Records Revisited: Pink Floyd – Ummagumma (1969)

07.11.2019
»Ummagumma« ist der Beginn von Pink Floyd auf ihrem Werdegang zur größten Artrockband der Geschichte. Vor genau 50 Jahren veröffentlicht, verschob das Doppelalbum nicht weniger als die Grenzen des Machbaren in der Popmusik.

Ein »Desaster« sei das Album gewesen, so Sänger und Bassist Roger Waters, als er Jahre später in einem Interview darauf angesprochen wurde. Auch Gitarrist David Gilmour und Drummer Nick Mason äußerten sich später wenig wohlwollend über »Ummagumma«. Dabei ist die Vinyl 2LP zur Zeit ihres Erscheinens im Oktober 1969 begehrt bei Kritikern und Fans gleichermaßen – in Großbritannien erreicht sie Platz 5 der Album-Charts, in den USA schafft es die Londoner Band damit erstmals in die Top 100.

Pink Floyd sind zu jenem Zeitpunkt die wohl hippste Band des Königreichs und mitten in einer Phase der musikalischen Neuausrichtung. Mit Querkopf Syd Barrett als Songwriter waren sie ein Fixpunkt im aufkeimenden Londoner Psychedelic Underground. Ihre Live-Shows im UFO-Club und im Roundhouse 1966 und 1967 galten als legendäre Happenings, nicht zuletzt aufgrund neuartiger psychedelischer Lichtshows. Das Beatles-Label EMI nahm die Band unter Vertrag, der ehemalige Beatles-Tontechniker Norman Smith wurde ihr Produzent, die Abbey Road Studios ihr Stammstudio.

Das Debüt »The Piper At The Gates Of Dawn« schlug im Jahr 1967 ähnlich ein wie die Alben »Surrealistic Pillow« von Jefferson Airplane oder »Are You Experienced« der Jimi Hendrix Experience, mit der Pink Floyd Ende des Jahres auf Tour gingen. Schon wenige Monate darauf, während der Aufnahmen zum zweiten Album, trennte sich die Band von dem psychisch instabilen und dem Konsum psychedelischer Substanzen zugeneigten Syd Barrett. Seine Songwriting-Qualitäten und sein funkensprühender Ideenreichtum gingen der Band für immer verloren.

Damit setzte Roger Waters zum ersten Mal seine Idee der Verflechtung einzelner Musikstücke zu einem Gesamtkonzept um, die die späteren Alben ihrer Superstar-Phase ausmachen wird.

Statt seiner holten die drei Architekturstudenten Mason, Waters und Richard Wright David Gilmour in die Band, einen Jugendfreund von Barrett aus Cambridge, dessen langatmige, durch Effektschleifen gezogenen Gitarrenparts bald prägend für die musikalische Atmosphäre der Band werden sollten. Zusammen entwickelten sie den Pink-Floyd-Sound weiter zu etwas, das der Journalist Barry Miles in seinem Buch »Pink Floyd: The Early Years« als architektonische Musik beschreibt. Sorgfältig geplante und gebaute Song-Kathedralen wie »Set The Controls For The Heart of The Sun« oder das Titelstück des zweiten Albums »A Saucerful of Secrets«. Es ist die Geburt des Progressive Rock, die in diesen Stücken eingeleitet wird und sich im Dezember 1968 in der B-Seite der Single »Point Me At The Sky«, »Careful With That Axe, Eugene«, sowie in einzelnen Elementen des Soundtracks zu Barbet Schroeders Film »More« im folgenden Frühjahr vollzieht.

In ebenjenem Frühjahr 1969 starteten Pink Floyd auch ihre fast ein Jahr andauernde Live-Konzeptshow-Tour mit dem Titel »The Man And The Journey«. Der erste Teil der in zwei Albumlängen unterteilten Show sollte einen durch Routine geprägten Tag im Leben eines durchschnittlichen Mannes vertonen, während »The Journey« den konzeptlosen Teil des Konzepts, eben eine Zusammenstellung diverser Pink-Floyd-Stücke, darstellte. Damit setzte Roger Waters zum ersten Mal seine Idee der Verflechtung einzelner Musikstücke zu einem Gesamtkonzept um, die die späteren Alben ihrer Superstar-Phase ausmachen wird.

