Die starke These des Psycho- und Kulturanalytikers Klaus Theweleit und seines vor zwei Jahren erschienenen Buchs a-e-i-o-u lautet: Die Vokale unserer Sprache sind auf dem Meer zwischen den griechischen Inseln entstanden. Denn da, wo ein ganzes Land permanent auf See sein muss, um zu handeln, sich Geschichten zu erzählen oder auch mal zu brandschatzen, kommt man mit aneinandergereihten T-K-G-Ch-Abfolgen nicht weit. Gegen den Sturm muss man »AAAAAAAAAAN« schreien.
Bereits vor über 50 Jahren, genauer: im Jahr 1970, nahmen drei Briten, der Pianist Neil Ardley, der Trompeter Ian Carr und der Saxofonist Don Rendell, eine Platte auf, die in dieselbe Kerbe schlägt. Nie neu aufgelegt, abgesehen von einem Bootleg-Verbrechen, verkamen die Greek Variations zum Goldenen Vlies des englischen Modern Jazz: Viele suchten nach ihr, die wenigsten waren erfolgreich und mussten hohe finanzielle Verluste erleiden. Die Neuauflage von Decca beweist aber, dass sich all der Aufwand gelohnt hat, denn – wie bereits erwähnt – dem Trio und einem formidablen Sidecast gelingt ganz nebenbei eine Kulturgeschichte des antiken und modernen Griechenlands.
Lyrisch spielt sich das Ensemble durch phrygische und lydische Tonmodi, verbindet mal urfolkige Pentatonik mit byzantinischer Mikrotonalität und nutzt die klassischen griechischen Motive, auch Dromoi genannt, um einen magischen Soundtrack zu hellenistischen Mythen und Sagen zu liefern, dabei aber immer in der Gegenwart des 20. Jahrhunderts zu bleiben. Das Warten hat sich gelohnt.

Greek Variations
