K.I.Z – Hoffen auf den großen Knall

29.06.2015
Foto:Christian Voy
K.I.Z feiern in diesem Jahr Jubiläum. Und den Weltuntergang. Zehn Jahre ist es her seit 2005 »Das RapDeutschlandKettensägenMassaker«, das erste Album der Band, bei Royal Bunker erschien. Die Tage erscheint ihr neustes.

Die Welt geht unter. Und das ist Grund zur Freude. So klingt es jedenfalls im Titel von K.I.Z neuem Album an: »Hurra, die Welt geht unter«. Und auch soll es mit der Welt nicht sang- und klanglos zu Ende gehen -— vielleicht gibt es einen gewaltigen Knall oder besser eine Revolution. K.I.Z hoffen es. In den Botschaften und Vorab-Trailern persiflieren sie uniformierte Freiheitskämpfer, die gleichsam Diktatoren sind und die ihre Anhänger aus der Unmündigkeit des Seins führen.

Beim Interviewtermin in Berlin-Kreuzberg sind alle in zivil und dazu freundlich und offen. Niemand legt den Kopf auf den Tisch, auch wenn es mühselig ist und war, sich immer so viel zu erklären. Nebenan wird ein kleiner Junge mit Barrett gefilmt (»Kinderarbeit«, sagt Maxim lapidar) – ein neues Propaganda-Video für ihre Fans. Auf dem Küchentisch liegt ein TITANIC-Sammelband.

Mehr Konzept bei K.I.Z
Das neue Album, sagt Nico, sei etwas anders als die Vorgänger geworden. Da gebe es mehr Konzept: »Bei dem Album haben wir es uns zum Dogma gemacht keine Standard-Battle-Rap-Songs darauf zu machen. Wir hatten auch schon früher Songs, in denen eine Geschichte erzählt wird, aber mehr vereinzelt auf den Alben. Da haben wir uns gedacht, probieren wir doch mal ein ganzes Album mit Geschichten voll zu machen«.

Das Cover zeigt eine ungewohnt friedliche Situation, fast wie bei Caspar David Friedrich, nur nicht so schwermütig, dafür semi-urban, mit Hochhäusern, viel Gras und einem verrosteten Panzer als Schaukel. Darauf sitzt ein Mädchen im weißen Kleid und blickt dem Sonnenaufgang entgegen. Eine hoffnungsvolle Post-Apokalypse.

Der Tenor der Platte ist direkt, unverstellt. In fast allen Songs wird kritisiert und angeklagt, auch wenn Beats und Gesang oft cheesy sind. Der vermeintliche Widerspruch, ein altes und wirksames Stilmittel bei K.I.Z. Inhaltlich dreht es sich das Album um soziale Missstände, um Korruption, Kapital, Krieg, Missbrauch, Stars oder Hedonismus. ###CITI: Es geht darum, den Angepassten zu sagen, wie ärmlich es ist, so angepasst zu sein.:### Und es geht darum, den Angepassten, zu sagen, wie ärmlich das ist, so angepasst zu sein und sich nicht seines eigenen Verstandes zu bedienen. »Meine Vorfahren haben Wildschweine gejagt, jetzt leb ich mit Barbaren, die tun, was ihnen die Bildzeitung sagt«, heißt es da. An anderer Stelle noch konkreter, wenn K.I.Z Flüchtlingspolitik und mediale Meinungsmache aufgreifen: »Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?«. Hier zeigt die Band ihre Skills, Inhalte in sinnfällige Reime zu packen.

