Jahresrückblick 2011 – Die 50 Alben des Jahres (Teil 1)

21.12.2011
Was hatte 2011 musikalisch zu bieten? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir uns einem selbstauferlegten Stresstest unterzogen und auch eine eigene Ratingagentur gegründet, um __die__ 50 Alben des Jahres zu sondieren.
Und wieder ist ein Jahr vorbei. Und was für ein ereignisreiches! Es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf diesem Planeten etwas mit hohem Nachrichtenwert geschehen ist: »arabischer Frühling«, »Fukushima«, »Euro-Krise«, »Utøya« und »Lüttich«, »Stuttgart21« um nur ein paar Schlagworte zu nennen. Doch was hatte das Jahr musikalisch zu bieten? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir uns in den letzten Wochen einem selbstauferlegten Stresstest unterzogen und sogleich eine eigene Ratingagentur gegründet, um die 50 Alben des Jahres zu sondieren. Es sollte uns auch ohne zu »hebeln« und ganz ohne Rettungsschirm gelingen. So machte uns Elzhi den Karl-Theodor zu Guttenberg, allerdings ohne seine Quellen zu leugnen. Panda Bear trotzt der »Retromania« und macht nicht aus altem alt, sondern weiterhin aus altem neu. Erste »Schoßgebete« gab’s von The Weeknd und und und. Na dann viel Spaß beim Stöbern.

2562
Fever
When In Doubt • 2011 • ab 16.99€
) Auf Fever kondensiert 2562 mal eben 45 Jahre Dance Music-Geschichte. Der Niederländer zitiert Funk und Disco, House und Techno, Breakbeats und Drills, ohne aber jemals die Kinder direkt beim Namen zu nennen. Hier offenbart sich die Essenz der Kunst. Allein der Opener ist mit seinen Maschinengewehrsalven an Groove das Album wert. (Jens Pacholsky)

Africa Hitech (Mark Pritchard & Steve Spacek)
93 Million Miles
Warp • 2011 • ab 11.96€
Mit ihrer Hochgeschwindigkeits-Bassmusik schafften Africa Hitech in diesem Frühjahr, wovon Musiker träumen: Sie ernteten nicht nur Begeisterungsstürme und viel Lob, sondern auch Kritik und Unverständnis. Das Projekt von Mark Pritchard und Steve Spacek eckte an und ihr Album 93 Million Miles wurde kontrovers diskutiert. Doch diese Bass-Salven und Garage-Geschosse, die das Duo auf seine Zuhörer losfeuert, trafen zumindest bei mir direkt ins musikalische Herz und lassen es seither pumpen. (Patrick Cavaleiro)

Andy Stott
Passed Me By / We Stay Together
Love • 2011 • ab 18.99€
Niemand hat in diesem Jahr Gewalt musikalisch so abstrakt dargestellt wie Andy Stott mit Passed Me By. Wie hier Techno, House und Dub zerstückelt und in ein dunkles, schwer greifbares Gemisch gefiltert werden ist sagenhaft. Das alles ist brutal herunterziehend und erdrückend und trotzdem lassen einen die sieben Songs euphorisiert zurück – schlicht ob der schieren Genialität die man aufsaugen durfte. Hier werden trocken die 2011er Post-Step-Entwicklungen ignoriert. Vielleicht klingt Passed Me By gerade deshalb so »Avantgarde«. (Philipp Kunze)

Kosmische Musik trifft Harlem’s wasted youth. Ein 23-jähriger Physiotherapeut aus Nutley, New Jersey und die »Uh…Bass…Uh«-Hookline haben das Jahr gerettet. Alle lieben Clams Casinos New-Age-Baps, völlig zurecht – um so schöner, dass er ein paar davon für den jungen Harlemite mit dem Houston-Slang reserviert hat. Trillwave hin oder her, A$AP Rockys Codein-saure, ständig zwischen Euphorie und Depression pendelnden Geschichten von Paranoia und Purple Swag auf Live Love A$AP waren neben Kendrick Lamar das Beste, was es dieses Jahr NICHT in deinem Plattenladen zu erstehen gab. Sollte dringend noch jemand ändern. (Julian Brimmers)

