C.A.R. sind nicht die neuen CAN, sie haben ihren ganz eigenen Drive

26.02.2024
Foto:© Frederike Wetzels (Bimba)
C.A.R haben auf die akademischen Regeln des europäischen Jazz’ keine Lust. Dafür umso mehr auf Gäste aus anderen musikalischen Bereichen. So sind sie mit ihrem neuen Album für alle sichtbar geworden, was sie eigentlich immer schon waren: ein Transportmittel.

Der Name der Band kann auch im dreizehnten Jahr ihres Bestehens nicht wirklich aufgelöst werden, doch C.A.R. sind ihrem Bandnamen seit einigen Wochen so nah wie nie. Stand lange vor allen Dingen eine nicht zu leugnende Nähe zur Kölner Monumental-Kraut-Band CAN im Vordergrund – so schien es jedenfalls -, ist das Quartett mittlerweile zum Vehikel geworden.

Eine Entwicklung die den vier Musikern extrem gut steht, entspricht er doch dem Bedürfnis der Band beweglich zu bleiben, sich von längst eroberten (Allgemein-)Plätzen entfernen zu können, ihre Musik woanders hinzulenken.


Ende 2023 erschien »Gästeliste«, ihr mittlerweile fünftes Album, und man hört gleich die Bitte einzusteigen. Dem Angebot zur Teilnahme und Teilhabe sind drei Musiker:innen gefolgt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die dennoch im Zusammenhang dieser LP kohärent verbunden werden. Das Lob hierfür gebührt den vier Herren, die die Stammcrew dieses Taxi-haften Wagens darstellen: Johannes Klingebiel, Kenn Hartwig, Christian Lorenzen und Leonhard Huhn.

Allesamt ehemalige Absolventen der Kölner Hochschule für Musik und Tanz, verabschiedeten sie sich, graduell unterschiedlich stark, schon während des Studiums von den dort gepriesenen Jazz-Entwürfen. Klingebiel, der sich seit jeher auch in den Gefilden der elektronischen Tanzmusik rumtreibt, selbst auflegt oder produziert, verschiedene Labels gegründet hat und mittlerweile in Berlin lebt, ist ursprünglich Drummer – und entwickelte bereits früh eine Abneigung gegenüber Jazz-Diktaten: Keine Lust auf die strengen (und natürlich willkürlichen) Kriterien, was guter Jazz sei – zumindest nach europäisch-akademischer Denke – und dem ewig gleichen Muster, dass »da die Band den Grund legt und einer kommt, um ein Solo drüberzunageln«.

Nichts ist unmöglich


Zum Diplomkonzert suchten er und der Bassist Hartwig – heute Betreiber des Jazz-Non-Jazz-Labels Anunaki Tabla – Begleitung und fanden sie im Saxofonisten Leonhard Huhn und dem Pianisten/Key-Jongleur Christian Lorenzen. Doch statt auseinanderzugehen, blieb die Band bestehen. Man verband sich im Jam und erfand so einen idiomatischen Sound, der verschiedene Einflüsse zusammenbringt, ohne sich je fundamental in einem zu verlieren: Mal sind die Kraut-Einflüsse präsenter, dann schiebt sich ein zivilisations-romantischer Sound in den Vordergrund, der eine gewisse Nähe zu Bohren & der Club of Gore nicht verhehlen kann. Gleichzeitig bewahren sie eine traumhafte Transparenz, die mit ihren Instrumenten (Synths, Bass, Drums – gerne auch elektronisch-digital – und Saxofon) elastisch durch die Stücke cruisen. Um das Auto-Bild vom Anfang nochmal zu bemühen.

Was wiederum ein willkommener Übergang zum neuen Album darstellt, wo sich auf dem Opener die Sängerin Pegelia Gold auf dem Beifahrersitz das Mikro nimmt und dem glocken-basiertem Stück ihren Stempel aufdrückt. In vorsichtigen, fast schon gehauchten Phrasen, steuert sie durch die Hook-Line. »Pegelia und Niklas Wandt, der sich dann auf ›Major Step in Your Career‹ widerfindet, schwirrten schon länger in unserem musikalischen Umfeld herum und wir fanden immer toll, was die machen«, schreibt die Band. Und weiter: »Da ergab sich fast von selbst, als wir auf die Idee kamen eine Platte mit Gästen zu machen.«

Die Band selbst bildete die Klammer, die alles zusammenhielt und dennoch viel Platz für die charakteristischen Herangehensweisen der Gastmusiker:innen bot.

Max Loderbauer gesellte sich hinzu, als man sich in der Studioküche kennenlernte: »Max haben wir während unserer Aufnahmen vom Vorgänger ›Any Percent‹ im Berliner Candy Bomber Studio kennengelernt, er ist dort Studio-Nachbar und man hatte direkt einen guten Vibe«. Die außerweltliche Stimme Golds, der Percussion-zentrierte Ansatz des Jazz- und Wave-Nerds Wandt und der eher elektro-avantgardistische-kompositorische Klang für den Loderbauer steht, brauchten für C.A.R. gar nicht kohärent zusammenpassen. Die Band selbst bildete die Klammer, die alles zusammenhielt und dennoch viel Platz für die charakteristischen Herangehensweisen der Gastmusiker*innen bot.

So kann man ohne große Probleme die variierenden Ansätze erkennen, ohne dass das Album zu zerreißen droht. Ganz im Gegenteil: Die längst bewiesene Qualität dieser manchmal etwas übersehenen Band aus Köln (und Berlin) ist ihre elegante Elastizität, ihr höchsteigener Drive. Sound an, Musik ab, Kupplung leicht kommen lassen – dann rollt das Ding.