Wer Provokation kategorisch ablehnt, muss provoziert werden
K.I.Z sind wieder mal sauer. Auf was, das kommt in den Songs in Form von Geschichten zur Sprache. Es sind Beschreibungen, die aber auch einen Appell in sich tragen. Ab einem gewissen Punkt muss man handeln, wenn sich irgendetwas ändern soll: »Wenn man die Welt beschreibt, und die Welt scheiße ist, folgt daraus schon immer die Konsequenz, dass man es verändern oder abschaffen oder modernisieren will. Und die Utopie am Ende ist einfach so ein Gedankenspiel, dass man sich nicht darauf einlässt, sich immer irgendwie eine schlechtere Welt vorzustellen, um dann die Welt, wie sie ist, gut zu finden. Es geht darum, dass man dieses Gedankenspiel nicht mitmacht«, sagt Maxim, und Nico ergänzt: »Die Utopie ist ja in dem letzten Song beschrieben, und in den Songs vorher beschreiben wir, wie es jetzt ist.«

Der letzte Song, der sich von den anderen etwas ausnimmt, ist eine Art Positivschablone und Sehnsuchtsmelodie. Dort klingen Themen an, die heute populär sind: Nahrung aus dem Garten, spielende Kinder, Gemeinschaft, Glückseligkeit, Frieden. Doch das bleibt ein Traum, die Realität sieht ganz anders aus.

Trotz Ansprachen bieten K.I.Z aber keine Anleitung an, wie der Weg aus der Misere geschafft werden könnte. Den Großteil widmen sie weiterhin der Darstellung des Ist-Zustands. Das ist es auch, was sie wieder in die Nähe von Gangster- oder Straßenrap katapultiert, den die Jungs sehr schätzen. Maxim erklärt: »Ich mochte an Gangsterrap immer, dass er halt die Welt mehr so beschreibt wie sie ist, mit den Augen des Betrachters und nicht so, wie sie sein sollte. Das war mir immer um Einiges näher als die Art von Rap, die einem erzählt, was man zu tun hat, was man tun sollte und so«.

K.I.Z. sind genervt vom theoretischen Überbau
Das Feuilleton hatte K.I.Z in vergangenen Jahren zu intelligenten Rappern erklärt und Versuche unternommen, ein Phänomen in viele Worte zu fassen. Da wurde viel am theoretischen Überbau gearbeitet. Der Band ging das auf die Nerven. Jene, die K.I.Z die Dekonstruktion des Gangsterrap zuschrieben, konnten den expliziten Texten aber kaum zuhören, ohne rot zu werden. Dann kritisierten die Journalisten, dass der ganze Sexismus und die Brutalität nicht zu rechtfertigen seien. Dass aber schwarzer Humor gerade die schmutzigen Teile des Lebens einschließt, ist keine so neue Sache.

K.I.Z besangen und besingen gern Dinge, über die niemand reden oder sich überhaupt vorstellen möchte.

»Wenn man was Originelles macht, dann ist es halt auch was Provozierendes. Wenn man da anders denkt, dann provoziert das die anderen Leute selbstverständlich auch« (Maxim)

Aber diese Art von Provokation ist für Maxim eine logische Konsequenz, die er so erklärt: »Wenn man was Originelles macht, dann ist es halt auch was Provozierendes. Wenn man da anders denkt, dann provoziert das die anderen Leute selbstverständlich auch. Also Provokation ist nie Selbstzweck. Wenn Leute einem das vorwerfen, ist es so, dass sie Provokationen an sich schon scheisse finden, als Vergehen empfinden, als Etwas, das verboten gehört und dann fragen sie nur noch nach Rechtfertigung dafür. Ist die Rechtfertigung gut genug? Vermarktung wäre z.B. nicht gut genug; politische total deepe Message wäre gut genug, ein Grund, der angenommen wird. Dann darf man auch provozieren«.

Ob die teilweise sehr jungen Fans der Band die komplexen Texte überhaupt verstehen und ob das denn eine Rolle spielt, ist die nächste Frage. Doch Maxim weist da Intentionen von sich: »Ich würde mich hüten zu sagen, dass es ein richtiges oder falsches Verständnis unserer Musik gibt. Es wäre natürlich schön, wenn alle uns verstehen und jeder sich am 10. Juli das Album kauft, das wäre natürlich klasse, aber davon kann man nicht ausgehen.« Im Hintergrund murmelt jemand etwas wie: »Vielleicht verstehen wir uns auch selbst falsch«.