Príncipe und ein Sound, der sich nicht vertreiben und nicht verwaschen lässt

26.03.2026

Stile wie Kuduro oder Gqom haben sich als Gegenpol zur eurozentristischen Four-to-the-Floor-Dominanz etabliert. Als Príncipe Discos 2011 seine Arbeit aufnahm, war die Förderung randständiger Musik noch Pionierarbeit. Anfangs begegnete man dem Label durchaus auch mit Skepsis.

Neudeutsch würde man Lissabon wohl als Hub bezeichnen, was in diesem Fall bedeutet: Gentrifizierung, Laptop-Cafés, kultureller Substanzverlust aufgrund überstrapazierter Kapazitäten.

Príncipe Discos steht für ein anderes Lissabon. Eines, das seine bewegte tanzmusikalische Geschichte thematisiert und kurzlebige Trends ausblendet. Príncipe Discos, man kann es ruhig so sagen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Plattform für Musiken abseits der herkömmlichen Techno-House-Zusammenhänge zu schaffen — und sich insbesondere mit afrodiasporischen Stilen auseinanderzusetzen, die aus der portugiesischen Kolonialgeschichte resultieren.

Diese Philosophie praktiziert das Label seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2011. Die EP Eu Sei Quem Sou des Gründervaters DJ Marfox kann als Blaupause für den Klang von Príncipe herangezogen werden. In den drei Tracks tut sich viel und davon eine ganze Menge. Kurze, abgehackte Vocal-Chops, die ähnlich wie etwa in Footwork-Tracks von DJ Nate widerhallen, spitze, schiefe Synths, die in Alarmbereitschaft versetzen. Zwischen die Kicks passt stets noch mehr Perkussion, organisch und anorganisch.

Spätestens seit der Pandemie haben Stile wie der ursprünglich angolanische Kuduro oder der südafrikanische Gqom oder Labels wie das ugandische Nyege Nyege sich als ästhetischer Gegenpol zur eurozentristischen Four-to-the-Floor-Herrschaft etabliert. Vor 15 Jahren allerdings, als Príncipe Discos seine Arbeit aufnahm, bedeutete die Schöpfung einer Plattform für buchstäblich randständige Musik aus den Außenbezirken Lissabons Pionierarbeit.

Herkunft, die hörbar bleibt

Sich auf kolonialgeschichtlich tradierte Genres zu spezialisieren, erfordert Sensibilität. Diese braucht es in noch größerem Ausmaß, wenn sich diese Kolonialgeschichte im eigenen Stammbaum nicht wiederfindet. So der Fall bei den vier weißen Gründern von Príncipe: »Anfangs meinten die Künstler:innen Sachen wie: ›Wir haben diese Typen noch nie gesehen, und jetzt kommen sie hier an, um uns unsere Musik zu nehmen‹«, sagte Márcio Matos gegenüber Pitchfork vor sechs Jahren. Man habe den Acts erst zeigen müssen, dass man tatsächlich für sie arbeite.

Unabhängig von den Absichten der Príncipe-Gründer kommt das anfängliche Misstrauen nicht von ungefähr: Die Musikhistorie ist voller Fälle kultureller Ausbeutung und des Whitewashings von Stilen, die dem Erbe von Afro-Communitys entspringen – von Rock’n’Roll, Rap, Techno und House, und logischerweise auch aktuelleren Spielarten. Tanzmusik aus dem Globalen Süden ist inzwischen Politikum, Fetisch und Markt zugleich. Die Musik wird rein wegen ihrer Herkunft diskursive Relevanz zugeschrieben, da wird diskutiert und abgekultet. Oft genug verfällt man mit genau solchen Mechanismen in alte Muster und wird der Musik eben nicht: gerecht. Denn eine kritische Auseinandersetzung mit dem tatsächlich Gehörten, dem Klang und seiner Komposition, gerät in den Hintergrund. Im Falle von Príncipe Discos gilt das Gegenteil.

Die Arbeit, die man seit anderthalb Dekaden macht, ist nicht nur wichtig, wie es in wohlstandslinken Blasen so gerne heißt, sie ist schlichtweg gut und künstlerisch über jeden Zweifel erhaben. DJ Lycox’ Album Guetto Love von 2024 etwa fängt den Klang von Príncipe auf Albumlänge zeitgemäß ein: »Edson no Uíge« liefert Gitarrenmelancholie, ähnlich der von Mr Raoul K. Der Titeltrack ergeht sich in selbstbewusst schmalziger Romantik ohne musikalische Allgemeinplätze, »Pedale Ku El« oder »Continua a Mexe« sind exakt jene Überlappungen verschiedenster Signale, Rhythmen und Geräusche, mit denen das Label Reizüberflutung zum innovativen Stilmittel erhob.

Sowieso liest man das Wort »Guetto« in Titeln von Príncipe Discos mit am häufigsten. Das wiederum lässt sich leicht als Statement lesen – und als Mahnung daran, wem Lissabon tatsächlich gehört. Nicht den Gentrifizierer:innen, sondern jenen, die die Stadt seit Generationen mit Leben füllen.

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