Apollo Brown
Clouds
Mello Music Group • 2011 • ab 14.99€
) Unter den Produzenten zahlreicher Instrumental-Alben stach Apollo Brown dieses Jahr besonders heraus. Mit Clouds bewies er das man auch ohne verrückte Spielereien und Experimente zeitgemäße HipHop-Beats basteln kann. Gut gepickte Samples und kraftvolle Drums bilden dieses harmonische Album das weder anstrengend noch langweilig ist. Apollo Browns Fahigkeiten den richtigen Beat zu finden, zeigten sich auch auf The Gas Mask seiner Rap-Gruppe The Left. (Tony Kunstmann)

BNJMN
Plastic World
Direct Current • 2011 • ab 12.99€
Er ist jung, scheuklappenfrei, denkt nicht in Funktionalitätskategorien, hört (momentan) auf den Namen Bnjmn und hat mit Plastic World Ende Februar ein Album veröffentlicht, das bei mir in einer Spektakelschublade mit Actress’ letztjährigem Splazsh abgelegt wurde. Unfassbar krude und ungebürstete Track-Entwürfe, die sich nie entscheiden wollen zwischen House, Techno, Electro, IDM und UK-Post-wasweißich. Gleichzeitig war Plastic World der Auftakt eines äußerst produktiven Jahres des jungen Wilden, das er erst vor kurzem mit einem ebenfalls großartigen zweiten Album krönte. (Florian Aigner)

Bon Iver
Bon Iver
4AD • 2011 • ab 23.99€
) Die Landflucht im neuen Folk war in diesem Jahr schon irgendwie ein großes Thema. Die Transformation des Hipsters vom halbironisierten Schnurrbartträgerdandy zum vollbärtigen Holzfäller im Karohemd wurde begleitet von Musik der Mumford & Sons, William Fitzsimmons oder eben Bon Iver. Der war ja im vergangen Jahr durch den swaggalicous Schulterschluss mit Großmeister Kanye West ein ganzes Eckchen cooler geworden. Mit seinem selbstbetitelten dritten Album machte Justin Vernon in diesem Jahr dann den Sack zu, schulterte ihn und nahm eine ganze Generation an twenty-somethings mit raus auf’s Land. Herrlich verhuschte Musik zum Alleinsein und kollektivem Club Mate-Trinken während des Wochenendtrips ins Brandenburger Umland. Aber ganz im Ernst: Ein unfassbares Album! Egal ob man das jetzt Englisch oder Französisch ausspricht – diese Musik versteht jeder. (Jan Wehn)

Casper
XOXO
Four Music • 2011 • ab 4.99€
) Rap aus Deutschland geht es wieder gut, sehr sogar. Und das v.a. ganz ohne Knarren, Schwänze und Drogen. Gezeigt hat das in diesem Jahr Casper mit seinem zweiten Album XOXO. Post-Hop, wie er musikalischer, ehrlicher und innovativer kaum sein kann. Irgendwo zwischen Explosions In The Sky, The xx, Drake, Two Door Cinema Club und How To Dress Well. Klingt exakt so, wie sich das hier liest – was durchaus als Kompliment zu verstehen ist. Ein mutiger, sehr großer und deutschen Rap für immer verändernden Wurf. (Jan Wehn)

Charles Bradley
No Time for Dreaming
Dunham • 2010 • ab 13.99€
) Die Menahan Street Band, bekannt für raue Melodien und Grooves, trifft auf einen der letzten authentischen Zeitzeugen der originalen Soul-Ära, Charles Bradley. Wie auch auf ihrem Debüt, Make the Road by Walking, erschafft die Band auf No Time for Dreaming ihren ganz eigenständigen Sound und wird von Bradley, dessen Leid geplagtes Leben in jeder Silbe mitschwingt, um die nötige Authentizität erweitert. Wer sich mit der Biografie des 62-jährigen Bradley beschäftigt hat, weiß, dass hier eine reife Stimme die volle Tragik des Soul transportiert, was das Album zu etwas Besonderem macht. (Florian Triesch)

Clams Casino
Instrumentals
Type • 2011 • ab 20.99€
Wer sich in letzter Zeit mal die Mühe gemacht hat, die Production-Credits der Internetsensationen Lil B und A$AP Rocky zu checken, dürfte bereits über den Namen Clams Casino gestolpert sein. Das YouTube-sozialisierte Jersey Kid verschenkte im ersten Quartal ein pragmatisch Instrumental Mixtape tituliertes – äh – Mixtape, welches ein Gros seiner Produktionen für Lil B und Soulja Boy, sowie unveröffentlichte Instrumentals enthält. Unfassbar eigentlich wie dieser Pisser aus blechernen YouTube-Samples, ungemasterten Drums und jeder Menge Zeitlupen-Pathos völlig mühelos einen Gänsehaut-Beat nach dem anderen fabriziert und in den folgenden Monaten die Nische Cloud Rap im Alleingang dominieren sollte, unter anderem mit seiner Arbeit für A$AP Rockys erstes Mixtape. (Florian Aigner)

