Records Revisited: PJ Harvey – Dry (1992)

30.03.2022
Vor 30 Jahren hat die Ausnahmekünstlerbiografie von PJ Harvey mit »Dry« ihren Anfang genommen. Darauf erhob sich eine Stimme, in der Verführung und Verletztheit, Lust und Verzweiflung, Mut und Wut auf faszinierende Weise in eins fielen..

m Jahr eins nach »Nevermind« sah Grunge für diejenigen, die ein paar Jahre zuvor auf die pulsierende Szene in Seattle gestoßen waren, mit »Smells Like Teen Spirit« im Heavy-Rotation-Modus (die Vokabel war noch brandneu im bundesdeutschen Wortschatz seinerzeit) auf MTV, schon wieder ziemlich alt aus. Zumindest hatte das junge Genre recht schnell begonnen, komisch zu riechen, um mit Frank Zappa zu sprechen. Einige (Yo La Tengo, Chris Cacavas, Galaxie 500 etwa) waren bereits von den Überbietungsgesten der Sub-Pop-Bands (lauter, kränker, abgefuckter) abgerückt, hatten sich aufgemacht in Richtung »Quiet is the new loud« (wo die Kings of Convenience den damaligen Gegentrend dann abgeholt haben als »nächstes großes Ding« zehn Jahre später). Kurzum: Paradigmenwechselluft wehte durch die Alternative States of Indie-Rock zu Beginn des Jahres 1992.

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Dann, vor ziemlich genau 30 Jahren, im März und ohne Vorwarnung für die meisten, kam »Dry“« Darauf erhob eine Stimme ihr Haupt, in der Verführung und Verletztheit, Lust und Verzweiflung, Mut und Wut auf so schockierende wie faszinierende Art und Weise in eins fielen. Polly Jean Harvey, Tochter eines Steinbruchbesitzers und seiner Folkrock-begeisterten Ehefrau, hatte soeben ihre erste Beziehung hinter sich gebracht – auf »Dry“«lässt sie alle Phasen enttäuschter Liebe nicht einfach Revue passieren, sondern durchleidet sie in der ganzen Intensität ihrer den Körper von innen her verzehrenden, zerfetzenden Pein noch einmal aufs Neue. Die Stimmung der Platte ist zu 110 Prozent Blues, die Musik eine Form von Rock, die dem slicken, auftrumpfenden Gestus der Grunge-Bands etwas entgegenzustellen hatte, das noch in jeder Rezension mit dem Attribut »roh« bedachte wurde: Elf Songs direkt aus dem Steinbruch der Adoleszenz, in Summe das Kriegtagebuch einer Fußsoldatin in der Army of Lovers. Unvermittelt traf „Dry“ den Hinterkopf, ein Schrapnellgeschoss im Gefecht der Geschlechter. Was dann vor einem lag, entpuppte sich als kolossales Instant-Monument markerschütternder Dringlichkeit. Was war geschehen? Hatten Captain Beefheart und Patti Smith der Rocköffentlichkeit eine Tochter verheimlicht?

Manche hatten davor bereits Wind bekommen von einer Frau in weißem Kleid, die durch die nächtlichen Formate der Musikfernsehsender geisterte: „Dress“, die erste Single von PJ Harvey war bereits im Dezember des Vorjahres auf dem Indie-Label Too Pure erschienen und ein Song, wie man lange keinen gehört hatte. Anstatt wie die Riot Grrrls der US-amerikanischen Pazifikküste ihre Selbstermächtigung in denselben phallozentrischen Rocker-Gesten zu inszenieren, derer sich ihre männlichen Kollegen seit ehedem bedienen, riss Polly Jean Harvey, 1969 im südwestenglischen Bridport geboren und in der ländlichen Umgebung von Dorset aufgewachsen, mit den Lyrics von »Dress« den Vorhang vor dem Gefühlsleben einer Frau auf, die einen Mann beeindrucken möchte: »Must be a way that I can dress to please him«, raunt sie mit einer Stimme, in der Verführung und Verletztheit, Verzweiflung, Mut und Wut buchstäblich in eins fallen; ein implodierender Vamp, der die Zumutungen des Geschlechtslebens messerscharf beobachtet auf den Punkt bringt mit Zuspitzungen wie dieser: »It’s hard to walk in the dress, it’s not easy / I’m spilling over like a heavy loaded fruit tree«. Der manische Refrain skandiert wie besessen das Motiv: »If you put it on«.

