Aigners Inventur – September 2012

02.10.2012
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: The XX, Flying Lotus, Xavas, Mala und Robert Hood.
G.O.O.D. Music
Cruel Summer
Def Jam • 2012 • ab 10.19€
Pflichtbewusst wie eh und je beginnen wir mit dem auf dem Papier größten Spektakel des Monats. Kanye schert seine Schäfchen um sich und auch wenn »Cruel Summer«, wie Kollege Philipp Kunze richtigerweise attestierte, große künstlerische Visionen fehlen und mindestens ein Drittel der Tracks nominell besser unter dem Banner »iTunes Bonus« erschienen wäre: das G.O.O.D. Music Camp ist in seiner hingerotzten Arroganz und demonstrativen Lebensfreude eine große Bereicherung, auch wenn Ye die üblichen 29 N*ggas in Paris Encores als Künstler vielleicht langfristig nicht gut getan haben. Dass ich mich für diese Kaffesatzleserei spätestens beim nächsten großen Solo-Album in Grund und Boden schämen werde, ist mir jedoch auch bereits klar. Oh und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich immer noch bei jedem Vers von Herrn Thornton leicht zu schwitzen beginne?

Lupe Fiasco
Food & Liquor II: The Great American Rap
Atlantic • 2012 • ab 6.39€
Während die ganze Welt Kanyes Douchebagismen als achte Todsünde ausmachen will, gäbe es hierfür weitaus passendere Kandidaten. Nun will ich nicht die ollen ATCQ-Kamellen aufwärmen, aber nicht erst seit diesem Zeitpunkt nehme ich Lupe Fiasco als relativ unangenehmen Zeitgenossen wahr, der zwar ein bemerkenswertes Talent als Schreiber hat, daraus aber einen heuchlerischen Zeigefinger-Habitus ableitet, den ich in meinem Rap Post-KRS-One einfach nicht mehr haben will. Das Gute an »Food & Liquor II« ist aber immerhin, dass Lupe nach der absoluten Katastrophe, »Lasers«, musikalisch wieder in der Spur ist und nicht auf jeder zweiten Hook ein Tim McGraw-Double Kalendersprüche für die Soccer Muttis rezitieren lässt. im Gegenteil, hier findet sich sogar einiges, was an Lupes Glanztaten »Kick Push« und «The Cool« anknüpfen kann.

DMX
Undisputed
Seven Arts Music • 2012 • ab 8.73€
Eher tragischer Natur ist DMXs steter Abstieg in die musikalische Belanglosigkeit. Für zynische Jenny Elvers-Gags ist mir des Chefbellers crackinduzierter Gesundheitszustand zu kritisch, aber wenn man auf »Undisputed« immer wieder bemerkt, wie X seine einst mächtige Präsenz am Mikro fast vollständig verloren hat und viele Verse kraftlos wegnuschelt, überlegt man doch kurz 200 Kopien des ersten DMX Albums in fünf Jahren zu bestellen. Irgendjemand muss ja die Reha finanzieren.

Project Pat
Belly On Full 2
Money Management • 2012 • ab 4.39€
Um Project Pat muss man sich unterdessen nach eigenen Angaben keine Sorgen machen. Der Magen ist voll, die Hündinnen spuren, das Sirup wird mit genügend Aspirin runtergespült und Pferdestärken sind auch genügend vorhanden. Natürlich hat Pat das auch schon alles zwingender gemacht, aber »Belly On Full 2« ist ein weiteres Ignant-Festspiel und ich hoffe vor allem, dass gerade Pat endlich zählbar von der momentanen Trap-Manie profitiert. Lieber er als wieder einer dieser Johnny Come Latelys, die Diplo am Höhepunkt jedes Hype-Zyklusses vor seinen Karren spannt.

Vom A$AP-Hype kann man meinetwegen auch genervt sein, ich bin es nicht. Auch »Lord$ Never Worry«, das Mixtape der gesamten Meute, hat nämlich genügend Momente, die vergessen lassen, dass auch beim A$AP Mob einiges an Ausschuss produziert wird. Im MP3-Zeitalter ist das jedoch zu verschmerzen, ob nun dank Jim Jones’ supergeilem Gastspiel in Grenzdebilität oder Rockys überslicker Bumsorgie Purple Kisses.

