Wenn du Sky Girl in deinem Leben hast, kann es überall passieren. Beim Trinken mit den Friends, unter einem Apfelbäumchen sitzend, bei einem Spaziergang und die Wolken sehen einfach irgendwie special aus heute: plötzlich denkst du daran. Plötzlich fällt dir Sky Girl ein. Wie großartig es ist, wie besonders. Und wie komisch das ist, wie sehr diese unwahrscheinlichen Lieder es schaffen, sich mit den eigenen Erinnerungen zu vermischen. All diese Bilder und Atmosphären. Aber auch die Gefühle. War es die eigene Vergangenheit oder war es Sky Girl?
Erschienen ist diese Zusammenstellung von weirdly schönen Liedern 2016. Zusammengesucht und zusammengestellt haben sie Julien Dechery und DJ Sundae. Wobei hier direkt die Tatsachen auch schon wieder ungenügend werden. Zusammenstellen. Das ist nicht, was es war. Verflochten vielleicht. In perfekter Reihenfolge in den Wind geschmissen – und von allen Seiten kommt er dann und von allen Seiten piekst er und wühlt er etwas auf.

Sky Girl
Christliche Beschwörungen. Schlafzimmer-Pop, Küchentresen-Wave, »Acid-Loner-Folk«. Aufgenommen zwischen 1961 und 1991. Alle irgendwo anders auf der Welt entstanden. Diese vielen kleinen Orte. Und trotzdem ist es, als wären diese Songs dafür bestimmt, nebeneinander zu stehen, in ihrer schwer greifbaren Eingängigkeit.
Neben dem Melodiösen ist es die Sentimentalität, die diese Stücke zusammenhält; und der meist naive Ausdruck. Man will diesen Songs ein sensibles Gegenüber sein, so roh sind sie, so wahrhaftig wirken sie, so intim ist die Specificness ihrer Beschreibungen. Man ist da, im Auto »driving through the canyon«; als er ihre Hand zum ersten Mal berührt; natürlich auch als der Kaffee kalt wurde, »on the esplanade«.
Von diesen Liedern kann man den Staub klopften, so haptisch sind sie, so vollgesogen mit Privatgeschichte. Es gab all diese Momente. Man kann das fühlen. Und deswegen müssen sie nicht von Verlust handeln, um ihn fühlbar zu machen. Verlust: der direkte, der akute, der an eine Person geknüpfte. Aber auch der universale, der in den Stoff der menschlichen Erfahrung eingepreiste, der unweigerliche, der immer immer feststehende.
»I don’t do happy songs very well.«
Joyce Heath
Hier ist die Geschichte von Sky Girl. Erzählt von den beiden Sammler und Kompilatoren, DJ Sundae und Julien Dechery. Von Labelmacher und Visionär Michael Kucyk. Von Filmemacher und Kommunikator Glen Goetze. Und von den drei Künstler:innen Linda Smith, Scott Seskind und Karen Marks.

DJ Sundae: Ich glaube, alles begann, als ich Cosmo Vitelli in Paris traf. Wir fingen an, Musik auszutauschen. Ich erinnere mich, dass ich die Joe-Tossini-LP und andere Privatpressungen, wie zum Beispiel von Tommy Mandel, in sein Studio mitbrachte, um sie zu rippen. Cosmo hatte die Idee, dass es nice sein könnte, diese Unter-dem-Radar-Songs zusammenzustellen. Etwa zur gleichen Zeit lernte ich Julien kennen. Er stand genau auf die gleiche Art von Platten, was für mich damals ziemlich unerwartet war – von Original-Hip-Hop-Samples über japanische Ambient-Musik und Indie-Rock bis hin zu, natürlich, Folk-Rock aus Privatpressungen. Wir verstanden uns auf Anhieb.
Julien Dechery: Wir hatten einen recht ähnlichen Hintergrund, ähnliche musikalische Vorlieben und eine ähnliche Sensibilität sowie dieselbe Neugier. Wir waren auch ziemlich überrascht, als wir feststellten, dass es einige ziemlich obskure Titel gab, die wir beide bereits kannten.
DJ Sundae: Unsere ursprüngliche Idee war es, hauptsächlich privat gepresste Platten zusammenzustellen (ein bisschen wie Dante Carfagnas großartige Personal Space-Compilation), aber daraus entwickelte sich schnell etwas Umfassenderes, das sich mehr an der Stimmung der Songs und der Zerbrechlichkeit ihrer Produktion und Aufnahmen orientierte.
