Aigners Inventur – September 2014

24.09.2014
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Aphex Twin, Sinkane, Roman Flügel und Mick Jenkins.
Aphex Twin
Syro
Warp • 2014 • ab 35.99€
Es gibt ein neues Album von Aphex Twin und erwartungsgemäß verfällt das Web in Hysterie. Die Leistungen von Richard D. James für seltsame Tanzmusik sind längst kanonisiert, jeder neue Takt mehr Risiko für sein religiös Œuvre denn kluge Entscheidung. Man muss zwar fairerweise gestehen, dass er sich mit seiner richtungsweisenden Idiosynkrasie noch apologetischere Fans erzogen hat als Thom Yorke, aber ey: »Syro« ist eine Sensation. Natürlich. Weil keiner so klingt wie er. Weil, wenn sich Aphex Twin entscheidet House zu machen, das immer direkt Viervierteltakte für die Ewigkeit sind. Weil er auch bei 155 bpm, achtfach gelagerten Basslines und 14 Rhythmuswechseln in fünf Minuten Melodiefragmente unterbringt, die den Terror meistern und weil das alles gleichzeitig nach 1997 und 2047 klingt. Und weil die Streber wieder einen Monolith haben, den sie mindestens so lange dekonstruieren können.

Schade, dass deswegen die Aufmerksamkeit für das neue Album von Lee Gamble etwas zu leiden scheint, hat der auf »KOCH« nämlich nicht nur sein Faible für kleinteilig arrangierte, zickige Noise-Drones in Perfektion ausgelebt, sondern auch einige der wunderschön understatedsten Gespenster-House-Tracks des Jahres in diese zähe Ölplörre von einem Album gemischt. Dem fällt das gerade alles zu, das hört man, das ist toll.

Ital
Endgame
Planet Mu • 2014 • ab 14.99€
Ebenfalls ein Karriere-Highlight darf Ital vermelden, der sich scheinbar endlich von der eigenen Kunstprätention lösen konnte und Techno Techno sein lassen kann. Klar, die Sozialisierung in der Noise-Szene, der Williamsburg-Habitus, das schlägt natürlich hier immer noch mehr durch als auf einer humorfreien Frozen Border Platte, aber mit »Endgame« schafft es Ital seit »Culture Clubs« endlich mal wieder frei und gleichzeitig wild entschlossen zu wirken.

Vessel
Punish, Honey
Tri Angle • 2014 • ab 21.99€
Auch was auf Vessels neuem Album passiert erfreut, insbesondere an einem Montagmorgen, an dem es selbst um 8 Uhr morgens partout nicht hell werden will. Bevor ich mir von der dystopischen Atmosphäre auf »Punish Honey« jedoch Terpentin in den Espresso gieße, zieht Vessel gen Ende des Albums mit »DPM« noch einmal entschieden an und bewirbt sich für den Soundtrack zu »Die Hard 5«, gesetzt den Fall David Lynch würde sich der Franchise annehmen. Für das zuvor gehörte könnte man Schubladen aufmachen, auf Tri Angle verweisen, die Morastigkeit von Andy Stott erwähnen, aber wer nach der Terpentin-Analogie nicht bereits zum nächsten Abschnitt gesprungen ist, weiß das ohnehin schon.

Christopher Willits
Opening
Ghostly International • 2014 • ab 16.99€
Um die Wohnung verlassen zu können, ohne mich alle drei Sekunden paranoid nach Kot riechenden Androiden umdrehen zu müssen, bietet sich im Anschluss Christopher Willits Album auf Ghostly International an, der dronet und ambientet auf »Opening« wunderschön vor sich her, streift dabei eher Monolake und John Beltran als Brian Eno und ist mir allein schon deswegen sehr willkommen, weil er keiner dieser dogmatischen Drum-Verweigerer ist. Die lassen solche Sachen ja dann gerne mal Richtung Fangopackungs-Schauerlichkeit kippen.

