Roger & Schu – »Wir haben als Hater angefangen«

06.10.2015
Foto:Christoph Neumann
Blumentopf haben sich eine künstlerische Pause verordnet. Die beiden Topf-MCs Roger & Schu nutzen die Zeit für eine gemeinsame Platte. Ein Interview über Tatendrang, Rap als Lebensaufgabe und den Respekt für die jungen Wilden im Game.

Roger & Schu können die Füße nicht stillhalten. Nach dem Album ist vor dem Album. Während die anderen Drei vom Blumentopf sich eine Pause gönnen, haben Roger & Schu ein gemeinsames Album aufgenommen. Die Gründe dafür sind irgendwo im Feld zwischen Spaß und Berufung zu finden. Der Titel lautet »Clap Your Fingers« und steht stellvertretend für den Humor der Platte und die Lockerheit, mit der sie entstanden ist. Der Großteil der Beats stammt von Maniac (Demograffics), was dem Album einen wunderbar warmen und knusprigen Sound verleiht. Durch alle Faktoren im Zusammenspiel holen die Jungs scheinbar ohne Anstrengungen den Topf-Sound früherer Tage ins Hier und Jetzt. Da lässt sich ein nostalgisches Feeling nur schwer unterdrücken.

Warum habt ihr die Pause von Blumentopf nicht auch als Pause von der Musik genutzt?
Schu: Wir hatten halt Bock, weiter Musik zu machen. Die Frage hat sich für uns auch gar nicht gestellt, denn wir hatten schon bevor die Pause überhaupt Thema war, beschlossen zusammen Songs zu machen.
Roger: Bei manchen ist es ja so, dass sie nach der Plattenproduktion sagen: »Ich bin froh, dass ich da durch bin.« Aber bei mir ist es eher so, dass ich sage: »Ok, die Lieder sind zwar cool, aber ich hab da noch so eine Idee.« Das entwickelt sich dann entweder alleine oder in einer Gruppe. Die Anderen sind dann froh, dass wir das alleine machen und wir sind froh, dass wir niemanden überzeugen müssen.

War es euch wichtig, dass die Platte anders klingt als die letzten Blumentopf-Alben?
Schu: Wenn du denkst, wir klingen nicht nach Blumentopf, dann ist das gut, aber wir haben jetzt nicht versucht uns da krass abzugrenzen. Wir haben mit Maniac aber einen anderen Produzenten ins Boot geholt und da gibt es natürlich einen Unterschied zu den Blumentopf-Beats. Das haben wir schon bewusst gemacht.
Roger: Aber es gibt auch schon so viele Blumentopf-Lieder, die so verschieden sind, dass immer ein Lied so ähnlich klingt wie das, was man gerade macht. Man hat eben die gleiche Stimme. Der Flow ist zwar flexibel, aber man hat schon seinen markanten Stil. Für Leute, die schon lange Blumentopf gehört haben, sind wir eindeutig der Roger und der Schu von Blumentopf. Das ist aber auch nichts, wogegen wir kämpfen wollten.

Das Album klingt sehr gelöst und beinhaltet nicht wenige Songs, in denen es um den Spaß am Rap geht. Ist das etwas, was über die Jahre im Bandkollektiv ein wenig untergegangen ist? Konntet ihr jetzt freier aufspielen?
Roger: Das entwickelt sich beim Machen. So ein Fünfer-Team ist manchmal schwerer mitzureißen, so wie: »Komm wir rappen jetzt einfach mal los.«

»Für Leute, die schon lange Blumentopf gehört haben, sind wir eindeutig der Roger und der Schu von Blumentopf. Das ist aber auch nichts, wogegen wir kämpfen wollten.« ( Roger)

Und der Nächste dann so: »Ja, aber die Snare.« Dann ist schon vorbei. Ich hol mir jetzt n Bier und dann machen wir was Richtiges. Nur manchmal ist das Richtige auch das Falsche, denn man kann auch mit der richtigen Einstellung und mit dem richtigen Drive in einer Situation aus einer Idee, die eigentlich nix ist, einen geilen Song machen, wenn rüber kommt, dass es Spaß gemacht hat. Manchmal ist es halt zu zweit leichter, sinnlos drauf los zu schreiben und sich treiben zu lassen.

