Carrier findet die Zukunft von Drum’n’Bass am Knochen des Sounds

26.01.2026
Foto:Jorre Janssens / Modern Love

Drum'n' Bass? Das ist doch das hyperaktive Zappel-Genre? Nicht, wenn Guy Brewer aka Carrier sein Skalpell anlegt. Unter der Oberfläche sucht er nach der Zukunft des Genres.

Forscher:innen und Ärzt:innen sind sich einig: Langeweile ist in unserer Zeit kein Leidenszustand mehr, sondern ein Luxusgut. Sie »fördert nicht nur kreative Ideen, sondern auch emotionale Kompetenz und Reife«, heißt es etwa auf gehirn.info. Und wo sonst sollte nichts als die Wahrheit stehen? Guy Brewer langweilt sich leicht. Aber er langweilt sich nicht gern: Für ihn bedeutet Langeweile Stagnation. Ihn treibt der Drang an, sich zu entwickeln, Dinge anders zu machen als der Rest.

Von Anfang der 2010er- bis Anfang der 2020er-Jahre schuf er als Shifted und auf seinem Label Avian eine eigene Techno-Ästhetik, meist im Four-to-the-Floor-Rhythmus, dennoch wiedererkennbar in seiner kargen, obgleich satt produzierten Ausweglosigkeit. So lange, bis er das Gefühl hatte, »in diesem Zusammenhang nichts mehr sagen zu können. Nach zwölf Jahren habe ich keinen Weg mehr gefunden, noch originell zu sein«, wie er 2025 gegenüber der GROOVE gesteht.

Was also tun? Auf zu neuen Ufern? Nur gewissermaßen, denn um neue Inspiration zu finden, kehrte Brewer zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Zu jenen Einflüssen, die ihn Mitte der Neunziger für elektronische Musik begeisterten: Dub Techno der ersten und zweiten Welle, Acts wie Monolake oder Basic Channel, und vor allem: Drum’n’Bass. Mit 15, 16 Jahren begeisterte den jungen Guy, was aus der Soundsystem-Ursuppe und deren Keimling Jungle erwuchs. Ratternde Breaks, Grollen im Leerlauf und die exakt richtige Dosis Jazz und Soul. Um seine musikalischen Wurzeln zu ehren und mit ihnen wieder auf Tuchfühlung zu gehen, veröffentlichte er 2024 das Mixtape Pre-Millennium Witchcraft (1995 – 1998) auf Berceuse Heroique. Tatsächlich klingt es frisch. Naivität, Experimentierfreude und Aufbruchstimmung der Neunziger triefen aus jedem Track.

Weg vom Rand des Abgrunds, mittenrein

Zu diesem Zeitpunkt nennt sich Brewer nicht mehr Shifted. Längst hat er ein neues Alias angenommen: Carrier, ein Begriff aus der FM-Synthese in der elektronischen Musikproduktion – und gleichzeitig ein Statement. Für Brewer kommt die Musik zuerst. Er ist einer jener Künstler, die in ihrem Schaffen keinen Humor, keinen doppelten Boden kennen. Als erste Veröffentlichung im neuen Gewand erschien 2023 das Tape Lazy Mechanics auf The Trilogy Tapes. Es vermittelt einen bleibenden Eindruck davon, wie Carrier klingen soll. Noch immer maschinell und düster, doch konstant suchend, weniger funktional. Während Shifted am Rande des Abgrunds tanzte, begibt sich Carrier geradewegs in diesen hinein und durchpflügt ihn sorgfältig.

»Ich bin kein Nostalgiker. Ich möchte, dass sich Dinge wie die Zukunft anfühlen, nicht nach Retrofuturismus.«

Guy Brewer aka Carrier

Doch erst die EP Fathom, die Ende 2023 erschien, nagelt Brewers neuen Klang so richtig fest. Sie klingt trocken und metallern, ein wenig nach jenen Autechre-Veröffentlichungen ab Anfang der Zweitausender, auf denen das ebenfalls britische Duo seine ehedem ausladenden Melodiebögen zugunsten wild zuckender Beatmuster wegrationalisierte. Carriers Musik treibt jener Impuls an, der Shifted für Brewer obsolet machte. Sie zuckt vermeintlich unvorhersehbar, schlurft wie ein röchelndes Alien durch eine verlassene Raumstation, folgt dabei aber einem von komplexen Polyrhythmen verschleierten Muster.

Aufreibung überall: Guy Brewer sucht gewiss keinen Komfort (Foto: Jorre Jannsens / Modern Love)

Im oben zitierten Interview erklärt Brewer, was ihn neben Stillstand noch antreibt – die Vermeidung von Rückschritt: »Ich bin kein Nostalgiker. Ich möchte, dass sich Dinge wie die Zukunft anfühlen, nicht nach Retrofuturismus. Und genau dieses Gefühl wollte ich auch in Bezug auf Drum’n’Bass verarbeiten.« Diese Meisterleistung gelingt ihm 2025 mit dem Album Rhythm Immortal. Es ist die logische Konsequenz aus Pre-Millennium Witchcraft (1995 – 1998) und Brewers Ansprüchen an sich selbst, eine formvollendete Schreckensvision seines Lieblingsgenres. Auf der LP sieht sich das Genre seines Übermuts beraubt, auf sein nacktes Skelett reduziert, minutiös seziert. Da, wo der Knochen fühlbar wird, kommt Gewiss keine Langeweile auf.

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