Neue Grafik wählt den anderen Weg, um das große Gefühl zu vertonen

16.02.2026
Foto:Niclas Weber / Week-End Records

Es ist das ganz große Thema, das Neue Grafik musikalisch aufbereitet: Liebe. Doch anstatt dafür, wie man vermuten könnte, das Orchester ins Studio zu quetschen, geht es N’Thepe ganz anders an.

Er begegnet dem aufgeladenen, dem vielstimmigen, dem sich niemals erschöpfenden Topos Nummer 1 mit: so wenig wie möglich. Fred N’Thepe aka Neue Grafik beschränkt sich ganz bewusst in seinen Werkzeugen. Immer wieder benutzt er dasselbe Equipment. Präzision ist das Ziel. Direkt den Punkt treffen.


N’Thepe ist mit seinem Neue Grafik-Projekt tief in urbaner Musik verwurzelt. Er wächst mit Hip-Hop auf, später kommt Jazz dazu, was er später auch studiert. Genres werden nicht zu Bereichen, zwischen denen der Musiker sich bewegt, sondern zu Werkzeugen, derer er sich bedient.

Mit seinem jüngsten Album, Rachael, will der aus Paris stammende und heute in London lebende Musiker »emotionalen Veränderungen in Klang zu übersetzen: die Intensität eines ersten Kusses, Verletzlichkeit, Freude—aber auch das Chaos und die Verwirrung«. Das ganz große Geschütz. Er begegnet ihm klarer Hand.

Nenn es Gefühlspräzision

Mit einer übersichtlichen Komposition aus Streichern und Klavier klopft der Opener an, das Herz pocht, die Aufregung ist da, das Chaos noch fern. Und dann: House. »Narcissus 909« führt die junge Liebe aus, tanzen gehen. Das erhobene Herz macht auch die Füße leichter. Es folgt Acid. Man bleibt bis in die Morgenstunden. Danach: R&B. You get the idea.

 Die Story ist klar. Bis sie es nicht mehr ist.

Es geht schließlich um Liebe (da gehören hier zwischenzeitlich auch Chlamydien dazu).

N’Thepe behält in den einzelnen Stücken den Fokus. Indem er die Instrumente reduziert,—meist auf Klavier/Keyboard, Rhodes und Synthesizer—schälen sich die einzelnen Gefühle deutlicher raus, und es können dadurch erst die feine Nuancen und subtile Spannungen zwischen ihnen nachvollzogen werden. In der Progression des Albums wiederholt N’Thepe dann bewusst einzelne Klänge, verbindet so die einzelnen Epochen zu einer zusammengehörigen (Liebes-)Geschichte.


Das Ergebnis ist Musik, in der Kontrolle und Freiheit gleichzeitig spürbar werden.

Inspiration findet N’Thepe bei Künstler:innen, denen Sounddesign und konzeptionelle Klarheit wichtiger sind als Genregrenzen. Besonders den Ansatz von Flying Lotus, Alben als in sich geschlossene Welten zu begreifen, greift er mit Neue Grafik auf: Es geht weniger um einzelne Tracks als um Storytelling.
Das Arbeiten mit vertrautem Equipment unterstützt diesen Ansatz: Entscheidungen fallen schneller, Details werden bewusster gesetzt, Wiederholungen bekommen Bedeutung. Dadurch, dass er sich auf wenige Instrumente fokussiert, weiß er jederzeit, verleiht er jedem einzelnen eine ungemeine Treffsicherheit.

Das Ergebnis ist Musik, in der Kontrolle und Freiheit gleichzeitig spürbar werden. Kontrolle durch das klare System und die bewusste Auswahl der Mittel, Freiheit durch die vielen Bedeutungen, die ein einzelner Klang je nach Kontext entfalten kann. So kann man auch aufs Spielfeld der Liebe führen, die Bandbreite der Erfahrungen öffnen: »Körperlich auf der Tanzfläche oder emotional auf eine introspektive Weise.«

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