Sinoia Caves
OST Beyond The Black Rainbow
Jagjaguwar • 2014 • ab 22.99€
Ob Sinoia Caves’ jetzt auf Vinyl erschienener Soundtrack für den visuell überwältigenden kanadischen Sci-Fi-Horrorstreifen »Beyond The Black Rainbow« wirklich so großartig ist wie ich das empfinde, ist schwer zu sagen, weil ich völlig unfähig bin die Musik ohne diese ungeheuer liebevoll inszenierte Hommage an die krude, konspirative 80s-C-Movie-Tradition zu hören, aber ich bilde mir zumindest ein, dass dieser OST tatsächlich auch für sich stehen könnte, ohne zu langweilen, u.a. weil hier zwar zitiert wird, von Carpenter (klar) über Goblin (eh klar) bis Jan Hammer (semi-klar), all das aber in seinem bewusst transparenten Umgang mit den Inspirationsquellen tatsächlich sehr eigenständig wird. Oh und viel wichtiger noch: den Film gucken, nicht nur wegen der Designer-Stühle und dem Netzer-Scheitel

Roman Flügel
Happiness Is Happening
Dial • 2014 • ab 20.99€
Wer noch nach Vorbildern für Ü-40er-Lebensentwürfe jenseits von Baumarkt und Kindertagesstätte sucht, kann »Happiness Is Happening« gerne als Blaupause benutzen. Der ewige Endzwanziger Roman Flügel ist auch hier wieder State Of The Art, sein House bleibt unvorhersehbar und im Herzen fragil, aber auch so kraftvoll, dass er sich deutlich von der klassischen Dial-Schule abhebt. Eine Institution.

Simian Mobile Disco
Whorl
Anti • 2014 • ab 27.41€
Ich bin mir sicher, dass es die Simian Mobile Disco in den letzten Jahren leichter gehabt hätte, wenn man nicht mit der Hypothek polternden Nu-Raves und der Assoziation, dass Abiturienten immer noch zu »We Are Your Friends« Looping Louie und Jim Beam mischen, kämpfen müsste. Aber gut, Mitleid für Erfolg ist viel zu Walter Ulbricht, um diesen Gedankengang ernsthaft weiterzuspinnen. Stattdessen fällt auf, dass James Ford und Jas Shaw in ihrem langen Kampf um Hard Wax Akzeptanz neue Wege gehen. Funktional ist auf »Whorl« weniges, stattdessen haben sich die beiden blassen Engländer noch tiefer in Synth-Nerdtum verstrickt und teilweise wirklich bemerkenswerte Melodien kreiert. Wirklich mitreißend ist das selten, aber Respekt für ein ungebrochenes emanzipatorisches Sendungsbewusstsein.

The Juan MacLean
In A Dream Colored Vinyl Edition
DFA • 2014 • ab 37.99€
Arg verschreckt hat mich gleich zu Beginn hingegen Juan MacLean, der direkt Munich Machine Mucker-Disco mit fiesen Gitarrenriffs paart und im Anschluss versucht mich mit den üblichen DFA-Strategien wieder einzufangen. Es morodert dann, Gary Numan wrestlet mit Madonna, aber was ist nur aus dem »Happy House« geworden, das mich einst zum Fan machte? Komische Entwicklung, aber aufgepumpte Nu-Disco ist ja jetzt auch schon wieder so lange her, dass James Murphy wohl Juan MacLean auserkoren hat die ersten 40 DFA-Katalognummern zu entstauben.

Sinkane
Mean Love Purple Vinyl Edition
City Slang • 2014 • ab 17.99€
Bevor genau dort Sinkane erneut ein Album veröffentlichen wird, schiebt der Caribou-Tour-Sidekick auf City Slang noch ein Album ein, auf dem er diese Art von hyperinformiertem Pop macht, der schon Toro Y Moi dabei geholfen hat, bei Pete Rock Stalinisten, Fela Kuti Esoterikern und existentialistischen Germanistikstudentinnen gleichermaßen zu landen. Es orgelt, es slapbasst, es bläst als hätten es Cymande ins neue Jahrtausend geschafft und irgendwie fällt mir nicht mal ein Grund ein warum das etwas schlechtes sein sollte.