Es mag historisch falsch sein, aber in zehn Jahren dürfte der Based God als derjenige in Erinnerung geblieben sein, der diesen ganzen Viral-Shit erfunden hat. Nun ist es schwierig, Lil B und seinem absurden Output zu folgen, aber zwischen all dem spontanen Wahnsinn findet sich alle paar Monate auch wieder ein Mixtape, das man in voller Länge hören sollte. »Based Jam« ist ein solches, ist vermutlich in den beiden Tagen entstanden als Lil B beschlossen hatte, Kevin Durant zu verfluchen und beweist, dass der Auserwählte über Sample-lastigen Kram immer noch am besten klingt. Und wer ihn nach Sachen wie dem Titeltrack immer noch als Gimmick verkennt, hat wenig bis nichts verstanden.

90% Gimmick bleibt hingegen Kreayshawn, jene Bratze also, die ihren Major Deal zu sensationell schwachbrüstigen 3900 verkauften iTunes-Downloads in der ersten Woche nutzte. Nicht, dass Verkaufszahlen im Marketingkonzept für die spätpubertäre Princess Superstar gone Förderschule die entscheidende Rolle spielen würden, aber irgendwie ist es dann doch gerecht, dass der weibliche Money Boy als YouTube-Amüsement besser funktioniert.

Orsons, Die
Das Chaos Und Die Ordnung Deluxe Edition
Island • 2012 • ab 15.74€
Auch ganz schlimm: der auf größere Kapazitäten erweiterte Gassenhauer-Pop der Orsons, deren Erfolg eigentlich ja sympathisch ist, die aber mittlerweile klingen wie eine von der FSK beauftragte Vorschüler-Version von K.I.Z.

XAVAS (Xavier Naidoo & Kool Savas)
Gespaltene Persönlichkeit
Essah Entertainment • 2012 • ab 26.99€
Sehr unangenehm ist auch »Gespaltene Persönlichkeit«, das Kollaboalbum der frisch gebackenen Eurovision Songcontest Fahnenträger Xavas, aka Naidoo und Savas. Nun will ich Xavier Naidoo nicht per se verteufeln, nach einer 4:0 Hinrichtung Argentiniens ist dessen Pathos bierselig bisweilen erträglich, aber wie er mit seinem esoterischen Kirchentagsgewurschtel auch Kool Savas zu fiesesten Gunter Gabriel Weisheiten animiert, ist schon ziemlich ekelhaft. Fehlen nur noch die Kinderchöre.

Homeboy Sandman
First Of A Living Breed
Stones Throw • 2012 • ab 16.99€
Das absolute Kontrastprogramm kann sich der Wortsportinteressierte bei Homeboy Sandman abholen. Der debütiert mit »First Of A Living Breed« auf Albumlänge auf Stones Throw und spielt nicht nur mit einer fast schon grotesken Vielfalt verschiedener Flows und Reimschemata, auch musikalisch lässt sich der Vieldenker auf keinen Stil reduzieren. Golden Era, Psych, 8Bit – you name it, he’s got it. Beeindruckend wäre ein passendes Adjektiv. Hätte er jetzt nur noch eine etwas bemerkenswertere Stimme…

Pacewon & Mr. Green
The Only Number That Matters Is Won EP
Raw Poetix • 2012 • ab 15.99€
Eine solche hat Pacewon, dessen Karriere nicht unbedingt so verlaufen ist, wie man sich das zu Outsidaz-Zeiten gewünscht hätte. Daran wird auch »The Only Number That Matters Is Won« nichts ändern, seine Zusammenarbeit mit Mr. Green, die genau so auch im Jahre 1999 hätte erscheinen können. Wäre Pacewon irgendein Newcomer würde ich das an dieser Stelle vermutlich bigott anprangern, weil Pacey Pace aber ein alter Favorit ist, geht das schon klar, vor allem, weil eine andere Ausrichtung auch einfach nicht passen würde.

Snowgoons
Snowgoons Dynasty
Switchblade • 2012 • ab 21.99€
Wie kommt es eigentlich, dass man gefühlt jeden zweiten Monat ein neues Snowgoons Album besprechen – äh – darf? Schon klar, dass die ganzen arbeitslosen Duck Downer und Babgrandeler irgendwie beschäftigt werden wollen, aber irgendjemand muss diese belanglosen Stoupe-Demos doch auch produzieren?! »Snowgoons Dynasty« ist ungefähr das zwanzigste identische Album unserer Exportschlager, dieses Mal auch direkt im Doppel-CD-Format, weil 80 Minuten Punchlines und Beats straight outta Napster-Ära scheinbar nicht reichen. Ganz ehrlich: wer braucht das?

