Review

Desdemone Bardin

Jazz Zoom – Carryin’ It On

DVC Press • 2011

»I haven’t used the term †ºJazz†¹ because I don’t make a separation between the different phases of historical African American music, such as †ºBlues†¹ music, so-called †ºRock & Roll†¹ music, so-called †ºHip Hop†¹ music – I would make no differentiation between John Coltrane and James Brown; for me, James and John are the same.« Diese Worte zeigen den größeren, die Kreativität afroamerikanischer Musik vereinenden Zusammenhang, in dem Jazz nicht nur von Archie Shepp verstanden wird, sondern auch von Desdemone Bardin, deren Interviews und Fotos nun erstmals in Buchform vorliegen. 85 Interviews sind es und 127 bislang unveröffentlichte Fotos um genau zu sein, die das 1,8 Kilogramm schwere Coffee Table Book im Schallplattenformat (33×33 Zentimeter) beinhaltet. In Interviews mit Lester Bowie, Marshall Allen, Leroy Jenkins, Archie Shepp, Cecil Taylor oder Fontanella Bass zeigt das Buch gemeinsame ästhetische, politische und soziologische Linien auf. An einer Stelle heißt es, es gehe um »The Be Bop and the Hip Hop of it all«. Doch Jazz Zoom – Carryin’ it On gelingt noch mehr und deckt Querverweise zu anderen Künsten auf, thematisiert mit dem Saxophonisten Henry Threadgill anhand der Poesie von Derek Wolcott den Einfluss des geschriebenen Wortes auf die Musik, befragt Anthony Braxton nach dem Zusammenspiel von Visual Art und seiner Musik, streut Gedichte von Ntozake Shange, Tracie Morries und Quincy Troupe wie beiläufig in den Musikdiskurs ein, genauso wie eine Zeichnung von Jerome Lagarrigue. Mit dem im letzten Jahr verstorbenen Tenorsaxophonisten Marion Brown, der auch ein toller bildender Künstler war, bespricht Desdemone Bardin die Verbindung von Jazz und Malerei. Er sagt: »I think one thing that links all art forms is content and style and my style, whether I’m painting or playing, is the same. My style in art is the beauty of the line and the movement of the breath.« Genau das ist es, was auch dieses Buch ausmacht, ein bestimmter Stil, eine Haltung, eine bestimmte Linie. Jazz Zoom ist demzufolge das Jazz-Vermächtnis von Desdemone Bardin. Eine Einfachheit und doch Fokussiertheit kennzeichnet ihre Fotos als auch ihre Interviews. Beides sind von der Art her Skizzen, die den Porträtierten grob zeichnen, nicht vollends entlarven. Es sind Improvisationen, Momentaufnahmen, die nicht das Werk, wohl aber den Sound eines Künstlers vermitteln. Mehr Kompliment für ein Jazzbuch geht nicht. Einziger Wermutstropfen ist, dass man nicht erfährt, wann die jeweiligen Interviews oder auch die Fotos entstanden sind. Jazz in seiner Komplexität ist schon besser aus der Zeit seines Entstehens verständlich. Eine zeitliche Einordnung hätte das Erkennen von Zusammenhängen und Situationen noch erleichtert. Das ändert nichts daran, dass Jazz Zoom eine Huldigung einer noch immer weithin unterschätzten Musik grenzenloser Kreativität und ihrer Protagonisten ist. Es ist aber eben auch eine Verbeugung vor der vor zehn Jahren verstorbenen Fotografin und Soziologin Desdemone Bardin, einer in frühem Kindesalter dem Jazz verfallenen, glühende Anhängerin dieser Musik, eine – wie sich selbst nannte – »Jazz agitproptiste«.