Com Truise
Galactic Melt
Ghostly International • 2011 • ab 24.99€
) In die Ära von C-64, Rubik’s Cube und RoboCop katapultierte uns Seth Haley aka Com Truise Mitte des Jahres mit dem Konzeptalbum Galactic Melt, da es klingt, wie der Soundtrack eines Science-Fiction-Streifens aus den Achtzigern. Warme, sphärische Synthie-flächen, immer hauchdünn vom Kitsch entfernt, treffen auf knusprige Drums und versprühen zwangsläufig den Charme damaliger Vangelis- oder Moroder-Produktionen, denen Haley unbestritten Tribut zollt. Ein nostalgischer Instrumental-Trip mit entsprechenden Referenzpunkten, mit dem gewiss nicht nur Achtziger-Babys ihren Spaß haben. (Benjamin Mächler)

Dillon
This Silence Kills
BPitch • 2011 • ab 18.99€
) Einige Jahre nach dem Hype um ihre erst EP, veröffentlichte Dillon mit This Silence Kills in diesem Jahr ihr Debütalbum und zeigt warum das Reifen und Sammeln sich gelohnt hat. Ganz anders als noch bei ihrem Mini-Hit Contact Us, ignoriert Dillon diesmal die Frage nach der Clubtauglichkeit und lässt ihre Stimme und ihre Worte den Beat vorgeben. Heraus kam eine leise, pianolastige Platte, auf der es der Sängerin trotz Lykke-Li-Verwandschaft gelingt, einen eigenen Stil herauszuarbeiten. This Silence Kills ist eine ehrliche, elektronische Platte, die darunter mehr versteht als den Einsatz elektronischer Sounds und Effekte. (John Luas)

Drake
Take Care
Cash Money • 2011 • ab 10.25€
) Post-Hop, die Zweite. Drake, der smarteste und empathischste Mutterficker des US-Rap, gesegnet mit Gentlemanattitüde und Hans-Dampf-in-allen-Gassen-Mentalität gleichermaßen, setzte in diesem Herbst noch einen auf seinen Erstling Thank Me Later drauf. Take Care, dieser behutsame Ratschlag, tönte dann eigentlich so, wie jeder Drizzy-Song: ein bisschen selbstzweiflerisch, trotzdem mit der nötigen Portion Eier – und immer ganz toll großartig auf Augenhöhe mit dem Hörer – selbstverständlich gerappt über samtig-futuristische R’n’B-Kuscheleien und durchgedrehte Hipster-Produktionen gleichermaßen. (Jan Wehn)

Elzhi
Elmatic
The JAE B. Group • 2011 • ab 28.99€
) Klassiker covern ist kein leichtes Unterfangen, schon gar nicht ein Werk wie Nas’ Illmatic. Doch das Slum Village-Mitglied Elzhi meisterte diese Aufgabe hervorragend. Zusammen mit der Band Will Sessions liefert Elmatic Neuinterpretationen der zehn Beats mit frischen Reimen. Ohne abgestumpft zu wirken, hob sich dieses Album von jedem anderen Hype des Jahres ab und zeigt nebenbei das Nas’ zeitloses 94er Debüt nachwievor seinem Ruf gerecht wird. (Tony Kunstmann)

Charles Bradley
No Time for Dreaming
Dunham • 2010 • ab 13.99€
Falty DL
You Stand Uncertain
Planet Mu • 2011 • ab 10.99€
Ghostpoet
Peanut Butter Blues & Melancholy Jam
Brownswood • 2011 • ab 17.99€
) Das großartige an Ghostpoets Debüt Peanut Butter Blues & Melancholy Jam ist, dass er damit in keine bestimmte Schublade passen möchte. Ist es nun Grime, HipHop, Downbeat, House oder Electronica? Vollkommen egal, es ist reflexive Musik fernab der klassischen Genredefinitionen von einem Künstler, der auch tatsächlich etwas zu erzählen hat. (Henning Koch)