In »TaktTaktTakt« rappt ihr darüber, dass sich in eurem Leben alles um Rap dreht. Was bedeutet Rap bzw. HipHop für euch?
Schu: Das ist halt die musikalische Ausdrucksform, einfach die Art und Weise, wie man seine Geschichten und seinen Schmarn erzählt. Das hat für mich wenig mit irgendwelchen Lifestyle-Einstellungen zu tun.
Roger: Für mich ist es glaube ich sogar schon mehr. Also es ist schon die Musikrichtung vor allem und nicht der Klamottenstil. Aber wie man da drin hängt, wie wir da rein gerutscht sind und wie lange wir das schon machen, ist eigentlich unfassbar. HipHop ist mein Leben klingt fürchterlich. Das wäre auch schlimm, aber das ist das, was ich am längsten in meinem Leben gemacht habe. Wir sind seit ’92 dabei und damals hätte ich das nicht geglaubt, wenn mir das jemand erzählt hätte. Es ist nicht so, dass wir uns mal einen Beat anhören und ein bisschen rappen. Wenn ich mal entspannen will, dann mache ich halt einen Beat. Das ist halt mein Ding, wie so ein Idiot, wie ein Hamster, aber das ist das, was mir echt Spaß macht. (lacht)

Dass ihr Fans der Musik und der Kultur seid, merkt man ja auch an eurer Radiosendung auf dem Jugendsender puls vom br. Da finden neben den Szenegrößen auch immer Newcomer und Geheimtipps statt. Wie intensiv beschäftigt ihr euch mit den Neuerscheinung im Rap-Genre?
Roger: Wir stöbern immer, haben ein paar Favoriten und mich freut es immer, wenn mir ein Act nichts sagt und man den entdeckt, weil der richtig gut ist. Es ist nicht so, dass ich im Urlaub, wenn ich mal Zeit habe, mich dann mit deutschem Rap beschäftige, aber gerade durch die Radiosendung und weil man für sich selbst auch wissen will, wer dope ist, ist es dann doch viel Spaßrecherche. Und da gibt es auch immer ein paar Acts, auf die wir uns einigen können.

Als Veteranen in dem Spiel, schüttelt ihr manchmal den Kopf über die jungen Wilden?
Roger: Ich freue mich eher, wenn ein junger Act daherkommt und musikalisch auf alles scheißt und das Ding einreißt und sagt, wie er es machen würde. Wir beide machen das ja schon so lang, wir müssen uns ja selber einreißen dafür. Das versuchen wir bei jeder Platte ein bisschen, aber wir sind halt wir und wollen das ja auch nicht leugnen. Aber wir haben auch mit einer Antihaltung angefangen, deswegen heißen wir Blumentopf und die ersten Lieder, die hätten uns ewigen Hass eingebracht, wenn es damals YouTube schon gegeben hätte.

»Die Antihaltung gegen alles Etablierte ist ja der Motor, um wieder neue frische Musik zu machen.« ( Schu)

Wir haben eigentlich als Hater angefangen, nur dass der Hate zu der Zeit etwas Witziges war, weil alle so ernst waren. Unser Ansatz von anders-als-alle-anderen war, wir machen uns über die Ernsten lustig. Wir standen lachend auf der Bühne und haben Acts imitiert, die nach uns aufgetreten sind und die haben es nicht gemerkt. Das war unsere Antihaltung. Die Leute heute sollen es bitte genau gleich machen. Die können haten wie sie wollen.
Schu: Die Antihaltung gegen alles Etablierte ist ja der Motor, um wieder neue frische Musik zu machen.
Roger: Für uns war das vor uns auch kein HipHop und wir haben gesagt, wir definieren das neu. Es kommt ja auch immer wieder mal so ein Spruch von den Etablierten: »Das ist ja kein HipHop mehr.« Weil sie sich selbst nicht darin wieder erkennen. Ich hoffe, dass ich nie so werde, weil es im Grunde schon immer scheißegal war.

Wenn in Kommentaren zu »Gettin Busy« steht, dass ihr ein Beispiel dafür seid, das alte Rapper nur über früher rappen, stört euch so etwas?
Roger: Also das ist das einzige Stück der Platte, in dem es um früher geht. Deshalb stört mich das jetzt nicht. Aber man sieht halt, das YouTube auch eine ganz andere Zielgruppe hat. In meiner Clique schreibt keine YouTube-Kommentare. Das ist jetzt nicht wertend gemeint, aber Leute in meinem Alter, mit zwei, drei Kindern, sitzen jetzt nicht abends am Rechner und zerficken die anderen Rapper in Kommentaren. Ich hoffe es zumindest nicht. Das wäre ein Armutszeugnis.
Schu: Aber vielleicht ja doch. Schläft der Kleine schon? Na gut (ahmt jemanden an einer Tastatur nach): Ihr schwulen Opfer! (Gelächter)

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