Aigners Inventur – November 2018

14.11.2018
Steht in Marrakesch und check gar nichts mehr: die letzte Inventur des Jahres, unter anderem mit Max Graef, Black Merlin, Guavo, Julia Holter, Bruce und Objekt. Theoretisch wieder eine Sensation.
Max Graef
Lo Siento Mucho Pero No Hablo Tu Idioma
Tartelet • 2018 • ab 25.99€
Poah ey, die neue von Max Graef ist ein Pfund. Der Berliner hatte sich in letzter Zeit in Interviews immer wieder latent frustriert von Erwartungshaltungen gezeigt und »Lo Siento Mucho Pero No Hablo« ist der denkbar größte Befreiungsschlag. Immer wenn man bereit wäre, eine Schublade aufzumachen, schlägt Graef sie auf dem nächsten Track donnernd zu, nach feisten PPU’ismen hallen plötzlich seine Homies von Montel Palmer nach. Techno gibt’s auch, aber dann entweder im 1991er- oder Jungle-Tempo, YMO-Synths und Easy Listening-Melodien kommen und gehen bevor man sie lieben, respektive hassen kann und irgendwann steht man in Marrakesch und checkt gar nichts mehr. Großer Wurf, ohne Scheiß.

Black Merlin
Kosua
Island Of The Gods • 2018 • ab 24.99€
Black Merlin hat vor gut zwei Jahren das definitive Malaria-Manifest für Island Of The Gods aufgenommen, jede noch so gute Peyote-Trommelplatte, die darauf folgte, musste sich daran messen. Sein zweites Album in der Explorer-Reihe ist wesentlich naturalistischer, die in Papua-Neuguinea aufgenommenen Field Recordings stehen weitgehend für sich selbst, nur auf »Stalking The Canopy« wird die Formel reanimiert, die »Hipnotik Tradisi« zum perfekten Bindeglied zwischen Tribal-Exotismus und Trippy-AF-Techno machte. Hätte in dieser Form auch sehr viel Sinn auf Discrepant ergeben .

Spiritflesh
Spiritflesh
No Corner • 2018 • ab 17.99€
Eigentlich aber auch kein Problem, denn DJ October und Borai simulieren von Bristol aus einfach wie die neue Black Merlin geklungen hätte, wenn dieser full Kurtz gegangen wäre. Spiritflesh ist ein halluzinogener Industrial-Albtraum, der aus den Fehlern der ersten Generation gelernt hat und sich nie in enervierendem Noise-Geklöppel verliert, Drums zur Orientierung auch mal dort stehen lässt, wo man sie vermutet hätte und ansonsten rotzfrech, aber ungemein gekonnt bei SPK, Muslimgauze und den frühen Raime sowie Shackleton abpaust.

Spiritflesh
Spiritflesh
No Corner • 2018 • ab 17.99€
Die Einflüsse sind vergleichbar, aber wie für Neubau typisch mündet auch auf dem ersten Album des Labels jeder noch so schwurbelige Drone früher oder später in einer scharfkantigen Bassline und anspruchsvollen, aber vom richtigen Floor zu meisternden Drum-Patterns. 100 BPM Brutalismus gab es theoretisch genug in den letzten zwei Jahren, hier machen das als Nonetheless aber zwei, die dir mit einem Amboss dein Ei aufschlagen ohne den Dotter zu ruinieren.


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im [Webshop von HHV](https://www.hhv.de/shop/de/aigners-inventur-november-2018/p:Erp9Gu.)


Mutant Beat Dance
Mutant Beat Dance
Rush Hour • 2018 • ab 74.99€
Ich übertreibe hier ja ständig, aber die neue Mutant Beat Dance war glaube ich echt schon länger angekündigt als es diese Kolumne gibt. Das Warten hat sich rein haptisch schon gelohnt, das Boxset ist der Wahnsinn. Nun wird natürlich selbst niemand, der schon morgens seinen Tag mit 303 beginnt, ernsthaft 25 Jack Trax am Stück hören, aber was Traxx, Steve Summers und Beau Wanzer hier zur Verfügung stellen ist auch eher eine gewissenhafte Enzyklopädie, in der der amerikanische 85er-Dub-Mix gleichberechtigt neben spanischem Industrial, DAF’ismen, Italo-Hedonismus und Chicago-Chords koexistieren darf.

V.A.
M/N
Melodies Souterraines • 2018 • ab 25.99€
Compilations sind zwar meist immer noch für den Arsch, aber nachdem Melodies Souterraines sich diesbezüglich im EP-Format einen Namen gemacht hatte, riskiert man nun mit »M/N« das übliche Filler-Gejaule und Kohärenz-Gekacke, das scheinbar zwingend mit dem 2LP-Format einhergeht. Alles Quatsch, hier steht skizzenhafter 2018er-Post-House neben obskuren Progressive- und Breakbeat-Oddities aus den 1990er Jahren und beschweren wäre einfach nur kleinkariert.

