Records Revisited: Bright Eyes – LIFTED or the Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground (2002)

25.11.2022
»LIFTED« war das Durchbruchsalbum von Bright Eyes. Auf ihm erzählte Conor Oberst von versperrten Zukunftsperspektiven und messianischen Versprechen – von post-apokalyptischen Einsichten.

Als in den USA das 20. Jahrhundert am 11. September 2001 zu Ende ging, war Conor Oberst gerade mit seiner Band Desaparecidos im Studio. Ihr Debütalbum »Read Music/Speak Spanish« sezierte mit Wut und Hohn die US-amerikanische Ideologie und die davon getragenen Missstände im Land und wurde im Chaos nach dem Attentat auf das World Trade Center fürs Erste auf Eis gelegt: Es war auf eine Art zu zeitgenössisch, legte den Finger zu tief in die frische Wunde. Zwei Monate jedoch später ging Oberst erneut ins Studio, um sich wieder seinem Projekt Bright Eyes mit Mike Mogis und einem sich ständig drehenden Karussell von Gastmusiker:innen aus der Szene Nebraskas zu widmen. »LIFTED or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground« erschien im August 2002 und sollte ihren endgültigen Durchbruch markieren. Womöglich auch, weil es nicht die äußeren Gegebenheiten, sondern innere Zustände auf den Prüfstand stellte.

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Bright Eyes
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Als »LIFTED« erschien, war Oberst 22 Jahre alt und schon seit zehn Jahren im Geschäft, er hatte in einem guten Dutzend Bands gespielt. Bright Eyes hatte er als Teenager im Keller seines Elternhauses gegründet und für die Aufnahmen Personal und Instrumentarium konstant erweitert, elektronische Elemente als auch Zitate klassischer Musik in seine Musik einfließen lassen. Im Zentrum jedoch stand ein Folk-Verständnis, das auf dem Studium Bob Dylans ebenso fußte wie es die Sensibilität eines Nick Drake und die hemdsärmeligen Kaputtheit eines Neil Youngs mit der Exzentrik eines Daniel Johnston miteinander vereinte. Auch schlug es Brücken zu verschiedenen Depri-Rock-Strömungen der 1980er- und 90er-Jahre: Bitter und kalt wie The Cure in ihren düstersten Momente, bisweilen explosiv wie die Grunge-Generation, desolat wie viele andere Bands des Roster seines Labels Saddle Creek oder selbstmitleidig wie die dritte Welle von Emo-Bands, mit deren Vertreterinnen Oberst als Teil von Desaparecidos die Bühne teilte.

Ein abgründiger und kaputter Mensch, ein sympathischer Typ.

Conor Oberst persiflierte das selbst, doch blieb der Makel des Wehleidigen an ihm haften – was seiner Karriere wiederum zum Vorteil gereichte. Denn der spindeldürre Typ mit dem verstrubbelten Scheitel hatte Charisma und traf den Nerv der Zeit. Er repräsentierte einen neuen Typus Rockstar, der auf einem komplexeren Männlichkeitsbild als noch das der Grunge-Generation beruhte: Hyperintim und doch komplett durchlässig, selbstreflektiert und -zerstörerisch, eloquent und vulgär, verzweifelt und angepisst, Autodidakt und Alleskönner, brütendes Genie und nimmermüder Teamplayer. Ein abgründiger und kaputter Mensch, ein sympathischer Typ. Einer, der oft »Ich« sagte und dabei nicht sich selbst meinte, weshalb er vielen das Gefühl gab, für sie zu sprechen. Der auf den Punkt brachte, dass das Problem nicht darin bestand, dass niemand mehr glauben wollte – sondern dass sich stattdessen alle fragten, warum sie überhaupt irgendetwas glauben sollten.

Nach der Apokalypse

Fast ein Jahr nach 9/11 gab »LIFTED« auf solcherlei umfassende Fragen nach dem Sinn und Zweck des Lebens keine Antwort. Stattdessen jedoch gab es seinem Publikum das Gefühl, dass sie noch dringender als zuvor gestellt werden mussten. »The picture’s far too big to look at, kid / Your eyes won’t open wide enough / And you’re constantly surrounded / By the swirling stream of what is and what was«, lauten die ersten von Oberst gesungenen Zeilen dieser Platte und eine bessere Umschreibung der Welterfahrung der CNN- und DSL-Generation hätte wohl nicht gefunden werden können. »The Big Picture« stellt aber in erster Linie eine Abrechnung mit der Elterngeneration dar, die ihr die Perspektiven geraubt hatte: Das Wort »lifted« im Albumtitel, das auch in der letzten Zeile des nach fast neun Minuten abrupt abbrechenden Stücks auftaucht, lässt sich je nach Kontext mit »gestohlen« übersetzen. Zugleich schreibt sich die Verwendung des Begriffs aber auch aus der christlichen Literatur her, dem biblischen Versprechen der Entrückung – ins Himmelreich »gehoben« zu werden.

