Label Watch: Frederiksberg

14.07.2022
Label Watch: Frederiksberg
Andreas Vingaard macht sich zur Aufgabe, alte Musikgeschichten neu zu erzählen. Auf seinem Plattenlabel Frederiksberg erhalten vergessene Größen des europäischen Jazz oder Platten ungehörter Singer-Songwriter*innen ein Update.

»Normalerweise sind mit den Originalveröffentlichungen Enttäuschungen, finanzielle Probleme oder zerbrochene Freundschaften verbunden«, sagt der in Brooklyn lebende Schwede Andreas Vingaard. Mit seinem Label Frederiksberg Records macht er es sich zur Aufgabe, alte Musikgeschichten neu zu erzählen – auch wenn es manchmal schwierig sei, die Beteiligten davon zu überzeugen. »Manche wollen dieses Kapitel ihres Lebens nicht mehr aufschlagen, andere sind schon älter und wieder andere sterben, während wir am Projekt arbeiten«, so Vingaard.

Allerdings sei die Wiederveröffentlichung von Schallplatten für den gebürtigen Dänen eine Möglichkeit, seine Leidenschaft für Musik und seine Liebe zum Erzählen von Geschichten zu verbinden. Bevor Vingaard das Label 2015 gründet, interviewt er Musiker*innen und hilft anderen Musiklabels mit Kontakten. »Irgendwann fing ich an, mit meinem Freund Søren Skov über ein Reissue von Carsten Meinerts Album ›To You‹ – eine Säule der Exzellenz im europäischen Jazz – zu diskutieren. Wahrscheinlich hätten wir auch ein Label finden können, das daran interessiert gewesen wäre. Aber um sicherzustellen, dass keine Abstriche gemacht werden und seine Musik auf die richtige Weise präsentiert wird, beschloss ich, Frederiksberg zu gründen.«

Es war einmal in Dänemark

Benannt sei das Label nach der Gemeinde Frederiksberg, eine Art Stadt innerhalb der Stadt Kopenhagen, in der Andreas Vingaard aufwächst. Sein guter Freund DJ 2000F – er veröffentlichte 2009 mit »You Don’t Know What Love Is« einen Mini-Hit auf Hyperdub – habe ihn dazu inspiriert. Der Name verbindet Vingaard, obwohl er mittlerweile in New York lebt, mit seiner eigenen Vergangenheit. Seine ganze Familie lebt schließlich in Dänemark. Vingaards Vater sei nie großer Musikfan und eher an Geschichte interessiert. Seine Mutter tanze hingegen gerne, eine Plattensammlung habe aber auch sie nie besessen. »Als ich 11 Jahre alt war, nahm sie mich allerdings zu einem Konzert von Bruce Springsteen mit. Das war für mich eine lebensverändernde Erfahrung!«

»Natürlich ist die Musik der wichtigste Teil des Prozesses. Aber wir brauchen auch den Kontext..« (Andreas Vingaard)

In seiner Pubertät stolpert Vingaard über Rap. 1988 kauft er sich seine zwei ersten CDs, ein Album von The Fat Boys und den dänischen HipHop-Klassiker »Den Nye Stil« von MC Einar. Später versuchter er herauszufinden, wo die Samples in den Stücken herkommen – die Grundlage seiner heutigen Arbeit als Aufstöberer alter Masterbänder und Geschichten von Künstler*innen, die mit ihrer Vergangenheit längst abgeschlossen haben. Etwas, das inmitten einer Reissue-Renaissance immer mehr Labels als Existenzgrundlage betreiben.

Der Kontext entscheidet mit

»Die Konkurrenz ist groß, viele Plattenlabels in den USA suchen nach Neuauflagen alter Jazzalben«, so Vingaard. Als er sich um die Wiederveröffentlichung einer Platte der US-amerikanischen Modaljazz-Band Compass kümmerte, haben sich sechs weitere Labels an die Gruppe gewandt. »Wirklich absurd«, meint der Head von Frederiksberg. »Zum Glück ist niemand auf die Idee gekommen, das Album in der Zwischenzeit zu bootleggen.« Ein Ärger, der ihm allerdings erst kürzlich mit dem Release des Funk-Klassikers von Milt Ward & Virgo Spectrum passiert sei.

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Schließlich veröffentlichen manche Labels zwar Neuauflagen dieser Titel, kümmern sich aber weder um Informationen von Künstler*in noch Szene. »Natürlich ist die Musik der wichtigste Teil des Prozesses. Aber wir brauchen auch den Kontext. Deshalb versuche ich immer, Beziehungen zu den beteiligten Personen aufzubauen und sicherzustellen, dass alle mit dem Projekt und den Liner Notes einverstanden sind«, so Vingaard, der betont, wie riesig dieses Unterfangen manchmal sei. »Für die Veröffentlichung von Admas ›Sons of Ethiopia‹ habe ich neun Leute interviewt, für das Album von Milt Ward waren es zehn. Gerade arbeite ich an einer spannenden Jazz-Neuauflage, für die ich mit über 30 Menschen gesprochen habe. Das ist zeitaufwändig, aber auch unheimlich aufregend.«