»Ummagumma« ist im selben Jahr die erste Inkarnation dieses Konzept-Gedankens auf einem Pink-Floyd-Tonträger. Gleichzeitig gehört es zu den ersten Veröffentlichungen auf Harvest Records, dem neu gegründeten EMI-Sublabel für Progressive Rock. Das mysteriöse Covermotiv, das die Bandmitglieder in rotierender Anordnung im Droste-Effekt, also einem unendlichen Bild im Bild, zeigt, stammt von dem von Storm Thorgerson und Aubrey Powell gegründeten Grafikstudio Hipgnosis. Dieses hatte schon das Cover zu »A Saucerful of Secrets« entworfen und wird in der Folge das Erscheinungsbild von Rockalben in den 1970er Jahren entscheidend prägen. Nicht zuletzt gehört »Ummagumma« nach »Blonde on Blonde« und The Whos »Tommy« auch noch zu den ersten Doppelalben der Pop-Geschichte, was die später geläufige Unterteilung in eine hochgelobte erste Hälfte – das Live-Album -, und eine unhörbare zweite Hälfte – das Studio-Album -, voraussetzt.

Die Stücke zeigene eine Band, die sich klanglich komplett von ihren Anfängen der psychedelisch verfremdeten Blues-Standards entfernt hat und die Grenzen der Pop- und Rockmusik massiv ausweitet.

Warum der erste Teil des Albums so nachhaltig beeindruckt, ist offensichtlich: Es sind bis in die späten 1980er Jahre hinein die einzigen offiziellen Live-Aufnahmen von Pink Floyd, was erstaunlich ist bei einer Band, deren Live-Shows von Beginn an legendär sind. Die vier Stücke wurden bei Shows in Birmingham und Manchester aufgenommen und sind klanglich wesentlich kraftvoller und dynamischer als es die Studio-Versionen jemals waren. Das noch aus Barretts Feder stammende »Astronomy Dominé« eröffnet einen zutiefst psychedelischen Trip, der den architektonischen Charakter der »progressiven« Pink Floyd zur Schau stellt: Ein musikalisches Thema wird bis ins Halluzinatorische wiederholt, ausgekundschaftet und mit einer Dramaturgie versehen. Am eindrucksvollsten zeigt dies »Careful With That Axe, Eugene«, das in Waters’ furchterregendem Schrei den Höhepunkt des gesamten Albums darstellt. Die extrem ausladenden Stücke – keines von ihnen hat unter achteinhalb Minuten Länge – lassen in ihrer ununterbrochenen Anordnung die unheimliche Sogkraft der damaligen Pink-Floyd-Konzerte erahnen. Auch dies ist einzigartig, da es sich die Band bei den späteren »klassischen« Prog-Alben wie »Meddle« nicht nehmen lassen wird, diesen Sog durch Folk-Balladen zu durchbrechen.

Die verschwurbelte Folk-Suite »The Narrow Way« auf der Studio-Seite des Albums nimmt nicht bloß ebenjene Balladen vorweg, sie ist auch das erste Stück der Gruppe, das David Gilmour schreibt. Das Konzept der Studio-Seite sieht vor, dass jedem Bandmitglied eine halbe Seite zur freien Verfügung steht. So entstehen, bis auf das Gilmour-Stück und Waters’ »Grantchester Meadows«, extrem ungewöhnliche Kompositionen, die sich an Avantgarde und Musique concrète anlehnen. Sie zeigen eine Band, die sich klanglich komplett von ihren Anfängen der psychedelisch verfremdeten Blues-Standards entfernt hat und die Grenzen der Pop- und Rockmusik massiv ausweitet. Zu hören sind Field Recordings, Sampling-Collagen, orchestrale und atonale Musik. Norman Smith hat keinen Zugang mehr zu dieser Art des Musizierens, die Band trennt sich von ihm und vervollständigt das Album ohne ihren Produzenten.

Pink Floyd
Ummagumma
Pink Floyd • 1969 • ab 58.99€
Pink Floyd werden auf den kommenden Alben »Atom Heart Mother« und »Meddle« ihren Progressive Rock perfektionieren, bis er dann 1972 in »Dark Side of The Moon« kulminiert. Die Band wird zur größten Artrock-Band der Geschichte und die Experimentierfreude weicht im Laufe der 1970er Jahre nach und nach dem Bombast. »Ummmagumma« jedoch bleibt relevant: Zum einen als Dokument einer der eindrucksvollsten Live-Bands jener Epoche, zum anderen als grundlegende Grenzverschiebung des Machbaren im Pop, die bis in die heutigen Zeiten von Deconstructed Club Music hineinwirkt.

Die Musik von Pink Floyd findest du im [Webshop von HHV Records](https://www.hhv.de/shop/de/pink-floyd-rock-indie/p:TEaKVg.)