Diedrich Diederichsen

Über Pop-Musik

Kiepenheuer & Witsch • 2014

Diedrich Diederichsen, Pop-Theoretiker, langjähriger Autor für »Sounds«, ehemaliger Redakteur und Herausgeber der Musikzeitschrift »Spex«, Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, hat ein neues Buch geschrieben. Wieder ist es eine Tour de Force durch die Pop- und Kunstjahre, in dem eine grundsätzliche Erkenntnis von Diedrich Diederichsen – ein weiteres Mal – auf den Punkt gebracht wird: Pop hat sein Widerstandspotential verloren, doch trotzdem bleibt Pop immer politisch. In dem dicken Schmöker »Über Pop-Musik« wiederholt Diederichsen bekannte Thesen, die er selbst in anderen Werken wie etwa »Eigenblutdoping« schon ausgeführt hat. Das macht das neue Buch nicht weniger spannend, das sich als Opus magnum versteht. Eine weitere Kernthese des Bandes ist, dass Pop-Musik im Grunde gar keine Musik ist, sondern »ein Hybrid aus Vorstellungen, Wünschen, Versprechungen«. Belege findet Diedrich Diederichsen naturgemäß nicht nur im Pop, sondern im Film, in der Kunst, Literatur, Soziologie oder Jazz.

Was »Über Pop-Musik« von anderen Schriften des 1957 geborenen Autors unterscheidet, ist, dass an vielen Stellen die Biografie des Autors, seine Liebe zum Sujet zum Thema gemacht wird. Die Liebe zum Bluesrocker Johnny Winter etwa. Die Liebe zum Konzert als persönliches Pop-Ereignis. Über 480 Seiten wandert Diedrich Diederichsen mit dem Leser durch die Geschichte der Popmusik, schreibt über Jazz, über Elvis und Adorno, über Punk und Techno, den Postrock von Gastr Del Sol, die Körperlosigkeit von Scritti Politti, über »Drones, Dub und Bässe« oder über den »Song als Negation der Negation«. Verbindet Fan-Tum und messerscharfe Analyse, denkt über den Begriff von »Pop« nach, über den »Subkulturalismus nach Foucault« – findet neue Ideen für alte Fragen, findet überraschenderweise auch einen neuen Ton irgendwo zwischen grenzenloser Zuneigung und Theorieverliebtheit. Und auch in diesem Buch wird wieder das utopische Potential von Popmusik ausgelotet. In den »komischen Geräuschen« der Popmusik liegt »ein Weg zur Welt«, wie es Ulf Poschardt in einem Artikel über »DD« richtig erkannt hat: Pop sei »ein Möglichkeitsraum, in dem Menschen aufwachsen und sie selbst sein können, bevor sie in die Anpassungs- und Unfreiheitsmühlen der Gesellschaft geraten.«
Diederichsen schreibt mit einem Wissen über Pop, Avantgarde, Kunst und Artverwandtes, wie es nur wenige vor ihm getan haben. In den englischen und amerikanischen Cultural Studies ist diese Form der Betrachtung nicht neu, dieser Versuch, das Phänomen Pop von allen Seiten zu beleuchten. In Deutschland gibt es nur wenige Autoren, die ein solches Vabanquespiel zwischen Theorie und Praxis hinbekommen. »Über Pop-Musik«, so heißt es, soll das letzte Buch von Diedrich Diederichsen sein, das sich mit Pop beschäftigt. Eine Art Abgesang. Aber auch: ein persönlicher Abschied.

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Diedrich Diederichsen
Über Pop-Musik
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