José González ist kein Fan seiner Musik, findet sie aber sehr gelungen

21.09.2021
Foto:Hannele Fernström © City Slang
2003 coverte José González den Song »Heartbeat« von The Knife und katapultierte sich gleich in die Herzen und Studierzimmer vieler Menschen. Mit seinem Album »Local Valley« strickt er weiter an seinem Mythos. Wir trafen ihn zum Interview.

José González, der bekannte Unbekannte des Indie Folk, veröffentlicht sein viertes Album »Local Valley« dieser Tage. Und es scheint alles wie immer: Gitarre, Stimme, wohlige Atmosphäre. Nur dieses Mal mit Texten in allen drei Sprachen, die er spricht. Beste Zeit, um mit dem schwedischen Musiker über das Thema Veränderung zu sprechen. Es ist das erste Interview des Tages für González, der in seiner Wohnung in Göteborg sitzt, wo der 43-Jährige mit seiner Familie lebt. Ein Gespräch über seine neue Platte, Zeit und warum Musikgeschmack wie ein Po ist.

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Es ist jetzt eine Weile her, dass du »Vestiges & Claws« 2015 veröffentlicht hast. Warum dauerte es so lange mit einem neuen Album?
Jose González: Drei Jahre sind ja mein übliches Tempo – was im Vergleich zu vielen anderen Künstlern schon lang ist. Das kommt bei dem neuen Album nicht ganz hin. Das hatte drei Gründe: Ich war auf Tour mit The Göteborg String Theory. Außerdem habe ich eine Tochter bekommen. Sie ist jetzt vier Jahre alt. Als sie ein Kleinkind war, blieb ich Zuhause, weil ich versuchte, ein guter Feminist zu sein. Aber in der Zeit bin ich nicht zum Musikmachen gekommen. Das ist der zweite Grund. Und der dritte Grund ist die Pandemie, die alles verschoben hat. Dieses Album um fast ein Jahr.

Hast Du denn das Schreiben von Musik komplett eingestellt, nachdem Deine Tochter geboren wurde?
Normalerweise schreibe ich Musik ja nicht. Es geht eher darum, dass Du versuchst zu starten und dann im Flow zu bleiben. Und das ist das, was bei jedem Album passierte. Wenn ich also schreibe, geht es eher darum Demos zusammenzubekommen, an denen ich weiterarbeite. Dafür brauche ich einfach viele Monate am Stück, um die Texte zu finalisieren und alles aufzunehmen und zu mixen.

Dein kreativer Prozess kommt also komplett aus der Musik selbst heraus?
Genau, immer zuerst mit der Gitarre, dann folgen die Melodien und am Ende die Texte. Aber ich mixe und produziere die Sachen natürlich auch noch. Also immer die Musik zuerst. Nur für »Lilla G« auf dem neuen Album hatte ich schon die Melodie. Den Song habe ich für meine Tochter gesungen, als sie noch klein war.

»Ich wollte es einfach halten. Nachdem ich mit so vielen Leuten zusammengearbeitet hatte, fühlte ich einfach, dass ich jetzt wieder zu meinem eigenen Sound zurückgehe.« (José González)

Für wen machst Du denn Musik? Für Dich? Für Deine Familie? Für die Menschheit?
Es ist eine Mischung. Ich muss natürlich mögen, was ich tue. Aber oft habe ich Ideen, für die ich Zeit mit meiner Gitarre investieren möchte. Ich weiß, dass ich nicht der beste Gitarrist bin, aber wenn ich mich anstrenge, kann ich viele, viele Musiker beeindrucken. Vielleicht nicht alle. Das versuche ich mit den Texten auch mehr und mehr. Manchmal beeindrucke ich die Leute damit und bringe bestimmte Themen und Ideen ein, die ich für wichtig und interessant halte. Aber ich muss sagen, dass zuerst immer die Ambition steht, dass den Leuten die Musik gefällt. Es gibt da keine unterschiedlichen geografischen Abschnitte.

Vor der Veröffentlichung von »Local Valley« hast Du gesagt, dass du Songs im Geiste deiner alten Stücke machen wolltest. Woher kam das Gefühl, dass dies für dieses Album der richtige Ansatz sei?
Zwischen den Alben habe ich immer die Chance, mich neu zu erfinden oder nochmal das Gleiche zu machen. Mit Bands und Zusammenarbeiten wie Junip, The Göteborg String Theory und The Brite Lites – es ist einfach auch eine gute Zeit, zu seinen Anfängen zurückzugehen, sich nur auf die Gitarre und die Stimme zu fokussieren. Ich hatte mich außerdem entschieden, keine neue Studioausrüstung zu kaufen. Ich wollte es einfach halten. Nachdem ich mit so vielen Leuten zusammengearbeitet hatte, fühlte ich einfach, dass ich jetzt wieder zu meinem eigenen Sound zurückgehe. Wenn ich allerdings ehrlich bin: Das habe ich wahrscheinlich bei jedem meiner Alben so gemacht. Als ich dieses Mal ungefähr bei der Hälfte des Albums war, erlaubte ich mir, die Produktion zu variieren. Ich habe Gitarre und Stimme geloopt, Drumcomputer hinzugefügt. Als ich beim Mixen war, wollte ich die Klanglandschaften in verschiedene Richtungen bringen. Manche sind sehr trocken und bodenständig, andere wieder sakraler.

Reviews zum Künstler

Bist Du glücklich mit dem »Local Valley«?
Sehr glücklich. Es ist eine Fünf-von-Fünf. Oder nein! Eigentlich eine Zehn-von-Zehn. (Lacht.) Ich habe bei jedem Album normalerweise später das Gefühl, dass Dinge nicht perfekt sind oder ich etwas hätte anders machen können. Das braucht aber Zeit. Mal sehen, ob ich noch Zehn von Zehn in einem Jahr oder so geben würde.

Und die drei Vorgängeralben? Auch alles Zehn-von-Zehn?
Nein, natürlich nicht, aber sie sind alle Dokumente und Reflektionen, wer ich zu der damaligen Zeit war. Und für mich als Hörer – ich bin kein besonders großer Fan von mir, wenn ich ehrlich bin.

Wirklich?
Es ist ja nicht wirklich komisch, das zu sagen. Ich habe mal eine Geschichte über Glenn Danzig gehört, wie er in seinem Garten Gewichte gestemmt und dabei seine Musik gehört hat. Sowas mache ich nicht. Wenn ich meine Musik höre, dann arbeite ich an einem Alben oder reflektiere später, wie ich da geklungen habe. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Natürlich denke ich mir, was ich hätte anders machen können. Nach einer Weile merkst du aber, dass das einfach du vor zwanzig oder zehn Jahren bist. Und das ist komplett in Ordnung. Deswegen bin ich mit diesen vier Alben sehr glücklich. Ich denke, sie sind alle so acht, neun, zehn von zehn Punkten. (Lacht.) Geschmack ist aber auch einfach… In Schweden haben wir ein Sprichwort: Smaken är som baken, delad. Geschmack ist wie dein Po – geteilt.