Flying Lotus
Until The Quiet Comes Deluxe Version
Warp • 2012 • ab 29.99€
Die ganze westliche Hemisphäre braucht dafür Flying Lotus, nicht nur, weil der diesem so schal gewordenen IDM-Scheiß alle drei Jahre eine Frischzellenkur verpasst, sondern auch, weil ein neues Fly Lo-Album auch immer ein Anlass sein sollte, dass diese ganzen ach so deepen Jazzcats ihre Stolperinstrumentals einmotten und uns nicht weiter mit der zweitausendfünfhundertsten Meiso-meets-Fantastic-Vol.2-Scheiße langweilen. »Until The Quiet Comes« ist vielleicht das aufgeräumteste aller bisherigen Lotus-Alben und damit auch das im ersten Moment am wenigsten packende. Nach einigen Durchgängen offenbart sich aber erneut, warum Steven Ellison ein Ausnahmenproduzent ist. Sphärischer Space-Jazz macht Platz für die druckvolle B-Seite, das esoterische Techtelmechtel mit Frau Badu ist spätestens nach dem futuristischen Boogie-Stück »The Nightcaller« vergessen und Laura Darlington verzaubert gen Ende über den schüchternsten House-Beat des Jahres. Das mag nicht mehr ganz so viel Vorsprung haben, aber nach wie vor gilt: wenn man sich 2012 nur ein seltsames Frickelalbum für verwirrte Sonntagmittage kaufen will, dann hat das auch dieses Jahr jener Ellison produziert.

Gaslamp Killer, The
Breakthrough
Brainfeeder • 2012 • ab 8.39€
Er mag einer der meistdiskutierten DJ-Derwische sein, aber ein Ausnahmeproduzent ist Gaslamp Killer hingegen nicht. »Breakthrough« schleppt sich mit den erwarteten Psych-Tropen, schlampigen Drums und viel Fieps und Beeps ins Ziel, begeistert aber seltenst. Dafür wurde das alles schon viel zu oft in ähnlicher Form angerichtet und in der jüngsten Vergangenheit beispielsweise von Paul White und Samiyam wesentlich zwingender vorgetragen.

Mala
Mala In Cuba
Brownswood • 2012 • ab 8.79€
Den Impuls beim Stichwort »Kuba« im musikalischen Kontext die Ohren sofort mit einer halben Stunde Three 6 Mafia ausspülen zu wollen, ist immer noch den Spätfolgen von Wim Wenders Töpferkurs-Favorit Buena Vista Social Club geschuldet. Dass »Mala in Cuba« damit wenig zu tun hat, war glücklicherweise zu erwarten. Dass sich Gilles Peterson beim Anpreisen dieses Albums im besten Mary Anne Hobbs-Stil vergallopiert hat, jedoch gewissermaßen auch. »Mala in Cuba« ist definitiv nicht die Rettung Dubsteps in seiner ursprünglichen Form und auch kein visionäres Projekt. Als Teil von DMZ zu Recht als Säulenheiliger in der britischen Bass-Historie etabliert, läuft Mala hier eher auf Autopilot, obwohl oder trotz des ungewöhnlichen Ausgangsmaterials für seine 140 BPM Bass-Collagen. Zwar verzichtet er auf die mittlerweile untragbar gewordenen Wobble-Attacken der frühen Dubstep-Schule, dennoch wirkt Mala etwas ratlos, was denn diesem Genre noch hinzuzufügen ist, so man denn nicht auch auf House und Techno umsatteln will.

Dusk + Blackdown
Dasaflex
Keysound • 2012 • ab 11.87€
Eine überzeugendere Antwort auf diese Frage liefern Dusk & Blackdown, deren »Dasaflex« sich ebenfalls nicht so auf House im klassischen Sinne versteift, wie das beispielsweise im Hause Hotflush Usus geworden ist. Stattdessen hauchen sie dem, seltsamerweise seit der Trap-Manie am Stock gehenden, Genre Grime neues Leben ein, verblüffen mit einer bleepigen Burial-Kollabo und eröffnen gar mit einer traurigen Ninja Tune anno 2001 Nummer. Nicht alles unbedingt so schlüssig wie auf dem Erstling, aber sympathisch querköpfig.