Auch »Sheela-Na-Gig«, die zweite Single von »Dry«, verhandelt Toxizität in einer Beziehung zwischen Mann und Frau. Die weibliche Protagonistin legt ihm ihrer Vorzüge erst dar und dann zu Füßen (auch sarkastische Selbstironie gehört mit zu Harveys poetologischem Programm). Die Zurückweisung erfolgt prompt, als Fußtritt im Refrain: »Sheela-na-gig / You exhibitionist«, zieht der angewiderte Typ groteske mittelalterliche Frauendarstellungen mit übergroßer Vagina zum Vergleich heran, dann die fiese Bridge: »Put money in your idle hole«. Sprechakttheorie galore: »He said ‘wash your breasts, I don’t want to be unclean«”. Dabei hatte sie alles versucht, um ihn zu halten: »Oh, my lover / Don’t you know it’s all right? / You can love her / And you can love me at the same time«, sind die ersten Zeilen auf »Dry«. Mit Lyrics, die wirklich Lyrik sind, ließ Harvey von Beginn an keinen Zweifel daran, dass hier eine echte Songpoetin am Werk ist (eine spätere Liaison mit Nick Cave erscheint nachgerade zwangsläufig; fast ebenso die Tatsache, dass sie nicht von Dauer war). »Happy and Bleeding« scheint die Erfahrung der Entjungferung mit der der Menstruation zu überkreuzen, verdichtet im Bild der gleichzeitig »überfälligen« und »zu früh« gepflückten, »von innen nach außen« (ver-)blühenden (= faulen) »Feigenfrucht«.

Auch musikalisch wirkte PJ Harvey verglichen mit den Grunge-Bands eher anachronistisch, entfernt verwandt trifft es vielleicht am besten. Doch Harveys Synthese aus rumpelndem, polterndem Krach und unverschämt eingängigen Hooks, ihre Powerchords, die Hörer unter sich begraben statt in hymnische Höhen aufzusteigen, dazu der ungeheuer muskulöse, knorpelige Bass von Steven Vaughan, wie man ihn ein paar Jahre zuvor von DC-Bands wie Fugazi kennengelernt hatte, und die wuchtigen Drums von Rob Ellis ergaben eine ganz eigene Mischung, die in Sachen Dynamik und Instrumentierung – neben dem Standard-Rock-Set-up sind hier immer wieder auch mal Streicher zu hören, Harvey selbst an der Violine; schlichtweg atemberaubend das dekonstruktive Stringarrangement von »Plants and Rags« – eher auf die Pixies verweist als auf Seattle. Manchmal aber, etwa im rasenden Stoßgebet »O Stella«, sind sie dann auch einfach nur mal kurz die BESSEREN Nirvana.

Mit »Rid Of Me« erschien ein Jahr später ein weiterer Meilenstein in gleicher Besetzung (»recorded by Steve Albini«; darauf nachgetragen auch »Dry«, der Titelsong des Debüts), mit »To Bring You My Love« 1995 ein von Flood (Depeche Mode, U2, Nine Inch Nails) und John Parish (mit dem sie bereits vor den Trio-Zeiten bei Automatic Dlamini spielte und heute noch oft zusammenarbeitet) produziertes Meisterwerk, für das sie ihr Kontraalt-Timbre nochmals eine Lage tiefer gestimmt hat. Seitdem ist Polly Jean Harvey Urheberin einer fulminanten Diskografie geworden, die keine einzige schwache Platte kennt. Das können nicht allzu viele von sich behaupten. Standesgemäß begonnen hat diese Ausnahmekünstlerbiografie so stark wie verstörend mit »Dry«: Einen nachhaltigeren Eindruck haben nur wenige Debüts in der Geschichte der Alternative Music hinterlassen.