Hiob
Drama Konkret
Spoken View / HHV • 2011 • ab 17.99€
Während sich die großen Namen der deutschen Szene abstrampelten besondere Alben auszuspucken, machte der Berliner Hiob einfach genau das, was er schon immer gemacht hat: Über das erzählen, was man im Alltag erlebt und das auf eine authentische, ehrliche und manchmal humorvolle Art und Weise – Reality Rap sozusagen. Perfekt passende Produktionen und interessante Gäste machen Drama Konkret zu einem »runden« Album. Entertainment für den kleinen Mann. (Tony Kunstmann)

Hype Williams
One Nation
Hippos In Tanks • 2011 • ab 18.99€
) »Was den wahren Musiker auszeichnet, ist, dass er keinerlei Musik komponiert, kein Instrument spielt und Virtuosen verachtet«, schrieb Gustav Flaubert einmal. Das Britische Duo Hype Williams unterstrich mit seinem dritten Album One Nation jene These. Denn ihre 13 Tracks sind dank ihrer unglaublich abwesend-zugedröhnten und zugleich total einnehmenden Atmosphäre sensationell und nicht, weil die schrägen Gesangssamples, simplen Drumcomputerbeats und sphärische Synthiemelodien so filigran verwebt wurden. Das die dunstige Traurigkeit von One Nation, an deren Rändern die Hoffnung schimmert, zugleich die beste Musik zu unserer bedrohlichen Zeit ist, macht das Album noch exelenter. (Michel Leuffen)

J.Rocc
Some Cold Rock Stuf
Stones Throw • 2011 • ab 37.99€
James Blake
James Blake
Atlas • 2011 • ab 31.99€
) Das Debütalbum des Briten entfachte einen der größten medialen Flächenbrände des Jahres. Die Single Limit To Your Love macht erst in Blogger-Kreisen die Runde und James Blake kurz darauf zu einem der Aufsteiger 2011. Stille, Reduktion, wummernde Synthies, Piano und Autotune-Wortfetzen werden gekonnt in einen neuen, nervenzerfetzenden und vakuumartigen Kontext zueinander gesetzt. Die Definition von »Post-Dubstep«. (Ben Grosse-Siestrup)

James Pants
James Pants
Stones Throw • 2011 • ab 19.99€
) James Pants’ selbstbetiteltes Album ist die Platte, die mir dieses Jahr auf »Easy-Listening-Niveau« am meisten Freude bereitet hat. Sie verdeutlicht noch einmal, warum Stones Throw nach wie vor zu den spannendsten und abwechslungsreichsten Labels nicht nur im HipHop-Bereich gehört und bietet eingängiger 80s Retro-Sound mit zahlreichen Momenten, die man schon einmal irgendwo gehört hat. Wenn man sich doch bloß erinnern würde, wo genau… (Henning Koch)

Jay-Z & Kanye West
Watch The Throne Deluxe Edition
Def Jam • 2011 • ab 21.99€
) Absolut königlich: Größenwahn und Talent mit dem Multiplikator Zwei. Jay-Z und Kanye West tun sich zusammen, für eine Platte, die in fast jeglicher Hinsicht rekordverdächtig ist. Namhafte Kollaborateure von Neptunes bis Bon Iver und exklusiver iTunes-Deal garantierten den Erfolg von Watch The Throne bereits im Voraus. Kann in puncto Genialität zwar nicht mit Kanye’s 2010er Solo-Album My Beautiful Dark Twisted Fantasy mithalten, ist aber trotzdem eines der HipHop-Highlights 2011. (Ben Grosse-Siestrup)

Kuedo
Severant
Planet Mu • 2011 • ab 19.99€
) Sexiness entsteht bei Kuedo über Artifizialität und Kälte. Ganz im Gegensatz zu der manchmal erschlagenden Arbeit an den Vex’D-Projekten, hat Kuedo auf Severant eine neue Subtilität für sich entdeckt, die sich aus den wavigen Synthexperimenten der späten Siebziger und frühen Achtziger speist. Irgendjemand hat über dieses Album geschrieben, es wäre Musik für Androiden, die weinen könnten. Das ist platt, aber durchaus zutreffend. (Florian Aigner)

Long Arm
Organic
Project: Mooncircle / HHV • 2011 • ab 12.99€
) Long Arm öffnet auf The Branches die Bühne für sein virtuelles Orchester, das er absolut perfekt beherrscht. Er verdeutlicht damit, dass man auch als Beatbastler »richtige Musik« erschaffen kann. Selten haben HipHop-inspirierte Beats so organisch und melodiös geklungen und waren so harmonisch komponiert. Elektronischer Jazz mit einem Auge fürs kleinste Detail! (Henning Koch)

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