Belgien ist klein, aber auch nicht. Zwar lässt sich das Land in weniger als vier Stunden durchqueren, der Weg führt aber immer durch viele unterschiedliche sprachliche, kulturelle und soziale Kontexte. Außerdem kann der kleine Staat auf eine ausladende Musikgeschichte zurückblicken, die weit mehr umfasst als New Beat. Für die Jugend, die auf beiden Seiten der Jahrtausendwende in der deutschsprachigen Region im Osten aufwuchs, war Rave wichtig, sagt Michael Kreitz: »Die empfundene totale Identitätslosigkeit in den 1990er- und 2000er-Jahren ließ elektronische Musik und die dazugehörigen Codes, Rituale und Umgangsformen extrem rebellisch und sinn- beziehungsweise identitätsstiftend wirken.«
Kreitz wurde selbst zur Stifterfigur, zunächst als Mitglied der Crew »Klangforschung Ost« und als Booker des elektronischen Line-Ups des Festivals Alives, für das er Techno-Größen wie Robert Hood oder IDM-Ikonen wie µ-Ziq auf die Nebenbühnen von deutschen Nu-Metal-Bands platzierte. Nach der Einstellung des Festivals beschloss er, sich auf sein Studium zu konzentrieren und zog 2003 nach Brüssel. Dort lernte er den Deutschbelgier Christophe Houyon kennen und zog schließlich mit ihm zusammen. Es dauerte nicht lange, bis die Zweier-WG eine Veranstaltungsreihe gründete, die geradlinige Clubmusik mit randständiger Elektronik zusammenbrachte: Meakusma war geboren.
Auf Anraten von Ampoule-Betreiber Pub feierte Meakusma im Jahr 2008 mit einer DVD beziehungsweise einer Vinyl-Trilogie, auf der unter anderem Roger23, Terrence Dixon oder Move D & Benjamin Brunn vertreten waren, den Auftakt als Label. Rüts markierte den Startschuss für eine Institution, die unberechenbar werden sollte. Outsider-House-Tunes von Madteo, jenseitige Jam-Electronics von Georgia und der melancholische Left-Field-Dance-Pop von Different Fountains prägten die ersten Jahre. 2016 gesellte sich ein dreitägiges Festival im verschlafenen Eupen dazu. Laut Kreitz ein logischer Schritt nach über einem Jahrzehnt als Veranstalter.
Schwer vorherzusagen
Mit seinen in jeder Hinsicht üppigen Line-ups zog das Meakusma bald ein bunt gemischtes, internationales Publikum an, während sich das Kernteam erweiterte. Kreitz und Houyon übernehmen von der Kuration über die Verwaltung bis hin zur Produktion zentrale Aufgaben, unterstützt werden sie von Rafael Severi und Michael Leuffen als Redakteure des festivaleigenen Magazins, von David Langela beim Förderantragschreiben sowie zukünftig verstärkt von Monita Wagma, die Projekte im Zusammenhang mit Studio Néau leiten wird – der Radiosender, über den die Crew seit den späten 2010er-Jahren von Eupen in die Welt funkt. Aus der Graswurzelinitiative wurde ein kleines DIY-Imperium.

Clairvoyant Dimensions

Tornamented Walls

Halcyon Future

Stakes
Die Motivation ist dieselbe geblieben: Kreitz spricht von der »Lust, Musik die man entdeckt hat, auf die eine oder andere Art zu teilen«. Das Netzwerk besteht aus vielen Fäden, aber findet sich auf der Label-Seite auch ein roter? Was haben der minimalistische Post-Rock von Tomaga, Viola Kleins organischer House-Sound, der dubbige Industrial von Joachim Nordwalls Projekt The Idealist oder die jüngsten Ausflüge in schrägen Pop wie auf Radio Hitos neuem Album musikalisch gemein? »Es gibt keine festen Kriterien oder einen einheitlichen Sound. Wichtig ist uns aber eine gewisse klangliche Wärme selbst bei eher rauer oder experimenteller Musik«, erklärt Kreitz.
Die Vielfalt des Label-Katalogs, stellt er weiter klar, sei nicht als Widerspruch zu begreifen – sondern als Teil der Meakusma-Identität. Das umfasst neben Techno- und House-Veröffentlichungen, einer guten Schippe Dub und viel analoger Elektronik dann unter anderem auch eine Zusammenarbeit mit Soundway für ein ganz besonderes Projekt: Eine Neuauflage des selbstbetitelten Albums der von Feli Kuti gelobten Jazz-Funk-Band Hedzoleh aus dem Jahr 1973. Kreitz war mit dem Sohn von Bandleader Stanley Todd in der belgischen Kleinstadt Bütgenbach aufgewachsen, nachdem der Musiker Ghana aufgrund der politischen Situation im Land verlassen hatte.
Das liebevolle Reissue-Projekt wurde von einem Remix-Paket mit Beiträgen von Mark Ernestus, Jimi Tenor, Gavsbourg von Equiknoxx und Waltraud Blischke begleitet und würdigte so zwanzig Jahre nach ihrem Tod eine herausragende, aber doch in Vergessenheit geratene Persönlichkeit der ostbelgischen Musikgeschichte. So überraschend die Veröffentlichung auch gekommen sein mag, so repräsentiert sie doch fast am eindringlichsten die Philosophie eines Labels, deren Gründer auf dem Dancefloor nach einer Identität suchten, sie an seinen Rändern fanden und in einem geografisch kleinen, kulturell aber ausgesprochen diversen Land werkeln und wirken.
Ob als Veranstaltungsreihe oder Festival, mit dem Radioprogramm, einem Magazin und nicht zuletzt dem Label ist Meakusma vieles zugleich – und steht vor allem im steten Dialog mit der Welt um sich herum. Weil das Festival diesen September nach einem Sabbatjahr wiederkehrt, wird das Label es in absehbarer Zukunft etwas ruhiger angehen lassen. Mit weiteren Überraschungen ist aber auch in Zukunft zu rechnen.