Basement Jaxx
Junto
Atlanticjaxx • 2014 • ab 15.99€
Es ist soweit. Das passendste Adjektiv für Basement Jaxx im Jahr 2014 ist »langweilig«. Das schmerzt, das war vor zehn Jahren undenkbar und zumindest vor fünf noch weit genug weg. Na klar, man windet sich gut gelaunt durch allerlei Stile, da ist das Soca-Zitat, dort die Chic-Bassline, aber so sehr die Einsicht schmerzt: in Rente gehen ist eine legitime Option, die Herren. Oder vielleicht Yoga, falls das gegen Rheuma hilft.

Banks
Goddess
Harvest • 2014 • ab 11.99€
Auch ein Problem hat Banks. Weil deren Album gut sechs Wochen nach dem Erstling von FKA Twigs erscheint und alles was Banks tut, daneben unglaublich redundant wirkt. Nun ist die Amerikanerin fairerweise für Lana del Rey-Teenies ohnehin interessanter als für den narzisstischen FKA Twigs-Versteher mit der Weltformel im Kopf, aber es fällt dennoch auf, dass man für diese Art der modernen, entschleunigt-düsteren R&B-Interpretation mehr als einen veritablen Hit benötigt, um musikalisch relevant zu bleiben. Zu schnell hat Drake in der Zwischenzeit den nächsten 16er auf das nächste Sensatiönchen gepresst, zu flink ist A$AP Rocky im Feature-Geschäft. Ich gebe ihr noch zwei Jahre. Oder Eins Live Dauerrotation.

Wiz Khalifa
Blacc Hollywood
Atlantic • 2014 • ab 17.99€
Weil diesen Monat ja Aphex Twin-Schreine gebaut werden mussten, kommen wir erst am Ende zu Sprechgesang, wäre auch seltsam gewesen von »Syro« direkt zu Wiz Khalifa und dessen wunderbar einfachen Welt überzuleiten. »Blacc Hollywood« beinhaltet ungefähr so viele gehaltvolle Zeilen wie eine Folge die Geissens, aber es wäre auch seltsam wenn Wiz Khalifa eingeklemmt in Ambers Popospalte auf einmal beginnen würde sich die Gretchenfrage zu stellen. Doof nur, dass die hier relevantesten Verkaufsargumente (Beats, Gäste) ebenfalls nicht sonderlich überzeugen.

Dass sich auch DJ Mustard nicht nachhaltig für ein Panel-Referat über Jürgen Habermas aufgedrängt hat, lässt sich immer noch am schönsten in diesem tollen Beitrag der Kollegen von FACT nachvollziehen, dass der gemütliche Dicke aber mit ein und demselben Beat für etwa 75 der letzten 100 Raphits verantwortlich war, würde Lex Luger und Swizz Beatz fast so glücklich machen wie mich. »10 Summers« heißt sein temporär frei verfüggbares Album, auf dem er eben diesen (Mustard on the) Beat (Ho) noch ein Dutzendmal von Hochkarätern und Grünzeugschleppern berappen lässt. Auf Albumlänge natürlich irgendwann gaga, aber eine Viertelstunde Spaß kann man damit schon haben, Ho!

Derartige Selbstgenügsamkeit ist »The Water(s)« fremd. Im Gegenteil, Mick Jenkins schuldet Organized Noise und Kendrick Lamar weit mehr als Chief Keef und Lil Durk und Chicago ist und bleibt der musikalisch unvorhersehbarste Fleck in der Rap-Landschaft. Deep ist das, rhetorisch verspielt, aber nie unsexy. Und als Mixtape bereits ambitionierter als die gesamte Diskographie vieler Kollegen.

Wäre er nicht so angewidert von so viel Weicheiertum, ich würde Jeezy an dieser Stelle mein Beileid ob seiner Zukunftsplanung aussprechen und ihm sagen, dass er in meiner offiziellen Schneemännerliste gar nicht so weit hinter Raekwon und den beiden Thorntons rangiert. Er würde irgendwas grummeln, von wegen »Seen it all«, «Been Getting Money« und »Fuck The World«, um sich dann mit einem zischenden »Win Is A Win« (sic) hinter schwedische Gardinen zu verabschieden. Ob er auch schon nach einem Zehntel seiner Strafe Freigang wegen guter Führung bekommt wie Thug-Ikone U. Hoeneß?