LV
Sebenza
Hyperdub • 2012 • ab 7.20€
Gar nicht meine Baustelle ist »Sebenza«, die Zusammenarbeit des Hyperdub-Trios LV mit drei südafrikanischen MCs. Das klingt mir viel zu oft wie eine Ethno-Version von Spank Rock und irgendwie ist es auch befremdlich, wenn einer der afrikanischen Rapper mit dickstem Buntu-Akzent über einen billigen Kwaitro-Beat seine Comme Des Garcons-Garderobe anpreist und zwei Stücke später bekommen wir wieder Peace & Understanding-Plattitüden aufgetischt. Ne, muss nicht sein.

Silent Servant
Negative Fascination
Hospital Productions • 2012 • ab 27.99€
Dann doch lieber nihilistischer Techno. Silent Servant scheint die Auflösung des Sandwell Districts kreativ beflügelt zu haben. Nicht, dass das Kollektiv bisher dafür bekannt gewesen wäre besonders gutgelaunt auf die Zwölf zu dreschen, aber »Negative Fascination« ist nochmal eine ganze Ecke – ja – faszinierender als die letzten SD-Veröffentlichungen. Die sieben Stücke wirken alle sehr kontemplativ und um sich selbst kreisend, Tanzflächen hat Silent Servant höchstens peripher im Auge und dennoch ist das Rhythmusgerüst so stark, dass das hier ebenfalls für verbrannte Erde sorgen kann, aber nicht zwangsweise muss. Autoren-Techno nennt man sowas dann gerne, hier trifft es aber wieder mal tatsächlich den Nagel so auf den Kopf, dass man auch diese Rentnervokabel guten Gewissens reanimieren darf.

Ziggi
High time
Rock-n-Vibes • 2006 • ab 4.89€
Wer dachte, dass wäre bereits das beste Technoalbum des Monats, liegt falsch. Robert Hood, eine Legende vor dem Herrn, haut nochmal richtig einen raus. Der dritte Teil seiner Motor-Reihe ist ein 80-minütiges Techno-Epos mit soziokulturellem Überbau, Downtempo-Sequenzen, wüsten Acid-Störfeuern und diesen Flächen, wie sie nur aus der Roboter-Stadt kommen können. Völlig ohne Redundanzen auskommend und für die heutige Zeit fast schon unheimlich nach der ganz großen zweiten Welle des Hi-Tech Souls klingend. Ein Muss.

Juju & Jordash
Techno Primitivism
Dekmantel • 2012 • ab 19.99€
Silent Servant ebenfalls ausgestochen haben Juju & Jordash, deren »Deep Blue Meanies« im Club immer noch ein spirituelles Erweckungserlebnis ist. »Techno Primitivism« tischt nun ganz dick auf, die von den beiden Israelis gewohnte Musikalität wird aufs Äußerste ausgereizt, ohne uns penetrant anzuproggen. Ebenfalls auf drei LPs ausgebreitet, beweisen die Beiden, dass das durchaus funktionieren kann mit dem Albumformat und Techno. Noch ein Muss.

Nathan Fake
Steam Days
Border Community • 2012 • ab 19.99€
Ganz schön geworden ist auch die neue Nathan Fake. Die Drums sind wieder härter, die Melodien so schön wie immer und wer im ersten Drittel so oft Chicago zitiert, wie der falsche Nathan, hat mich eh eingewickelt. Erscheinen tut »Steam Days« natürlich wieder auf Border Community.

Jacob Korn
You & Me
Uncanny Valley • 2012 • ab 14.99€
Zum Kritikerliebling scheint sich derweil Jacob Korn gemausert zu haben. Die bisherigen Reaktionen auf »You & Me« waren medial bisweilen so überschwänglich, dass man entweder misstrauisch oder feucht im Schritt werden musste. Im Endeffekt ist Korns erste Langspielrille eine solide Sache, aber im Gegensatz zu einem Gros der Kollegen habe ich eher das Gefühl, dass Korns Konzept auf jedem Track mit jemandem zusammenzuarbeiten ihn kreativ eher gelähmt hat. Natürlich gibt es so auch besondere Glanzlichter, wie das mit Spezi Kuthead entstandene Cut-Up-Disco-House-Monster »Makin Love«, aber auch Belanglosigkeiten von Christopher Rau, San Soda oder Kid A.

Breakbot
By Your Side
Ed Banger • 2012 • ab 16.99€
Keinen Bock auf Herbst? Vielleicht hilft da »By Your Side«, das quietschfidele Album von Breakbot. Das eigentlich Erstaunliche ist, wie unpeinlich und mühelos der Franzose hier sowohl frühen Disco-Bombast, lockere Boogie-Nummern, als auch den geil aufgebohrten Sleaze-Rock eines Electric Light Orchestras oder der Herren Hall & Oates emuliert. Und wenn er mal nicht nach den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern klingt, hat man zumindest das Gefühl, dass Phoenix ihm über die Schultern geschaut haben. Das bisher luftigste Ed Banger Release überhaupt.