Michael Kucyk: Ich war zufällig gerade in Paris, als ich das Label gründete, und lernte Laurent und Julien über unseren gemeinsamen Freund Misha Hollenbach (P.A.M.) kennen, der das Artwork für ihre Prototyp-CD entworfen hatte. Sie erwähnten, dass sie keine Titelliste beigefügt hatten, weil sie hofften, die Lizenzen ordnungsgemäß zu regeln. Ich bot mich direkt und ohne zu zögern an.
Wow, Mom!
Linda Smith: Ich war wahrscheinlich zu Hause und habe meine E-Mails gecheckt. Ich habe mich sehr über die Einladung von Efficient Space gefreut. Meine Musik war nicht sehr bekannt, vor allem im Ausland nicht. Es kam mir also zuerst sehr verwunderlich vor.
Karen Marks: Eines Tages bekam ich einfach eine E-Mail. Ich wusste nicht, wer sie waren oder woher sie kamen, aber was sie geschrieben hatten, muss mir wohl gefallen haben, denn ich hatte andere Anfragen, die ich ignoriert hatte. Ich habe sie an meinen Freund Greg Macainsh von Skyhooks weitergeleitet, der ein ziemlich gutes Gespür dafür hat, ob Leute es ernst meinen oder nicht. Sie haben den Test bestanden.
Und dann, sechs Monate später, bekam ich per Post eine CD und eine Vinyl-Ausgabe von Sky Girl. Zu meiner großen Überraschung, denn ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass daraus viel werden würde. Ich habe die CD im Auto aufgelegt und war von dem Ganzen begeistert. Es war perfekt. Ich war wirklich begeistert, dass ich daran beteiligt war.
Ich war mit meinen Kindern in Paris und wusste, dass Sky Girl bei Colette verkauft wurde, was ziemlich beeindruckend war. Wir gingen hinein und ich fragte: »Habt ihr Sky Girl? Der Verkäufer sagte mir auf Französisch, dass es ausverkauft sei. Ich erinnere mich, wie meine Kinder mich ansahen und sagten: ›Wow, Mama!‹«


Kleine Räume ohne ein Zuhause
Julien Dechery: Es ist eher eine Zusammenstellung von Gefühlen als ein Projekt, das durch ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Stil definiert ist. Außerdem bin ich besonders stolz darauf, dass – obwohl die Songs recht obskur sind und das Projekt auf dem Papier ziemlich nischig oder leicht elitär wirken könnte – es sich meiner Meinung nach beim Anhören gar nicht so anfühlt. Es hat etwas sehr Unmittelbares und Zugängliches an sich.
Michael Kucyk: Man ergibt sich selig dieser emotionalen Anziehungskraft. Lieder, die es erst seit einer Minute gibt, die einen doch irgendwie bis ins Innerste zu kennen scheinen, einen wie ein offenes Buch lesen und verlorene Erinnerungen wiederbeleben, an denen sie gar nicht beteiligt waren. Diese Intensität ist wirklich eine Art Zauberei.
DJ Sundae: Ivan Smagghe hat es in den Liner Notes sehr treffend formuliert, als er Sky Girl als »kleine Räume ohne Zuhause, selbstgemachte Juwelen, die keine anderen brauchten, um in der Sonne zu glänzen« beschrieb. Hier gibt es keine Anmaßung, nur Lichtblitze.
Glenn Goetze: Diese Songs werden von einer tief nachhallenden Melancholie zusammengehalten, die wir alle schon einmal empfunden haben, aber nicht so gut in Worte fassen können wie Sky Girl. Ich hatte den Eindruck, als sei diese besondere, fast unbeschreiblich emotionale Musik, die sie geschaffen hatten, in den meisten Fällen kein Zufall, sondern vielmehr das Werk von sehr einfühlsamen, einzigartigen Künstlern, die nie nach Anerkennung strebten und einfach nur etwas ganz Universelles anzapften, das herauskommen musste. Sie kamen alle aus unterschiedlichen Orten und mit unterschiedlichen Hintergründen, aber diese echte, ungefilterte Kunstfertigkeit und der Mangel an Anerkennung waren etwas, das alle gemeinsam hatten.


