Records Revisited: Dinosaur Jr – Green Mind (1991)

19.02.2021
Viele Rockbands nehmen zu Beginn der 1990er Jahre ihre bis dahin besten Alben auf. Auch Dinosaur Jr. Während die Band selbst bei den Aufnahmen bereits auseinanderbricht, strotzt ihr viertes Album »Green Mind« vor Kreativität.

J Mascis sei ein Mann der wenigen Worte – und der vielen Pausen, Seufzer und Gähner. So stand es kurz nach der Veröffentlichung von »Green Mind« in der kostenlosen kanadischen Zeitung The Georgia Straight. Das auf diese Einleitung folgende Interview mit Sänger und Gitarrist J Mascis bestätigte den Eindruck des Journalisten Steve Newton: Die Village Voice nannte Dinosaur Jr die beste neue Band in Amerika. J Mascis antwortete mit einer langen Pause. Hinweis Newton: Es stand sogar in der Biografie der Band. »Ich denke, das ist eine Weile her«, so Mascis. Ob es eine zutreffende Beschreibung sei? Mascis: »Nein. Wir sind auf dem Weg nach unten.« Was die Stimmung in der Band perfekt beschrieb. Wenn man Dinosaur Jr aus Amherst, Massachusetts, noch eine Band nennen wollte.

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Dinosaur Jr. standen Anfang der 1990er Jahre als das nächste große Ding bereit. Ihr krachender Alternative Rock mit Slacker-Attitüde passte perfekt zu dieser Zeit. MTV, College und der ganze Kram. Mit ihrem zweiten Album »You’re Living All Over Me« fanden Dinosaur Jr. 1987 ihren Sound endgültig.
Dann kam »Bug«, die Platte nach der einen großen Platte. Es rumorte bereits zwischen J Mascis, Bassist Lou Barlow und Drummer Murph. Vor allem weil Mascis beim Rhythmus seine Vorstellung zu sehr durchdrücken wollte. Das Album wurde trotzdem ein Erfolg und von der Kritik gelobt. Doch nach der Tour zu dieser Platte war Schluss – und Lou Barlow verließ die Band oder die Band verließ Lou Barlow.

»Es schien so, als wollte er nicht mehr in der Band sein, aber nicht derjenige sein, der die Band verlässt, oder sowas«, sagte J Mascis vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Rolling Stone. »Und ja, er hat nichts dazu beigetragen.« Und plötzlich stand Mascis allein da, als es die Aufnahmen zu »Green Mind« starteten. Gerade einmal auf drei Songs spielte Murph noch die Drums. Weil Mascis die Parts für Murph geschrieben hatte – und der aber keinen Bock auf die Proben dafür hatte. So zumindest die Aussage von Mascics.
Ansonsten ist »Green Mind« ein Kraftakt von J Mascis, der hier Gesang, Bass, Schlagzeug und die Gitarre übernahm – und das ganze Album noch produzierte. »Es hörte sich ein wenig merkwürdig an. Ich war nicht wirklich überwältigt davon. Ich mag die Songs, aber irgendwas an der Produktion haute mich nicht um«, so Mascis. Das Album erschien trotzdem am 19. Februar 1991 bei Sire Records – und ist der erste Major Release der Band.

Im Vergleich zu den anderen Alben aus dieser Zeit behielt sich »Green Mind« eine Naivität im Sound. Da war Kraft und Druck, aber es fühlte sich nicht an, als ob sich da gewaltsam etwas seinen Weg bahnte.

Die Gitarren auf »Green Mind«, dem somit vierten Album von Dinosaur Jr, kommen noch heute genau passend rüber – vor allem im Remaster. Nichts ist zu breiig, der Sound wunderbar eingefangen. Allein der Ausbruch in »I Live For That Look« trägt das Solo perfekt am Schluss. »The Wagon« kommt wie die typische Nummer der Band rüber, denn bei allem Krach und allen aufgedrehten Verstärkern sind es Harmonien und Melodien, die diesen Sound so einmalig und besonders machen. Dann folgen der Tempobruch und die kraftvollen Drums (von Murph), bevor die Gitarre wieder alles an sich reißt und den Song zersäbelt und alles vor Dynamik vibriert.

Im Vergleich zu den anderen Alben aus dieser Zeit behielt sich »Green Mind« eine Naivität im Sound. Da war Kraft und Druck, aber es fühlte sich nicht an, als ob sich da gewaltsam etwas seinen Weg bahnte. Vielmehr war es das Zurückgelehnte, das Entspannte, was sich selbst in den hektischsten Gitarrensoli zeigte. Swoeit sich bei Noise Rock eben Entspannung einstellen konnte. »Green Mind« bekam so mehr Schattierungen, wurde zu einem Album, das nicht nur den typischen Sound von Dinosaur Jr in sich trug. Mit »Flying Cloud« gab es einen ersten Vorgeschmack auf das, was J Mascis Jahre später auf seinen Solo-Album zelebrieren würde.
Außerdem gehörte und gehört J Mascis‘ Stimme gleich nach Billy Corgans Organ zu den gewöhnungsbedürftigsten ihrer Zeit. Jedes Wort rutschte ihm so über die Lippen, als würde er direkt aus seinem Traumtagebuch vorlesen.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von »Green Mind« ging es für Dinosaur Jr. übrigens auf Tour – mit Blur, My Bloody Valentine und The Jesus and Mary Chain. Künstlerisch standen Dinosaur Jr hier komplett auf der Höhe der Zeit. Es folgten noch drei weitere Alben, deren Antreiber und wohl Hauptverantwortlicher jedoch weiterhin J Mascis blieb. Dann löste sich die Band doch noch offiziell auf und Ende der 1990er Jahre waren Dinosaur Jr Geschichte. Bis dann Mitte der 2000er Jahre die Reunion kam. Mit Lou Barlow und Murph.

Den Sound von »Green Mind« beschrieb J Mascis selbst einmal perfekt. Ausgerechnet genau in jenem kostenlosen kanadischen Blättchen Anfang der Neunzigerjahre. Nach einem Gähner folgte eine lange Pause und die Antwort: »Easy listening.« Und für den Sound von Dinosaur Jr stimmt dies eigentlich bis heute. Nur eben untermalt von krachigen Gitarren.

»I picture things a certain way
Then go back to it another day
The green mind said it’s okay«

(Dinosaur Jr. – Green Mind)