden jeden Monat einen neuen Mikrotrend aus der Vergangenheit und personalisieren diesen dann. Im Moment sehr beliebt: Ballertechno, Marke Axis. Nun sind sowohl Blawan, als auch Pariah äußerst solide Produzenten, die in den letzten zwei Jahren zum Brit-Bass-Katalog durchaus substantielles beigetragen haben, aber als Karenn blockieren sich die beiden gegenseitig. Als kleinster gemeinsamer Nenner schien man sich auf Luke Slater, vielleicht auch auf Jeff Mills, einigen zu können, die sechs Stücke auf »SHEWORKS004» sind aber allesamt erschreckend nichtssagende Techno-Banger, die der Hochzeit in den späten Neunzigern jedoch nichts hinzuzufügen wissen. Schade.

Sigha
Living With Ghosts
Hotflush • 2012 • ab 14.99€
Etwas besser macht das Sigha, wobei ich auch hier nicht so ganz verstehen, warum sich ein Produzent, der in der Vergangenheit häufig um die Ecke dachte, jetzt auch so häufig dem Berghain-Diktat unterwirft. Nicht dass ich mit dystopischem Techno ein Problem hätte, aber irgendwie fehlt da jetzt häufig genau jene Funkyness, die die Engländer doch eigentlich auszeichnet. »Living With Ghosts» hingegen klingt hingegen zu häufig wie Dettmann mit krummer Bassdrum. Und um nochmal auf die Relation Cover/Musik zu sprechen zu kommen: hier wird antithetisch gearbeitet.

Gerry Read
Jummy
Fourth Wave • 2012 • ab 26.99€
Eine große Freude ist dafür Gerry Read. Kaum die Zwanzig erreicht, programmiert der Brite mit einer Lässigkeit ein Debütalbum zusammen, auf dem die Kicks so holzig klingen wie bei Theo Parrish, die Chords so geil verwaschen wie bei Pepe Bradock und die Melodien so schön naiv wie bei St Germain in deren Hochzeit. Nun gut, das war jetzt etwas übertrieben, aber wenn der Typ nicht noch mindestens fünf großartige Alben veröffentlicht, habe ich meinen Scouting-Touch genau so verloren wie Thomas Allofs.

Pachanga Boys
We Are Really Sorry
Hippie Dance • 2012 • ab 24.99€
Überfordert bin ich hingegen vom exorbitanten Pachanga Boys Hype, den ich aber beabsichtige turbokapitalistisch auszunutzen und den fanatischen Jüngern der Herren Superpitcher und Rebolledo mit sadistischer Freude deren Debüt »We Are Really Sorry» zu horrenden Preisen über die bekannten Kanäle weiterzuverscherbeln. Weil ganz ehrlich: das ist echt nicht so geil, wie alle tun. Tech House Gerüst und plakativer Weirdo-Scheiß drüber, da muss man nun echt nicht mehr drauf reinfallen, Kids.

Carter Bros, The
Metropolitan
Tsuba • 2012 • ab 17.99€
Dann lieber der weniger ambitionierte Disco House der auf Rush Hour veröffentlichenden The Carter Bros. Fidel gefiltert, gerne im wohlfühligen 115BPM-Universum, allerhand Samples: wer diese ganze Instruments Of Rattre Chose mochte, kann mit »Metropolitan» viel Spaß haben.

Carter Bros, The
Metropolitan
Tsuba • 2012 • ab 17.99€
Wer sich gerade im Midtempo eingeschunkelt hat, nimmt sich bitte direkt noch DJ Natures »Return Of The Savage» mit, ein über die Sympathikusse von Golf Channel erscheinendes Album, dem man in jedem Moment die Abgezockheit Natures anmerkt. Das ist House Musik mit viel Weitsicht und einem großen Sinn für übergeordnete Zusammenhänge. Klingt dann manchmal nach einer milderen, britischen Variante des frühen KDJ, oder aber nach der Zeit in der DJ Nature noch Natureboy hieß und auf »Ruff Disco» schon 1992 House mit maßig B-Boy-Attitüde und Soul-Samples ausstattete. Zeitlos, im besten Sinne.

Erdbeerschnitzel
Tender Leaf
Mirau Musik • 2012 • ab 11.89€
Nicht genug, dass Erdbeerschnitzel immer noch das beste Moniker seit ich weiß nicht wem hat, jetzt hat er mit »Tender Leaf» auch noch ein mindestens genau so krankes Album gemacht. Hochtourige House-Banger? Check. Hypersexualisierter R&B? Check. Konfuse Warp-Spielereien und Hip Hop Intermezzi? Doublecheck. Ein grandios eigenwilliges Album des unterbewertetsten deutschen Produzenten der letzten fünf Jahre.

Zombie Zombie
Rituels D’un Nouveau Monde
Versatile • 2012 • ab 15.99€
Eine klarere Linie gibt es seit jeher bei Zombie Zombie, die sich auf ihrem zweiten Album (die Carpenter-Tribute EP nicht mitgezählt) wieder an den wunderbar sleazigen Horrorfilm-Tropen der frühen Achtziger abarbeiten und mal wie Goblin, mal wie Bernard Herrman und natürlich ganz oft wie John Carpenter klingen. Epigonentum kann manchmal so willkommen sein, wenn man sich von vornherein dazu bekennt.

Allah-Las
Allah-Las
Innovative Leisure • 2012 • ab 14.99€
Was es mit Allah-Las auf sich hat, weiß ich immer noch nicht so recht, aber wenn P. Kunze sich aufgrund eines 60s-Psych-Surf-Albums tagelang dermaßen beömmelt, als hätte ihn Shlohmo endlich zum Topfschlagen eingeladen, kann das gleichnamige Album ja eigentlich nicht so ganz scheiße sein. Zur Überprüfung fehlt mir jetzt leider die Zeit, da ich gerade festgestellt habe, dass Haftbefehl wohl gerade Biggies »Suicidal Thoughts» ins Deutsche versucht hat zu übersetzen was natürlich Vorrang hat, aber wir vertrauen dem Bengel da einfach mal blind.