Woolfy vs Projections
The Return Of Love
Permanent Vacation • 2012 • ab 16.99€
Mehr Ned Doheny als ELO haben vermutlich Woolfy vs. Projections gehört, gleich zu Beginn begrüßt uns ein verpeilt-balearisches Yacht-Nümmerchen, welches Soft Rock nicht nur umarmt, sondern direkt behutsam penetriert. »The Return Of Love« halt. Und weil das auf Permanent Vacation erscheint, ist auch sichergestellt, dass das kein Glückstreffer war, denn auch danach schwüler Pop mit zahllosen Achtziger-Zitaten wohin man hört. Ich feier’ das.

Maria Minerva
Will Happiness Find Me
Not Not Fun • 2012 • ab 14.39€
Wieder mal die Verpeiltheit in Person ist Maria Minerva. Die Estin hat schon wieder eines dieser Lo-Fi-Kleinode aufgenommen, skizzenhaft, wild zitierend, unorthodox wie immer. »Will Happiness Find Me?« ist Psych-Rock mit Daft Punk-Zitaten, New Wave mit Frühstücks-Jingles, Nico mit Strictly Rhythm-Sozialisation. Dafür muss man sie nach wie vor gern haben, aber ich fürchte auch, dass das noch eine Weile dauert mit der Happiness, wenn man allein schon für vierzig Minuten ihrer Musik ein Nervenkostüm braucht wie Larry Bird.

xx, The
Coexist Deluxe Version
Young Turks • 2012 • ab 28.99€
Dass The xx einen Hit davon entfernt sind, an genau gleich vielen Litfasssäulen zu kleben wie die Del Rey, sollte für die Evaluation von »Coexist« keine Rolle spielen. Ein sicheres Album ist es geworden, das aus Künstlerperspektive albtraumhafte zweite. Risikofrei platziert man den Übersong direkt am Anfang, weil sich Jamie xx in den letzten Jahren elektronisch genügend ausgetobt hat, ist man noch stiller geworden und wenn man damit nicht für 74,45 Prozent deutscher Pärchen zwischen 20 und 30 den perfekten Rotwein-Soundtrack geschrieben hat, verstehe ich nichts vom Geschäft. Weil: mich haben sie damit auch wieder gekriegt, verdammt.

How To Dress Well
Total Loss Deluxe Version
Domino • 2012 • ab 19.54€
Selbstbewusster ist hingegen How To Dress Well geworden, was dazu führt, dass »Total Loss« endlich das Album geworden ist, zu dem der Vorgänger zwar bereits hochgejazzt wurde, de facto aber nicht wahr. Die Melodien sind nicht mehr so fragil, die Stimme bleibt brüchig, aber ist nun tatsächlich ausdrucksstark und selbst das Aaliyah-Cover »Running Back« wirkt nicht wie ein billiger Hipster-Gimmick. Das ist nun tatsächlich entsexualisierter, postmoderner R&B, der in seiner Verletzbarkeit und Desillusionierung womöglich irritiert, aber eine sinnvolle, enttestosteronisierte Ergänzung zum Kraftmeiertum von The Weeknd und dem in all seiner Verletzlichkeit trotzdem unantastbar maskulin bleibenden The-Dream ist.

Raveonettes, The
Observator
Beat Dies • 2012 • ab 18.99€
Warum ich immer noch auf die Raveonettes stehe, obwohl auch die alle 18 Monate das selbe Album aufnehmen? Ich weiß es nicht, aber auch »Observator« liegt bereits wieder im Warenkorb. Suck it!

Dinosaur Jr
I Bet On Sky
Pias • 2012 • ab 16.99€
Für J. Mascis muss sich sicher keiner entschuldigen, der hat seit Urzeiten den Stempel »Geile Sau« auf der Stirn. Den trägt er auch auf »I Bet On Sky«, dem mittlerweile dritten Dinosaur Jr Album nach der großen Reunion, stolz spazieren und wenn ein Gitarren-Verweigerer wie ich nichts gegen Midtempo-Rock-Songs zu sagen hat, dann müssen diese einfach gut sein. Warum ich manchmal trotzdem kurz an Eddie Vedder denken muss, ist eine solch exorbitant dämliche Bemerkung, dass ich an dieser Stelle wieder vier Wochen schweigen sollte.