Back in the days
Scott Seskind: Ich bin jetzt 66. Damals war ich 31. Ich lebte mit meiner Frau und meinem fünfjährigen Sohn in einer Wohnung in Boulder, Colorado, und arbeitete in der Nachtschicht in einer stationären psychiatrischen Einrichtung. Zu dieser Zeit schrieb ich viel und hoffte immer noch, dass ich vielleicht eine Karriere als Singer-Songwriter machen könnte. Das Schreiben und Singen waren für mich Formen des Selbstausdrucks. Ich habe den Song, wie alle Songs auf meinen beiden Alben, zu Hause auf einem kleinen Tascam-Vierspur-Kassettenrekorder aufgenommen.
Linda Smith: Ich wohnte damals zur Untermiete bei einer Freundin und hatte bereits begonnen, mit einem 8-Spur-Spulenbandgerät, einem Fostex R8, aufzunehmen. Die Vierspur-Kassettenmethode, die ich zuvor verwendet hatte, bot nicht genügend separate Spuren. Ich trat nur sehr selten live auf und zog es vor, an meiner Musik zu arbeiten, indem ich die meisten Spuren selbst einspielte. Ich war sozusagen nie Vollzeitmusikerin – aber ich betrachtete Musik auch nicht als Hobby im eigentlichen Sinne.
Karen Marks: Nachdem ich die Boys Next Door gemanagt hatte, übernahm ich die Adelaide-Punkband JAB, was mich schließlich zu den Model führte, die von Johnny Crash und Ash Wednesday von JAB zusammen mit Sean Kelly und Mark Ferrie gegründet worden waren. Ash und ich stiegen 1980 aus der Band aus. Zu dieser Zeit wohnte er in einem Lagerhaus in der Brunswick Street in Fitzroy, und wir verbrachten dort unsere Zeit damit, mit Musikinstrumenten herumzuspielen. Ich hatte diesen fabelhaften kleinen Synthesizer namens EDP Caterpillar, der all diese verschiedenen Klänge hatte.
Ash hatte diese Art zu schreiben, ganz im Stil von William Burroughs. Ich habe mir Dinge aus dem Fernsehen herausgepickt und Sätze aufgeschrieben. Wir haben eigentlich nur ein bisschen mit verschiedenen musikalischen Ideen herumexperimentiert und in dieser Zeit ein paar Songs geschrieben. Wir hatten dabei keine bestimmte Absicht. Wir haben es einfach gemacht.
Lessons
Scott Seskind: Ich bin mit meiner musikalischen Karriere nicht zufrieden. Ich hatte gehofft, erfolgreich zu sein. Ich bedauere, dass ich nicht mit Leuten aus verschiedenen Bereichen des Musikgeschäfts zusammengearbeitet habe. Ich habe versucht, zu viel alleine zu schaffen. Ich bedauere, dass ich mich so leicht unterkriegen ließ.
Linda Smith: Ich habe mir zwar im Laufe der Jahre mehr Zuhörer gewünscht, aber ich habe nie an Ruhm und Reichtum im herkömmlichen Sinne gedacht. Ich bin nicht live aufgetreten, war nicht auf Tour, hatte keine Band und keinen Plattenvertrag. Ich mochte es, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Meine Erwartungen und Ambitionen waren nicht groß. Jetzt, wo ich in meinem fortgeschrittenen Alter tatsächlich Live-Konzerte gebe und kurze Tourneen mache, wünschte ich mir, ich hätte mich schon in jüngeren Jahren, als ich noch fitter war, mehr für diesen Aspekt interessiert. Aber damals gab es kaum Interesse seitens des Publikums, und durch meine Vollzeitbeschäftigung blieb mir dafür kaum Zeit.
Karen Marks: Ich frage mich oft, ob ich, hätte ich das Selbstvertrauen gehabt oder wäre ich ehrgeiziger gewesen, meine Musik bei englischen Plattenfirmen hätte anbieten sollen. Hätte ich es ernst genug genommen – wer weiß, was dann vielleicht passiert wäre?