Das passt zur musikalischen Gestaltung dieser zwischen dreieinhalb und zehn Minuten langen Stücke, die sich wie klassische Folk-Songs musikalisch im Kreis drehen und sich dank Oberst mit zitternder Stimme vorgetragenen Lyrics doch irgendwie fortbewegen. Effektiv ist dieses Miteinander aus erdrückender Stasis und erhebender Hoffnung vor allem, weil es kongenial inszeniert wurde. Oberst schrieb schon immer simple Songs, die er komplex arrangierte und erreichte darin auf »LIFTED« erstmals seinen kreativen Höhepunkt. Hin und wieder schwillt das Klangbild so mächtig an wie bei den zeitgleich mit anderen Mitteln eine ganz ähnliche Atmosphäre zum Ausdruck bringenden Constellation-Bands, dann wieder ist es so schlicht und nackt wie die Musik von Elliott Smith oder Songs: Ohia. Varieté-artige Klänge, Kneipenmusik eigentlich, nah am Karnevalesken, fanden ihren Einzug in die Musik von Bright Eyes und zwischendurch deuteten Country-Anleihen schon die musikalische Zukunft von Oberst an. Mit geschickten Arrangements und der detailreichen, lückenlosen Produktion Mogis’ bauten Oberst und seine Studiokolleg:innen Mini-Operetten, die für sich existieren und doch nur im Verbund wirklich Sinn stifteten.

Er ist kein Prediger, kein Prophet, sondern genauso ratlos wie alle anderen auch.

»LIFTED« eröffnet ein Spannungsfeld zwischen Schein und Sein, den Altlasten der Vergangenheit und messianischen Versprechen, ein Panorama nach der Apokalypse im doppelten Wortsinn: nach dem Ende einer Welt und der Offenbarung, dass diese schon immer nur auf Sand gebaut war. In fast jedem der 13 Stücke wird auf dieses Stunde-Null-Gefühl rekurriert, indem die Zukunft thematisiert wird – oder zumindest, wie sie Obersts lyrischen Ichs und Figuren versperrt scheint. Die Parole »No Future« wurde neu formuliert, und zwar als Frage. »What Future?« ist der unausgesprochene Refrain dieses Albums, die Erlösung wird im Argot christlicher Eschatologie immer wieder in Aussicht und zugleich doch infrage gestellt. »No, I don’t look back because the road is clear / And laid out ahead of me«, heißt es in einem, »Working on the record seems pointless now / When the world ends, who’s gonna hear it?« dann aber wieder schon im nächsten Song. Das ist auch Teil der expliziten oder impliziten Distanzierungen, die Oberst auf dem Album wiederholt vornimmt: Er ist kein Prediger, kein Prophet, sondern genauso ratlos wie alle anderen auch. So bietet das Album eine konzise politische Analyse der Entpolitisierung einer ganzen Generation, indem es sich aufs vermeintlich Persönliche verlagert.

Zwischen Schein und Sein

»LIFTED« endet, wie es begonnen hat, und doch gänzlich anders. »Let’s Not Shit Ourselves (To Love and Be Loved)« ist ähnlich lang wie »The Big Picture«, ein energisches Dylan-Zitat mit zehn Minuten Länge. Die verbauten Zukunftsperspektiven werden eingangs wieder zitiert: »I’ve seen a child, he’s caught in the sad trap of gravity«. Von Entrückung keine Spur, im Gegenteil. Der Erzähler liegt nach einer Überdosis im Krankenhaus, nachdem er sich den Schein ergeben hatte und muss nun eine bittere Offenbarung erleben. Am Krankenbett steht aber ein Vater, der ihm vergibt und ihn liebt, den verlorenen Sohn aus einer verlorenen Generation. Das darin – wieder dezidiert oder zumindest implizit christliche – Heilsversprechen wird weitergesponnen, weder negiert und noch affirmiert: »To love and to be loved / Let’s just hope that is enough«, lauten Obersts letzte Zeilen.

Nach der Apokalypse keimt eine zaghafte Hoffnung auf Hoffnung: Vielleicht könnte diese Generation ohne Begriff von der Zukunft, wenn sie erst mit sich selbst und dem Untergang der Welt ins Reine gekommen ist, doch Entrückung erfahren. Womöglich könnte sie über die äußeren Umstände erhoben werden, die ihr die Sicht auf den Weg nach vorne versperren. Oder zumindest tief im Inneren wieder Glauben fassen.