Es fällt schwer, nicht an die erschütternden Bilder aus der mehrfach ausgezeichneten Serie Chernobyl oder die »Bathroom Dance«-Szene aus Todd Phillips’ Joker zu denken, wenn die Streichinstrumente auf Where to From ihr Leid klagen und immer wieder innehalten, als müssten sie kurz Luft holen. Dass Hildur Guðnadóttir eine Virtuosin auf dem Gebiet der Filmmusik ist, wurde ihr längst mit einem Oscar und anderen wichtigen Auszeichnungen bescheinigt. Und obwohl sie für ihr erstes Soloalbum nach über einem Jahrzehnt bewusst den Klang eines Soundtracks vermeiden wollte, lässt sich der cinematische Grundton kaum leugnen.
Die düsteren Streicher bewegen sich zwischen leisen Passagen und ausgedehnten Ausbrüchen, als würden sie um etwas oder jemanden trauern. An anderer Stelle setzt die Komponistin mit den Stimmen von Else Torp und Jessika Kenney dem ehemaligen Präsidenten Uruguays, Pepe Mujica, ein Denkmal und verwandelt Aussagen aus einem Interview in einen sakral anmutenden Lobgesang auf die Introspektion. Dieser hoffnungsvolle Moment wird jedoch von Guðnadóttirs eigenem mystischen Gesang in »Fólk fær andlit« (»Menschen bekommen Gesichter«) gebrochen. Sie schrieb das Stück als Reaktion auf den Umgang Islands mit geflüchteten albanischen Familien, die 2015 aus dem Land abgeschoben wurden. Mit kühler Atonalität präsentiert die isländische Musikerin erneut eine musikalische Untermalung der Gegenwart und vertont das beklemmende Endzeitdrama, das sich Realität nennt.

Where To From