Eine andere Zukunft
Michael Kucyk: Ich glaube, die Auswirkungen der Compilation habe ich am unmittelbarsten bei Karen Marks miterlebt, die mittlerweile nur ein paar Vororte von mir entfernt wohnt. Das Wiederauftauchen von »Cold Café« hat ihr wirklich die Tür zu einem völlig neuen Kapitel in ihrer Karriere geöffnet. Sie wurde anschließend von Fever Ray, Jarvis Cocker und Beach House unterstützt, war in einem Thrasher-Skatefilm zu sehen, trat als Gast in der Sendung »The Do!! You!!!«-Show auf NTS auftrat, wurde Gegenstand einer ABC-TV-Dokumentation und gab schließlich ihr allererstes Headliner-Konzert vor ausverkauftem Haus in der Melbourne Town Hall. Es war unglaublich, all das mitzuerleben, und ich bin wirklich stolz darauf, dass wir einen kleinen Teil dazu beitragen konnten, dass Karen ein wichtiges Stück ihres eigenen Erbes zurückgewinnen konnte.
Karen Marks: Letztendlich ist es wahrscheinlich auf die bestmögliche Art und Weise passiert. Ich musste meine Seele nicht verkaufen, und die Musik hat ihren Weg zurück an die Oberfläche gefunden. Wenn ein Song Anklang findet, kann man ihn nicht unterdrücken. Irgendwie findet er wieder seinen Weg nach oben.
Linda Smith: Sky Girl brachte mir eine Aufmerksamkeit, die ich zuvor nie wirklich erfahren hatte.
[Als »I So Liked Spring« in der Fernsehserie »Forever« verwendet wurde], war das das erste Mal, dass ich mit meiner Musik nennenswert Geld verdient habe. Ich hoffe, es ist nicht das letzte Mal! Mit dem Geld aus der Lizenz für den Song konnte ich mein Auto abbezahlen; es schien mir möglich, mir eine andere Zukunft vorzustellen.


Jahre vergehen
Linda Smith: Ich habe mich 2021 aus dem regulären Berufsleben zurückgezogen. Seit 2023 konnte ich Tourneen durch Teile der USA, Großbritanniens, Italiens und Japans unternehmen. Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Freundin Nancy Andrews (Grapefruit/Gertrude) ein Album mit dem Titel A Passing Cloud aufgenommen und ein Instrumental-Album veröffentlicht. Derzeit arbeite ich an weiteren Aufnahmen und plane für nächstes Jahr eine Tournee durch Australien und möglicherweise auch durch Europa.
Karen Marks: »Cold Café« würde in einer Schublade liegen, wenn die Jungs es nicht gefunden hätten. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar, denn ich hatte nicht vor, etwas damit zu machen. Jetzt planen wir, wieder ins Studio zu gehen, um ein Album fertigzustellen, und anschließend einige ausgewählte Konzerte in Australien und im Ausland zu spielen.
Michael Kucyk: Sky Girl erinnert mich an eine einfachere Zeit, als Efficient Space noch auf blindem Glück basierte und sich, da es erst unsere zweite Veröffentlichung war, alles ziemlich neu und aufregend anfühlte. Ich war damals arbeitslos und konnte es mir deshalb nur leisten, die Doppel-LP in kleinsten Auflagen zu pressen. Ich war zu naiv, um die Resonanz vorausahnen, die es haben würde. Die Auflagen waren sofort ausverkauft, was mich zwang, um Hilfe zu betteln und mir Geld zu leihen, um mehr davon herzustellen. Nach unserer ersten Veröffentlichung, einer 12“-Single mit australischem Backroom-House aus den 1990ern, hat Sky Girl das breite Spektrum von Efficient Space wirklich unter Beweis gestellt und gleichzeitig neu definiert, was eine Compilation sein kann. Ich bin unendlich dankbar, dass sowohl die Künstler als auch Julien und Laurent bereit waren, mir eine Chance zu geben. Auch wenn ich seitdem nicht mehr in Paris war, zähle ich Julien und Laurent nach wie vor zu meinen lieben Freunden und betrachte sie als unerschöpfliche Inspirationsquelle. Julien arbeitete schon bald darauf erneut mit uns am Sebastian-Gandera-Archiv, während Sundae gerade eine neue Compilation für das Label fertiggestellt hat: Nothing Ever Was.
Scott Seskind: Ich engagiere mich in der Sozialarbeit mit Insassen meines örtlichen Gefängnisses, fahre Fahrrad, gieße meinen Garten, esse mit meiner Frau zu Abend, halte Kontakt zu meinen Kindern, Enkelkindern und alten Freunden und besuche meine Schwiegermutter, die gerade in die Hospizpflege gekommen ist.


