»Always have and always will«, erklärte sie. Ihr fällt das Atmen schwer, sie träumt vom Ertrinken, spricht mit Freunden über Suizidgedanken. Jeder Akkord führt zu einem noch herzzerreißenderen, und ihre Stimme hat ohnehin einen extrem betrübten Klang. Harte Melancholie als Grundästhetik.
Auf ihrem neuen Meisterwerk Lost Weekend glänzt Phoebe Bridgers erneut mit tiefer Traurigkeit, kann das Ganze aber anders reflektieren – und sogar ein Licht am Ende des Tunnels sehen: »I have no secrets, only feelings, and I know those go away«. Das dazugehörige Song-Highlight heißt »Haunted« und entwickelt sich von einer melancholischen Folk-Ballade (mit weinender Violine) zu einem selbstbewussten Gefühlsausbruch (mit pulsierendem Groove). »No, I am not afraid«, singt Bridgers lautstark. Wachstum, Freunde. Und Zuversicht.

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Aber gehen wir einen Schritt zurück. Von Anfang an war Phoebe Bridgers die stärkste Emotionsvermittlerin im zeitgenössischen Indie-Rock. Weil sie diesbezüglich einerseits eine radikale Direktheit an den Tag legte, ihre Melancholie aber gleichzeitig mit wortgewandtem Humor kombinierte. Die US-Amerikanerin brachte die offensichtliche Sentimentalität von Songs wie »Scott Street« in Balance mit modernem Witz, ließ sie dadurch interessanter und weniger plakativ wirken. Das Gefühl, die Welt würde an einem vorbeiziehen und man selbst bliebe links liegen, konnte Bridgers in clevere Zeilen verpacken: »I asked you, how is playing drums? / You said, It’s too much shit to carry / And what about the band? / You said, They’re all gettin‘ married«. Man schmunzelt, man fühlt mit.
Sie traf einen Nerv, fing die Stimmung einer Internetgeneration ein, für die Melancholie mehr und mehr zum Alltag wurde. Als man immer öfter von mentalen Problemen junger Menschen hörte, von Depressionen und nicht genügend Therapieplätzen, sang Phoebe Bridgers für uns. Gleichzeitig hatte sie schon seit ihrer ultra-eingängigen Durchbruchs-Single »Motion Sickness« einen gewissen Popstar-Vibe, der anderen Singer-Songwriterinnen ihres Kalibers fehlte. Ohne Probleme konnte Bridgers beispielsweise auch mit Taylor Swift kollaborieren. So wurde Bridgers zur Patronin eines Sub-Genres, das zum prominentesten Sound im Indie-Rock wurde – und immer mehr Einzug in den Mainstream-Pop fand.
Eine Platte, sie alle zu knechten
2020 erschien dann ihr gefeiertes Zweitwerk Punisher, das als einflussreichste Indie-Veröffentlichung der letzten sechs Jahre bezeichnet werden kann. In bestimmten Ecken der Popwelt verlief die aktuelle Dekade gewissermaßen im Schatten dieser Platte; unzählige Acts haben versucht, ebenfalls ein solches Album – voller Tragik und Humor, Pop und Folk, Emo und Stadionrock – zu erschaffen, sind aber (größtenteils) gescheitert. Punisher manifestierte Phoebe Bridgers als wichtigste Indie-Künstlerin der USA – als nahbare Seelenklempnerin zwischen Pop und den kummervollen Schmerzballaden eines Elliott Smith.
Auch als Mitglied der Indie-Supergroup Boygenius wuchs ihr Profil: Gemeinsam mit den ebenfalls sehr melancholischen, sehr sympathischen sowie sehr großartigen Singer-Songwriterinnen Julien Baker und Lucy Dacus, gründete Phoebe Bridgers ein angesehenes Trio, welches dem Melancholiegefühl der drei Sängerinnen einen ansteckenden Gemeinschaftssinn verlieh; ihr 2023 erschienenes Kollaborationsalbum The Record verband die ähnlichen, sich ergänzenden Songwriting-Ansätze der Musikerinnen gekonnt.
