Mycorrizhal Music erhebt den Anspruch, »kinetische Ambient-Musik« zu sein. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Oxymoron, ein in sich widersprüchlicher Ausdruck. Bewegende Hintergrundmusik – ist das nicht wie ein alter Knabe oder beredtes Schweigen? Ein Unding? Vielleicht. Doch Ess Whiteley hält Divergenzen aus.
An der University of California San Diego verfolgt Whiteley derzeit einen PhD und macht theoriegesättigte Musik. Doch halt: Nur weil Deleuze-Anspielungen in Werbematerialien und Liner Notes wie Pilze aus dem Boden schießen, heißt das nicht, dass die Musik genauso verkopft ist. Ganz im Gegenteil ist Mycorrizhal Music fröhlich, unbeschwert und sanft wie ein Windhauch. Seinem Aufbau nach bewegt sich das Album merklich im Fahrwasser von Steve Reichs kontrapunktischen Kompositionen. Klanglich ist Whiteley jedoch eher IDM, New Age und experimenteller elektronischer Musik gewogen.
So entsteht ein unaufdringliches, aber verspieltes Album. Es erinnert teilweise stark an Kaitlyn Aurelia Smith. Vor allem aber daran, dass Tanzen nur eine Art der Bewegung ist – eine kulturell überformte, ritualisierte Art, sich zu bewegen. Die Kinetik von Mycorrizhal Music ist kindlicher. Es ist Musik für alle, die in basalen Akten – Tasten, Schmecken, Gehen – jene zutiefst menschliche Erkundungslust wiederentdecken wollen.

Mycorrhizal Music