Spiritflesh
Spiritflesh
No Corner • 2018 • ab 17.99€
Immer wenn man denkt Hessle Audio würde sich so langsam in den Hype-Herbst verabschieden, gibt es wieder eine Platte, die einen daran erinnert, warum die Hessler es einfach immer noch checken. Bruce’ »Sonder Somatic« klingt mal so als hätte Mr Mitch seine Lebenskrise überwunden, mal wie B12 es ins Jahr 2015 schaffen könnten und dann auch einfach nur total geil schroff. Highlight: der Downtempo-Acid-Bubbler »Ore«.

Eli Keszler
Stadium
Shelter Press • 2018 • ab 26.99€
Wirklich sehr, sehr gut ist »Stadium«, das neunte Album von Eli Keszler. Normalerweise sollte man weit wegrennen, wenn im Pressetext die Rede von »Contemporary Electro-Acoustic Jazz« ist, aber hier hat das ausnahmsweise nichts mit Krampfadern und Erdnussallergie zu tun. Im Gegenteil, Eli Keszler rafft exakt wie viel Struktur er dem Laien an die Hand geben muss, um hier noch Songs zu erkennen und wie viel subtiles digitales Updaten notwendig ist, um das nicht wie eine beliebige Free Jazz Obskurität aus Bottrop klingen zu lassen. Jahresbestenlistenshit, ganz klar.

Thom Yorke
OST Suspiria - Music For The Luca Guadagnino Film Pink Vinyl Edition
XL Recordings • 2018 • ab 33.99€
Ich erspare euch jetzt die sich aufdrängende Krampfader-Überleitung und fange mal nicht bei Thom Yorke , sondern bei »Suspiria« an. Den habe ich nämlich noch nicht gesehen, weswegen ich auch schwer beurteilen kann, wie gut Yorkes Soundtrack dafür wirklich ist. Aber spätestens als auf »Suspirium« wieder das Winseln losging, hätte ich mir gewünscht, dass jemand anderes den Zuschlag hierfür bekommen hätte.


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im [Webshop von HHV](https://www.hhv.de/shop/de/aigners-inventur-november-2018/p:Erp9Gu.)


Eli Keszler
Stadium
Shelter Press • 2018 • ab 26.99€
Enter: Objekt. Während sich nämlich alle die Maximalwertungen nur so um die Ohren hauen, bin ich irgendwie latent unterwältigt von »Cocoon Crush«, zumindest als nacktes Stück Musik ohne Visualisierung. Gar keine Frage, hier wird Sounddesign gemeißelt in der ganz oberen Warp-Riege und sowieso braucht Objekt im Albumskontext niemandem mehr beweisen, dass er den den Flur versteht, aber irgendwie muss ich hier zu oft an ein digitalisiertes Amon Tobin-Update denken, um wirklich aufrichtig begeistert zu sein. Theoretisch halt eine Sensation.

Connan Mockasin
Jassbusters
Mexican Summer • 2018 • ab 33.99€
So, in 10 Minuten soll ich Philipp Kunze zum Recyclinghof begleiten, deswegen nur noch Rapidfire ab hier. Connan Mockasin ist einfach der geilste, sitzt auf mindestens 5 Riesenhits, aber mumblet sich lieber so komplett nonchalant durch »Jassbusters«, dass sich alle nur aufregen.

William Basinski & Lawrence English
Selva Oscura Colored Vinyl Edition
Temporary Residence • 2018 • ab 19.99€
Wollte eigentlich auch Basinski & English besprechen, geht jetzt aber nicht mehr ohne zu lolen .

Kurt Vile
Bottle It In Black Vinyl Edition
Matador • 2018 • ab 28.99€
Es ist eigentlich völlig unnötig »Bottle It In« zu besprechen, weil Kurt Vile hier maximal Kurt Vile ist und jeder weiß wie Kurt Vile so ist. Trotzdem bleibt es mir irgendwie ein Anliegen zu betonen, dass ich diese Americana-Fahrigkeit bei dem einfach am liebsten mag.

Julia Holter
Aviary Clear Vinyl Edition
Domino • 2018 • ab 25.99€
Ich mag auch Julia Holter. Das Problem ist nur, dass ich »Aviary« nicht mag, glaube ich zumindest. Ich habe mir auch eingeredet, bei diesem Urteil fair gewesen zu sein, aber eigentlich war ich nur der Typ, der zum Frühstück »Have You In My Wilderness II« zu seinem Käsebrot haben wollte und beim ersten schiefen Ton direkt cholerisch _ALEXASPIELDREAMSVONFLEETWOODMAC« gebrüllt hat.

Quavo
Quavo Huncho
Capitol • 2018 • ab 4.99€
Um diesen Verdacht zu erhärten: Quavos Solo-Album mag ich, aber das kam zum Einsatz als ich schon gegessen und getrunken hatte. Musik ist Kontext und ich ein Idiot.


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