Die Erwartungen für ein neues Album waren dementsprechend groß. Sechs Jahre nach ihrer letzten Soloplatte Punisher meldet sich Phoebe Bridgers also mit Lost Weekend zurück – und natürlich lautet das erste Wort im ersten Song: »crying«. Klar. Schnell wird jedoch deutlich, dass Bridgers immer noch eine herausragende Texterin ist und nichts von ihrem ursprünglichen Talent verloren hat. Im Gegenteil. Die gesamte Eröffnungszeile von »The Outside« lautet: »Crying in a suit and tie, but you should see the other guy«. Da ist es wieder, dieses Schmunzeln. Punchlines schallen aus jeder Ecke, stechen immer wieder heraus. Die Balance zwischen Traurigkeit und Humor ist weiterhin intakt.

Wie intim kann ein Song sein?
Was anders ist: die roboterhaften Vocoder-Effekte auf ihrer Stimme, bei denen man sich klar an Bon Iver (und dessen Platte 22, A Million) sowie James Blake (und dessen Frühwerk) erinnert fühlt; es ist, als würde Bridgers bewusst nicht erkannt werden wollen. Elektronische Spielereien sind auf Lost Weekend auffälliger als je zuvor – ein mögliches Resultat ihrer Zusammenarbeit mit dem progressiven Indie-Songwriter Alex G, dessen Einfluss auf dem gesamten Album spürbar ist, und der seine Folksongs ebenfalls gerne mit aneckenden Digital-Gewittern enden lässt.
Die Verfremdungseffekte passen zur thematischen Ausrichtung von Lost Weekend: Die Platte lässt sich als klassisches Post-Fame-Album beschreiben, auf dem Phoebe Bridgers am liebsten wieder unbekannt wäre und sich an unschuldigere Zeiten zurückerinnert. Ein besonders eindeutiger Song besteht lediglich aus folgenden Worten: »Never going back again, the way it used to be is not the way that it is«; im Highlight »As Above« singt sie davon, wie sie einen Film geschaut hat, in dem es um das Zurückreisen in der Zeit geht – und wie sie dadurch emotional wurde, vermutlich weil sie wusste, dass eine solche Rückkehr unmöglich ist. Die Vergangenheit spielt hier eine gigantische Rolle und wird auf extrem autobiografische Weise aufgegriffen. Auch der Tod ihres Vaters ist ein Kernthema.
Nie ist die Platte zu plakativ, wenn es um solche Themen geht. Außerdem: Es wird nicht nur gelitten, sondern auch gerockt. Schon die Lead-Single »Lost Boys« war pompös. Ein perfekter Song mit ausgetüfteltem Melodieverlauf, schimmerndem Arrangement und enigmatischem Text. Das Album-Highlight »Bobby« steht dem in nichts nach: fette Drums, Mike Kinsella von der Emo-Band American Football spielt Gitarrenarpeggios, dazu gibt’s Digitaleffekte und Banjo und Geschrei. Grund dafür ist hier keineswegs Wut oder Unzufriedenheit, sondern die Liebe (juhu!). Seitdem Bridgers sich vom Schauspieler Paul Mescal getrennt hat – auch darum geht’s auf »Lost Weekend« –, ist sie mit dem Comedian/Filmemacher/Musiker Bo Burnham zusammen, der in »Bobby« gemeint ist. Passenderweise gesteht die Songwriterin ihre Liebe zu ihm auf besonders humorvolle Weise: Sie habe ohnehin nur zwei Freunde, aber auch diese würde sie für Burnham umbringen; er sei so ein toller Liebhaber, singt sie, dass sie nicht mal mehr ihren Vibrator benötige. »Now I don’t know if I can make it tonight. But what are you doing the rest of my life, Bobby?«.
Sämtliche Songs auf Lost Weekend stellen die Frage, wie intim ein Song sein kann, wenn er gleichzeitig gigantisch klingen soll; auch die weitreichende Struktur des Albums ist überwältigend. Ambient-Interludes, Power-Balladen, ein wunderschöner Duett-Moment mit Cameron Winter in »I Can’t Wait«. In all diesem Trubel klingt Phoebe Bridgers tatsächlich lost, wenn auch im bestmöglichen Sinne: Nicht Bridgers sitzt hier am Steuer, sondern das Leben, der Tod, die Liebe. Sie wird hier herumgeworfen, hat nur bedingt Kontrolle, und das ist es doch, was ein lost weekend letztlich mit sich bringt: Kontrollverlust. Phoebe Bridgers ist verloren, und wir sind es mit ihr. Doch seid unbesorgt, uns kann nichts passieren: »You won’t have to believe in magic«, singt unsere Wegweiserin gegen Ende dieses fantastischen Meisterwerks. »Leave it to me and I’ll make it happen.«
